In zehn Jahren werden die 67-Jährigen die 92-Jährigen pflegen. Kurt Biedenkopf

Von der europäischen Sklavenmoral

Nicht die Höhe: der Abhang sei das Furchtbare!, so Friedrich Nietzsche, der Denker des Abgründigen und der Höhe zugleich. Höhe könne jedoch nicht geschenkt, sondern wolle erklommen werden, notierte der deutsche Schriftsteller Paul Richard Luck. Was aber, wenn der Mensch nicht mehr klettern will, sondern fordert, dass ihm alles nach unten gebracht werde, auch die Höhe?

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Woran wird Europa zu Grunde gehen und das zu Recht?

So lautet die Frage. Und es gibt nicht nur die eine Antwort, sondern viele solcher, da es vieles gibt, was Europa nach unten zieht, vor allem aber eines: dass die Niederen es geschafft haben, ihre Niedrigkeit zum Maßstab selbst zu machen. Dass sie es geschafft haben, alles mehr und mehr zu dominieren, so dass zum Beispiel Niedere in höchste Ämter aufsteigen konnten. Dass sie es geschafft haben, nahezu jegliche Höhe selbst abzutragen, auch, ja vor allem im Ethischen, in dem sie die Lust am Klettern und die Sehnsucht nach der Bergspitze untergruben.

Wenn das Niedere zum Besseren erklärt wird, wenn das sich selbst Kleinmachen en vogue ist, wie soll sich dann kohärent gewehrt werden können, wenn noch Niedrigere kommen, die nun sich zum Maßstab erheben? Wer nicht nur süchtig ist nach sich selbst, sondern das Niedere wirklich liebt, muss dies begrüßen, denn das Niedere ist ja, so die Prämisse, gerade das Gute, das Wertvolle, dasjenige, welchem die höchste Aufmerksamkeit und Zuwendung gebührt.

Zahlenmäßig aber ist das Niedere immer in der Übermacht, weil der Weg von unten nach oben nie ein leichter, anstrengungsloser ist und der Mensch zur Trägheit neigt, zudem die Natur ihre Gaben höchst ungerecht verteilt, nur hin und wieder besonders großzügig ist, und die Niederen sich zusätzlich besonders gerne reichlich reproduzieren. Ergo kann es, wenn die Masse nicht nur mitbestimmt, sondern bestimmt, langfristig immer nur eine Richtung geben: nach unten, von der Niedrigkeit in die niedere Niedrigkeit, niemals in die Höhe.

Die Übernahme der Herrschaft durch die Niederen

„Die allesinfiltrierende Massenkultur ist aufgrund ihrer siegreichen Mischung aus Simplifizierung, Respektlosigkeit und Unduldsamkeit jeder normativen Vorstellung abgeneigt, erst recht von Höhen, an denen sie sich messen sollte“, schreibt Peter Sloterdijk.

„Kommt, lasst uns die Welt wieder flach machen“, ruft der laue Mensch , der sich zugleich gerne als die Krönung der Schöpfung sehen möchte, den anderen zu. Denn wenn es keine Höhe mehr gibt, so auch keinen, der auf ihn herabblicken kann, keiner, der es wagen könnte, zu ihm zu sagen „Streng dich an, da musst du hinauf“. Denn der neue laue Mensch möchte sich von niemand mehr etwas sagen lassen.

Ohne eine dritte Dimension kein Urteil über die Höhe der eigenen Produkte, des eigenen Tun und Handelns, der eigenen Person, des eigenen Lebens, des eigenen Seins. Dies ist die Art, wie der Niedere ganz ohne innere Anstrengung zur gleichen Höhe gelangen kann wie die Höchsten, indem er allen verbietet, vom Oben zu sprechen. So kann das niedere Ich die eigene Niedrigkeit vor sich selbst und vor den Augen der anderen verbergen, unsichtbar machen, indem es jede Höhe negiert, um sie so allmählich abzutragen.

Der utopische Ausweg aus der Aporie

Was uns fehlt und was es bedurfte? Solche, die die höchsten Höhen erklimmen, sich von dort einen Überblick verschaffen und die sich dann um das Ganze, das Niedere, das Höhere und das Höchste bemühen, weder das eine gegen das andere ausspielen (Jesus) noch das andere gegen das eine (Nietzsche).

Und eine Masse, die zumindest so schlau wäre zu erkennen, welches diejenigen sind, die derart innerlich gestimmt, eine Masse, die zwar nicht imstande, deren Musik selbst zu erzeugen, aber zu vernehmen. Eine Masse, die hören kann und die die Höhe liebt.

Quelle: Jürgen Fritz

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Gunter Weißgerber, Sebastian Kurz, Wolf Achim Wiegand.

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