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Wie „denken“ Türken über Atheisten?

Mustafa Kemal Pascha (Atatürk), der erste Präsident der 1923 gegründeten Republik Türkei, führte mit strenger Hand von oben herab tiefgreifende Reformen im politischen und gesellschaftlichen System durch. Sukzessive wurde die Türkei in einen modernen, säkularen und europäisch orientierten Staat verwandelt.

Allein es stellt sich die Frage, inwieweit es ihm gelungen ist, die türkische Bevölkerung auf den Weg hin zu Europa und in die Moderne mitzunehmen. Sehr aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang, wie Türken im 21. Jahrhundert über Atheisten denken.

Atatürk reformiert und modernisiert die Türkei.

Bereits 1922, ein Jahr vor der Gründung der Republik Türkei, ließ Mustafa Kemal Pascha das Sultanat abschaffen, zwei Jahre später das Kalifat. Noch im gleichen Jahr auch die Scharia, das religiöse islamische Gesetz. Die einflussreichen islamischen Bruderschaften wurden verboten. In den Folgejahren wurden ganze Rechtssysteme aus europäischen Ländern übernommen und den türkischen Verhältnissen angepasst: a) das Schweizer Zivilrecht – und damit die Einehe mit der Gleichstellung von Mann und Frau, b) das deutsche Handelsrecht und c) das italienische Strafrecht.

1928 wurde die Säkularisierung ausgerufen, also die Trennung von Religion und Staat, welche die Voraussetzung für eine moderne, demokratische Gesellschaftsform darstellt. Die arabische Schrift wurde durch die lateinische ersetzt, das Frauenwahlrecht eingeführt. 1934 verlieh das Parlament Mustafa Kemal, der von der Bevölkerung leidenschaftlich verehrt wurde, den Nachnamen Atatürk (Vater der Türken).

Die Re-Islamisierung der Türkei unter Erdoğan und das islamische Menschenbild

Nach seinem Tode 1938 wurden nur ganz wenige der von Atatürk durchgeführten Reformen und Modernisierungen der Türkei wieder zurückgenommen. Genau das aber sollte sich unter Recep Tayyip Erdoğan, der seit März 2003 zunächst Ministerpräsident, dann seit August 2014 Präsident der Türkei ist, ändern. Spätestens seither wird die Türkei immer mehr re-islamisiert.

Die islamische Lehre hat nun eine klare hierarchische Einteilung der Menschen. Ganz oben stehen

- die Muslime, genauer: die muslimischen Männer, da die Frauen generell unter den Männern stehen. Ihnen folgen

- die Juden und Christen, da sie zumindest auch an den „einen und einzigen Gott“ glauben und eine „heilige Schrift“ haben, wenngleich sie die islamische Lehre, welche die einzig richtige ist, verfälschen.

- Stelle folgen dann die religiösen Menschen, die an viele Götter glauben, die Polytheisten, also zum Beispiel Hindus. Noch schlimmer aber sind aus islamischer Sicht

-diejenigen, die an gar keinen Gott glauben, also die Atheisten, welche in der islamischen Weltanschauung ganz unten stehen, auf der Stufe von Tieren, wenn nicht sogar noch unter diesen.

Wie „denken“ Türken über Atheisten?

Nach offiziellen Angaben sind sind ca. 99 Prozent der türkischen Bevölkerung Muslime, davon sind ca. 82 Prozent Sunniten, 16 Prozent Aleviten und etwa 1 bis 2 Prozent Alawiten. Außerdem soll es in der Türkei noch ca. 0,2 Prozent Christen und 0,04 Prozent Juden geben. Wie viele Atheisten es tatsächlich gibt, dürfte gar nicht so einfach feststellbar sein. Warum nicht? Nun, weil es für diese wohl gar nicht so ungefährlich sein dürfte, sich zu ihrem Weltbild öffentlich zu bekennen.

Wie Türken nicht selten über Atheisten denken, können Sie in dem folgenden kurzen Video (1:08 Minuten) sehen und hören. Inwieweit diese Aussagen repräsentativ sind, kann hier nicht beurteilt werden. Gleichwohl dürften die sechs kurzen Statements doch einen gewissen, sehr aufschlussreichen Einblick geben.

A: „Ergreift sie alle und tötet sie.“ – „Wen?“ – „Die Atheisten. Sie glauben nicht an Allah un den Koran.“

B: „Das sind Tiere, keine Menschen.“- „Was meinst du damit?“ – „Das sind keine Menschen. Sie sind nicht wie wir.“

C: „Allah verdammt sie. Sie glauben nicht an Allah. Zur Hölle mit ihnen!“

D: „Allah verdammt sie. Ich sollte einen von ihnen erstechen, wo immer ich sie finde. Die Atheisten. Sie glauben nicht an Allah.“ – „Aber würdest du sie zum Islam einladen? Würdest du ihnen was über deine Religion erzählen?“ – „Nein. Wir sollten sie dem IS geben, so dass die ihre (atheistischen) Kehlen durchschneiden.“ – „Also sind es keine Menschen wie wir?“ – „Das sind keine Menschen“.

E: „Sie sind ignorant. Sie sind Ungläubige. Sie sind Lügner und sie werden dich täuschen. Oder was denkst du, was Atheist bedeutet?“

F: „Sie haben keine Ehre.“ – „Warum?“ – „Leute, die nicht an Allah glauben, sind keine Menschen. Das sind Tiere. Sie haben kein Gehirn.“

Haben diese heute virulenten Welt- und Menschenbilder etwas mit dem Koran zu tun?

Zur Beantwortung dieser Frage seien hier einige wenige Koranstellen zitiert (es gäbe zig weitere):

- „Als die schlimmsten Tiere (dawaabb) gelten bei Allah diejenigen, die ungläubig sind und (auch) nicht glauben werden.“ – Sure 8, Vers 55

- „Diejenigen, die sich Allah und seinem Gesandten widersetzen, die gehören zu den Niedrigsten.“ – Sure 58, Vers 20-21

- „Ich habe nur etwas auszurichten von Allah und seinen Botschaften. Und für diejenigen, die gegen Allah und seinen Gesandten ungehorsam sind, ist das Feuer der Holle bestimmt; darin werden sie auf immer ewig weilen.“ – Sure 72, Vers 23-24

- „Die Gläubigen sollen sich nicht die Ungläubigen anstelle der Gläubigen zu Freunden nehmen. Wer das tut, hat keine Gemeinschaft mit Allah, es sei denn, ihr hütet euch wirklich vor ihnen. Allah warnt euch vor sich selbst. Und zu Allah führt der Lebensweg.“ – Sure 3, Vers 29

- „O ihr, die ihr glaubt, nehmt euch nicht die Ungläubigen anstelle der Gläubigen zu Freunden. Wollt ihr denn Allah eine offenkundige Handhabe gegen euch liefern?“ – Sure 4, Vers 145

- Sie möchten gern, ihr würdet ungläubig, wie sie ungläubig sind, So dass ihr ihnen gleich würdet. So nehmt euch niemanden von ihnen zum Freund, bis sie auf dem Weg Allahs auswandern. Wenn sie sich abkehren, dann greift sie und tötet sie, wo immer ihr sie findet, und nehmt euch niemanden von ihnen zum Freund oder HeIfer.“ – Sure 4, Vers 90

Quelle: Jürgen Fritz

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Sevim Dagdelen , Dietmar Bartsch, Hans-Olaf Henkel.

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