Zum Kauf von Büchern gehe ich aber noch immer lieber in den Buchladen. Brigitte Zypries

Woher rührt diese selbstdestruktive Sehnsucht nach Grenzenlosigkeit, die uns direkt in den Untergang zu treiben droht?

Irgendetwas läuft in der gesamten westlichen Welt von Grund auf schief. Dies spüren immer mehr Menschen. Es läuft so sehr schief, dass unsere gesamte Zivilisation daran zerbrechen könnte. Doch was steckt im innersten Kern dieser Fehlentwicklung und wo nahm sie ihren Ausgangspunkt?

Handlung – Folge – Verantwortung – Schuld

Menschen sind Wesen, die – im Gegensatz zu Tieren – zu Handlungen fähig sind, die also nicht nur einfach agieren, sondern bewusst und zielgerichtet tätig werden können, die ein Motiv haben und mit ihrer Handlung ein Ziel verfolgen, welches sie anstreben. Damit tragen sie – anders als zum Beispiel bei unwillkürlichen Reflexen – Verantwortung für ihre Handlungen. Und sie tragen Verantwortung für die Folgen dieser, denn jede Handlung zeitigt Folgen.

Die griechische Tragödie umkreist diesen Zusammenhang wieder und wieder. Sie thematisiert, dass alles Handeln Folgen nach sich zieht, die auf den Handelnden zurückschlagen. Und dieser Tun-Ergehens-Mechanismus sorgt in irgendeiner Weise für eine Art höhere Gerechtigkeit, so die Vorstellung, die viele von uns auch heute noch in sich tragen. Ob dies nun stimmt oder nicht, sei dahingestellt, aber auf jeden Fall hat diese Vorstellung einen ganz großen Vorteil: Denn weise ist es unter dieser Prämisse, aus den Widerfahrnissen und den Leiden, die man derart selbstverschuldet erfährt, zu lernen.

Wenn jemand wieder und wieder auf die heiße Herdplatte hinlangt und sich jedes Mal aufs Neue die Hand verbrennt, dann sind wir versucht zu denken: „Na ja, selbst schuld. Warum ist der denn auch so blöd und fasst immer wieder hin?“. Uns ist klar, das liegt nicht am bösen Herd, dass die Hand ein zweites, ein drittes, ein viertes, ein fünftes Mal verletzt wurde. „Bedenke die Folgen!“ sagt das Sprichwort.

Zu Grunde liegt dem, dass der Zusammenhang zwischen Handlung und Folge durchschaut, dass der Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung erkannt wird. Der Handelnde, insbesondere auch der Verbrecher, trägt also, so sagen und so denken wir, Verantwortung für die Folgen seiner Tat, so sie für ihn erkennbar waren oder hätten sein müssen. Er lädt dann Schuld auf sich, die es zu sühnen gilt, um die Gerechtigkeit, die durch die unrechte Tat, gestört und ins Ungleichgewicht gebracht wurde, wieder ins Gleichgewicht, wieder ins Lot zu bringen.

Dostojewski löst Verantwortung und Schuld von der Handlung

Wir sind also im Gegensatz zum Tier Wesen, die Verantwortung tragen – das aber nur für unsere eigenes Tun, nicht für das von anderen, die wir gar nicht kennen. Wir sind Wesen, die Verantwortung übernehmen können. Genau das gehört mit zu dem, was uns als Menschen auszeichnet und aus der gesamten Natur weit heraushebt. Just dieser – eigentlich ganz logische – grundlegende, ja essenzielle Zusammenhang scheint seit einiger Zeit irgendwie seltsam in Vergessenheit geraten oder außer Kraft gesetzt worden zu sein und dies mit unabsehbaren Folgen, die, wenn wir Pech haben, unsere gesamte Existenz bedrohen wird. Aber wie nur konnte es dazu kommen? Wo kommt das her? Wo nahm es seinen Ursprung?

Eine entscheidende, wenn nicht die entscheidende Weichenstellung überhaupt fand statt, so jedenfalls die Analyse des Althistorikers und Philosophen Egon Flaig, in dem Werk des russischen Schriftstellers Fjodor Michailowitsch Dostojewski (1821-1881), einer der bedeutendsten russischen Schriftsteller überhaupt. Es war Dostojewski, der die völlige Entgrenzung von Schuld und Verantwortung propagierte, die den heutigen grünen und neulinken Zeitgeist völlig dominieren, eine Denkweise, die uns das Genick brechen könnte.

In seinem berühmten, enorm wirkmächtigen Roman – der frühere Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki bezeichnete ihn als den besten Roman der Welt – Die Brüder Karamasow, geschrieben 1878 bis 1880, belehrt die Romanfigur des Staretz Sossima seine Mitmönche, ein jeder habe zu erkennen:

„… daß ein jeder von uns schuldig ist für alle und alles auf Erden, darüber besteht kein Zweifel, und dies nicht nur durch seinen Anteil an der allgemeinen Weltschuld, sondern ein jeder von uns ganz persönlich für alle Menschen und für jeden einzelnen Menschen auf dieser Erde … Erst nach dieser Einsicht kann sich unser ergriffenes Herz zu jener unendlichen Liebe weiten, die die ganze Welt umspannt und keine Sättigung kennt. Dann wird auch jeder von Euch die Kraft haben, die ganze Welt durch seine Liebe zu erringen und mit seinen Tränen die Sünden der Welt abzuwaschen.“

Levinas setzt die Moral in Form von grenzenloser Verantwortung über die Wahrheit

Dieses wohl zutiefst christliche Motiv greift dann der französisch-litauische Philosoph Emmanuel Levinas (1905-1995), der mit der Tora und der klassischen russischen Literatur, insbesondere Dostojewski aufwuchs, auf. Er erhebt diesen Gedanken der grenzenlosen Verantwortung im 20. Jahrhundert zum Prinzip, das sich dann vermittelt durch wieder andere immer mehr in den Köpfen und Herzen der westlichen Gesellschaften ausbreitet. Levinas übersetzt die Vision des Staretzen Sossima in die Sprache der Philosophie. Aber er macht noch etwas: Er schneidet die Allgnade und damit das Moment des Trostes heraus. Übrig bleibt eine grenzenlose Verantwortung.

Da im 20. Jahrhundert zugleich der Begriff der Wahrheit, im griechischen Denken, das uns Europäer, gerade uns Deutsche zutiefst geprägt hat, vielleicht der Schlüsselbegriff überhaupt, zunehmend unter das Dauerfeuer der Gegenaufklärer gerät – der postmoderne Eurpäer bastelt sich inzwischen seine eigene „Wahrheiten“, ganz nach Gusto und bisweilen unter völliger Abkopplung von der Realität, also genau dem, was Wahrheit überhaupt erst grundiert -, zieht Levinas die äußerste Schlussfolgerung. Was macht er?

Wenn die Wahrheit ohnehin nicht mal allgemein anerkannt wird, ja nicht einmal ein verbindlicher Begriff davon, was das Wort „Wahrheit“ überhaupt bedeutet, dann braucht es einen neuen absoluten Bezugspunkt. Und den findet er wo? In der Moral. Damit verkehrt er die griechische Rangfolge zwischen Wahrheit und Moral in ihr Gegenteil. Die moralische Pflicht und zwar hier inhaltlich höchst fragwürdig gefüllt mit: grenzenloser Verantwortung steht nun über der Wahrheit.

Der Andere wird sakralisiert und die Verantwortung für eigenes Handeln aufgehoben

Und nun verstehen Sie wohl auch die ganze Verlogenheit der Grünen und Neulinken. Wo es gar keine Wahrheit mehr gibt – der Begriff selbst wird ja sogar in Frage gestellt, nicht nur konkrete inhaltliche Füllungen -, da gibt es auch keine objektive Lüge mehr. Damit ist hier alles erlaubt. Die Wahrheit ist nun nichts mehr, das dem Rang der Heiligkeit zukäme. Heilig wird jetzt etwas anderes, nämlich der Andere. Wieso das?

Siehe Dostojewski: „…jeder von uns schuldig ist für alle und alles auf Erden …ein jeder von uns ganz persönlich für alle Menschen und für jeden einzelnen Menschen auf dieser Erde“. Der Andere wird also quasi sakralisiert beziehungsweise divinisiert (vergöttert) – und zwar jeder! Dostojewski kann hier natürlich anknüpfen an die jüdisch-christliche Nächsten-, inklusive der Feindesliebe.

Was dieses Prinzip der grenzenlosen Verantwortung aber bewirkt, welch verheerende Folgen es nach sich zieht, erklärt Egon Flaig wie folgt: „Wenn alle schuldig sind (siehe Dostojewski und siehe die christliche Erbsündenlehre, JF), dann gibt es keine Verbrecher mehr. Dann zerlaufen alle Konturen der Verantwortung für eigenes Handeln. Folgerichtig hören die Gerichte auf, Recht zu sprechen; denn die Richter sollen nicht mehr urteilen und strafen, sondern verzeihen. Mitgedacht ist die Allgnade, welche letzten Endes alle Schuld tilgt und vom Bösen nichts mehr übrig läßt.“

Folgerichtig ist das Wort „böse“ fast völlig aus dem modernen Wortschatz verschwunden, wozu auch die Psychologen einen wesentlichen Teil beigetragen haben dürften, die weder in moralischen noch in ontologischen Dimensionen denken, sondern diese vollkommen ausklammern. Die Menschen haben für böse inzwischen oft gar kein Wort mehr, weil dieser Begriff, dieses mentale Konzept in ihrem Geist kaum noch vorkommt, und ebenso ist der Wahrheitsbegriff systematisch untergraben worden.

Es gibt keine Feinde mehr, sondern nur noch Objekte der Liebe

„Am Ende“, so nochmals Egon Flaig, „entkäme somit selbst der Teufel nicht der Gnade, welche ihn heimholt. Die großartige Idee der menschlichen Zusammengehörigkeit – hinweg über Zeiten und Länder – ist hier einer Radikalität gedacht, die sogar über die Bergpredigt hinausgeht.“

Was hier zerstört wurde, ist die Erkenntnis des Zusammenhangs zwischen: Handlung – Folge – Verantwortung – Schuld. Dieser logische Nexus wurde zertrümmert. Und es fehlt noch etwas Entscheidendes: die Kategorie des Feindes. Es gibt keine Feinde mehr, sondern nur noch Objekte der Liebe. Wer einem feindlich begegnet und einen zerstören will, den darf man nicht bekämpfen oder gar vernichten, auch nicht, um sich zu schützen, sondern man muss ihm mit noch mehr Liebe begegnen. Margot Käßmann: „Wir sollten versuchen, den Terroristen mit Liebe zu begegnen“.

Dies führt natürlich direkt in die Selbstdestruktion und damit auch in die Zerstörung des Liebesprinzips. Aber auch das können die von dieser Denkungsart Befallenen natürlich wieder nicht erkennen, weil sie ja den Zusammenhang: Handlung – Folge – Verantwortung – Schuld aufgelöst haben. Alle sind schuldig. Und das immer schon, auch wer gar nichts getan hat. Die Schuld wird aus der konkreten Wirklichkeit herausgetrennt, sie wird zum metaphysischen Prinzip erhoben, das immer schon da ist und dem mit einem anderen metaphysischen Prinzip zu antworten ist: mit bedingungsloser, grenzenloser Liebe.

Diese selbstzerstörerische Art zu denken aber geht zurück auf den jüdischen französischen Philosophen Emmanuel Levinas beziehungsweise wenn wir weiter zurückgehen auf den christlich geprägten und sich zum Sozialismus hingezogen fühlenden russischen Schriftsteller Fjodor Michailowitsch Dostojewski.

*

Literaturempfehlung: Egon Flaig, Die Niederlage der politischen Vernunft – Wie wir die Errungenschaften der Aufklärung verspielen, zu Klampen, 2017

Quelle: “Jürgen Fritz”: https://juergenfritz.com/2018/05/13/sehnsucht-nach-grenzenlosigkeit/

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Vera Lengsfeld, Martin Lohmann, Beatrice Bischof.

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