Medien-Skandal um „Finis Germania“

von Jürgen Fritz25.06.2017Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Ein Buch sorgt derzeit für Schlagzeilen wie kaum ein anderes: Finis Germania von Rolf Peter Sieferle. Bei Amazon ist es auf Platz 1 der Verkaufscharts gestürmt. Doch dann geschah Unglaubliches. Plötzlich war das Buch wieder weg von der Liste, und rätselhafterweise verschwand auch ein Redakteur. Außerdem setzte der NDR die Zusammenarbeit mit der Jury bis auf weiteres aus. Ein handfester Skandal!

Sieferle. Bei Amazon auf Platz 1 der Verkaufscharts. NDR Kultur und die Süddeutsche Zeitung nahmen es auf ihre Empfehlungsliste „Sachbücher des Monats“. Doch dann geschah Unglaubliches. Plötzlich war das Buch wieder weg von der Liste und der, es dorthin gebracht hatte, war gleich mitverschwunden. Außerdem setzte der NDR die Zusammenarbeit mit der Jury bis auf weiteres aus, weil diese die Unverfrorenheit besessen hatte, Sieferles Werk überhaupt zu nominieren. Doch was ist so skandalös an diesem Buch?

Allerhand Schlagzeilen und Wirbel. „Alle sprechen darüber, und das ist eigentlich das Schlimme daran“, meinte der Ober-Politologe Herfried Münkler, eine möchte-gern-intellektueller Merkelianer durch und durch, der Tiefgründigkeit und Stringenz der Gedankenführung bisweilen mit affektiertem Gehabe beim Sprechen verwechselt.

Es handele sich bei Finis Germania um ein schlechtes Buch, so Münkler, das möglicherweise sogar – hört, hört! – strafrechtlich relevante Passagen enthalte und zutiefst von antisemitischen Vorstellungen getränkt sei. Undurchsichtig sei auch, wie viel von dem Text tatsächlich von Sieferle stamme und wie viel der Verleger hinzugefügt habe. Und dann habe der böse „Spiegel“-Journalist Johannes Saltzwedel eine Lücke im Reglement eiskalt ausgenutzt und als einziger alle seine 20 Punkte diesem Buch gegeben.

Dadurch habe er die Jury als Geisel genommen, um „hinterrücks und heimtückisch ein solches miserables Buch so weit vorne zu platzieren“, schwadronierte Münkler. Im Prinzip wären „alle anständigen Jury-Mitglieder davon ausgegangen, dass sie die 20 Punkte, die sie pro Monat zur Verfügung haben“, auf tendenziell vier Texte verteilen würden und nicht wie Saltzwedel dieser unanständige Mensch auf nur einen. So etwas aber auch!

Die sofortige Exekution des Delinquenten

Auf diesen „unanständigen Menschen“ haben „die Anständigen“, also solche Münkler-Typen dann entsprechend Druck ausgeübt, wie man das eben so macht heutzutage. Der unverschämte Delinquent, der es gewagt hatte, seine 20 Punkte diesem „schlechten Buch“ zu geben, wie der Möchte-gern-Intellektuelle Münkler und seine dritt-, viert- und fünftklassigen Spießgesellen im deutschen Feuilleton meinten, wurde natürlich sofort exekutiert. Dieser „unanständige Kerl“ wird in Zukunft keine 20 Punkte mehr vergeben, nicht mal mehr einen Zwanzigstel Punkt. Dafür hat man umgehend gesorgt.

Was Saltzwedel denn nur geritten habe, Sieferle zu empfehlen, meint irgendein FAZ-Feuilleton-Fuzzi namens Hannes Hintermeier. Nein, nicht Hinterwäldler, Hintermeier. Die Provokation sei angekommen, die Jury nun aber verkleinert. Haha! Die Sachbuch-Bestenliste jetzt aber beschädigt – oder besudelt? Heul, heul!

Argumentum ad hominem aus geistiger Armut heraus?

Was die Heinis und schwachen Geister aus der dritten, vierten, fünften Reihe des Intellekts in Wahrheit wohl mit am meisten aufregen dürfte: das Buch ist im Antaios-Verlag erschienen. Dieser aber gehört zur Gruppe um Götz Kubitschek in Schnellroda. Und das sind alles auch so „unanständige Kerle“, ja mehr noch: Rechte. Neurechte! Was von da komme, kann doch eigentlich gar nichts taugen. Eigentlich muss man das gar nicht erst lesen, um das zu wissen, oder?

So etwas habe „auf einer Liste empfohlener Bücher jetzt für den Gabentisch nichts zu suchen“, meint der Literaturkritiker der SZ Gustav Seibt, noch so ein „von Grund auf Anständiger“. Doch lassen wir mal diese „Anständigen“, die kein echter Intellektueller und auch sonst niemand auch nur im Entferntesten ernst nehmen muss, von Grund auf anständig sein und widmen uns stattdessen dem Buch selbst und seinem Autor.

Rolf Peter Sieferle wurde 1949 in Stuttgart geboren, studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Soziologie. Er promovierte und habilitierte in Neuerer Geschichte, war Professor in Mannheim und St. Gallen. Sein Buch „Der unterirdische Wald“ von 1982 gilt als Standardwerk. Auch sein „Epochenwechesel – Die Deutschen an der Schwelle des 21. Jahrhunderts“ von 1994 gilt als bedeutendes Werk. Rolf Peter Sieferle, der an Krebs erkrankt war, nahm sich im September 2016 in Heidelberg das Leben. Er hinterließ zwei vollständige Manuskripte für zwei Bücher. Erstens: „Das Migrationsproblem – Über die Unvereinbarkeit von Sozialstaat und Masseneinwanderung“, welches ich nur wärmstens empfehlen kann. Dieses Buch arbeitet seinen zuvor zu Lebzeiten veröffentlichen Essay „Deutschland, Schlaraffenland“, einer der besten, die ich jemals gelesen und über den ich hier schon ausführlich berichtet habe, weiter aus. Das zweite Buch aus dem Nachlass ist eben jenes „Finis Germania“.

Finis Germania

Das kleine Büchlein besteht aus knapp hundert Seiten Fließtext, in welchem viele kleine Essays zusammengeführt sind, die teilweise eigenständig sind, sich teilweise aber auch zu einem Gesamten zusammenfügen. Hierbei handelt es sich oftmals um historische, aber auch kulturkritische, philosophische Reflexionen auf hohem, ja höchstem Niveau. Dieses Buch ist – ganz anders als „Das Migrationsproblem“ – nicht leicht zu lesen. Die Abstraktionsebene ist teilweise immens, so dass es nicht wenig verwundert, wie ein derart anspruchsvolles Buch es auf Platz 1 der Bestsellerliste schaffen kann. Hier eine Kostprobe aus dem Essay: „Das Schicksal hat einen Namen“.

>>Eine der Lieblingsvokabeln im politischen Wortschatz der Bundesrepublik ist die „Verantwortung“. Seine Karriere verdankt das Wort in erster Linie seinem guten Klang in Verbindung mit seiner Unbestimmtheit. Ursprünglich war Verantwortung aber ein Begriff, der innerhalb eines Personenverbands ein ganz konkretes Verpflichtungsverhältnis bezeichnete: Ein Oberherr betraut einen Vasallen mit einem bestimmten Aufgabenbereich, für den er ihm Rede und Antwort zu stehen hat. Die Ver-Antwort-ung zielt darauf, daß Rechenschaft über diesen Aufgabenbereich abzulegen ist, und zwar demjenigen gegenüber, der den Verantwortlichen mit der entsprechenden Aufgabe versehen hat. Eine abstrakte Verantwortung schlechthin kann es daher nicht geben – sie steht immer in der Relation von Verpflichtung und Rechenschaft.

Die Wirklichkeit, innerhalb derer es „Verantwortung“ geben kann, ist daher von persönlichen Beziehungen geprägt. Nur in der Konfrontation von Wort und Ant-Wort, von Befehl und Gehorsam, von Schutz und Treue, also in einer vorsystemischen sozialen Wirklichkeit, kann es Verantwortung in diesem präziseren Sinn geben. Dort ist es dann auch plausibel, bestimmte Ereignisse und ihre Folgen bis hin zu komplexen Handlungsketten einem „Schuldigen“ zuzurechnen. Sollte die Identifikation eines solchen schuldigen menschlichen Individuums aber Schwierigkeiten bereiten, so kann noch immer auf dämonische Kräfte zurückgegriffen werden, deren Wirkung schließlich von der personalen „Schuld“ zur neutralen „Ursache“ verdünnt wird.

Anthropomorphe Versimpelungen

Innerhalb der systemischen Welt gewinnt die Beschwörung von „Verantwortung“ dagegen rasch einen rein animistischen Charakter. Die sozialen Systeme werden antropomorph versimpelt in der Weise, daß sie als Ergebnis eines moralisch bewertbaren, intentionalen Handelns erscheinen. (Verschwörungstheorien befinden sich ebenfalls stets auf dieser animistischen, anthropomorph versimpelten Ebene. jf) Schließlich sollen gar für historische Großereignisse reale Akteure dingfest gemacht werden, die die „Schuld“ für diese Ereignisse auf sich zu nehmen haben („Merkel muss weg!“, jf). „Geschichte“ erscheint so ganz archaisch als Heldenepos mit Bösewichten, Opportunisten und Heiligen. Vorbild für diese Inszenierung ist die ‚Personality show‘ des Fernsehens; strukturelles Geschehen wird in die Intimsphäre zurückübersetzt, das Schicksalhafte wird personalisiert …<< Soweit die Kostprobe von Finis Germania aus dem Abschnitt „Das Schicksal hat einen Namen“. Höhepunkt des Büchleins ist für mich der Essay „Der ewige Nazi“, dem man im Grunde einen eigenen Artikel widmen sollte, weil er so wichtig und so tiefgründig ist. Das Schlusswort möchte ich aber Raimond Th. Kolb geben, wie Sieferle ein echter Intellektueller, der das Nachwort zu Finis Germania schrieb.

Nachwort von Raimond Th. Kolb

>>Der Historiker, Sozial- und Politikwissenschaftler Rolf Peter Sieferle ist in erster Linie durch seine umweit- und universalhistorisch konzipierten Werke bekannt geworden. Seinen Arbeiten zur älteren und jüngeren Zeitgeschichte Deutschlands blieb indessen eine vergleichbar angemessene Beachtung versagt. Es galt eben auch hier die Binsenwahrheit Willfährigkeit macht Freunde, Wahrheit schafft Haß. (…)

Nach seinem Freitod … fand sich auf seinem Rechner, neben anderen noch unveröffentlichten Schriften … auch Finis Germania, ein Text, der in seinem Schaffen schon allein deshalb eine Sonderrolle einnimmt, weil er bei aller analytischen Schärfe auch ein „Gemüthswerk“ darstellt. In nicht wenigen der abgehandelten topoi scheint eine bei ihm sonst ungewohnte Diktion auf, die zur Verdeutlichung auch die zynische Zuspitzung nicht scheut.

Germania delenda est

Bemerkenswert ist ferner, daß der Text nicht wissenschaftlich-formalen Gliederungskriterien gehorcht. Anstelle dessen wurde in Manier literarischer Montagetechnik gearbeitet. Auf den ersten Blick scheinen so die Themen willkürlich kompiliert, doch alle gemeinsam, inklusive der kulturkritischen Einlassungen, konstituieren mosaikartig das Resultat, lapidar auf den Punkt gebracht: „Finis Germania“ – … das sich sehr wohl auch als finale Antwort auf das erstmals 1897 von britischer und später im Kontext der beiden Weltkriege von alliierter Seite geforderte „Germania delenda est“ beziehungsweise „Germany must perish“ (Deutschland muss zerstört werden, jf) interpretieren ließe.

Die letzte Änderung am Text hat Sieferle am 10. April 2015 vorgenommen. Vermutlich hat er sich unter dem Eindruck der international von langer Hand geplanten und im Herbst 2015 von der deutschen Kanzlerin putschartig ausgelösten akuten Migrationskrise dem Text erneut zugewandt, auch wenn keine Eingriffe mehr erfolgten. Aus der intensiven Korrespondenz und den Gesprächen mit ihm geht wohlbegründet und klar hervor, daß wir nach seiner Überzeugung den Folgen einer demographischen Überwältigung der ethnisch-deutschen Bevölkerung zugunsten einer Multikulti-Gesellschaft und dem infantil-utopischen Finalkonstrukt einer „weltbürgerlichen Kollektivität“ entgegensehen und alles, was uns heute noch lieb und teuer ist, in absehbarer Zeit verschwunden sein wird.

Fraglich ist zudem, ob überhaupt eine Publikation des Textes zu Lebzeiten geplant war. Man darf Finis Germania als eine persönliche Confessio betrachten, die seit langem von Dekadenzerscheinungen in Politik und Gesellschaft befeuert wurde. Rolf Peter Sieferle war natürlich bewußt, was es bedeutet, sich auf politisch-korrekt und zivilreligiös-dogmatisch vermintem Gelände, auf der „dunklen Seite des Mondes“ zu bewegen. Vom Wunsch einer posthumen Publizierung des Textes darf man hingegen zweifelsfrei ausgehen. Seine schriftliche Hinterlassenschaft auf dem Rechner befand sich in einer akribischen Ordnung, gereinigt von allem, was nicht einer Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollte.

Kleinbürgerlich-amorphe Herrschaftseliten

Welche Botschaften birgt Finis Germania? Zu viele, um ihnen hier auch nur andeutungsweise gerecht werden zu können. Eine davon lautet lapidar auf den Punkt gebracht: Wir werden dominiert von instabilen, verhaltensunsicheren und arm an Selbstbewußtsein agierenden „Herrschaftseliten“ mit einem vom tief-verwurzelten Sozialdemokratismus geprägten „kleinbürgerlich-amorphen Politikstil“.

Ein in alle Lebensbereiche sich hineinfressender Relativismus und eine zivilreligiös mit „Auschwitz“ aufgeladene Kollektivschuld inklusive dem Gebot permanenter Buße bedrängen unser ohnehin zu Furcht, Angst und gelegentlich Panik neigendes „Hühner-Volk“, das Volk der Nazis, das als „negativ auserwähltes Volk“ seine einzige Bestimmung im Verschwinden aus der realen Geschichte findet und sich entsprechend zu fügen weiß. Damit ist auch Deutschlands Rolle in der Weltgeschichte besiegelt. Die einst bürgerliche Gesellschaft erreicht mit der Negation des Eigenen ein naturwüchsiges Stadium: „Nachdem das Aas des Leviathan (hier gemeint: des Staates) verzehrt ist, gehen die Würmer einander an den Kragen.“

Ein herabstürzender Ikarus mit geöffneten Augen

Rolf Peter Sieferle sah für sich selbst in einem konsequenten „Waldgang“ keine probate existentielle Lösung. Er wollte als „heroischer Realist“ allzeit „seismographischer Beobachter“ sein und auch noch als herabstürzender Ikarus die Augen offenhalten. Am 17. September 2016 dann versank er im Meer, ohne auch nur geahnt zu haben, wie sehr man ihn vermissen wird.

Quelle: “Jürgen Fritz”:https://juergenfritzphil.wordpress.com/; __dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Meinung des Verlags oder die Meinung anderer Autoren dieser Seiten wiedergeben.__

_Lesen Sie auch die Kolumne, die “Sebastian Sigler”:http://www.theeuropean.de/sebastian-sigler zu Rolf Peter Sieferle veröffentlicht hat_ – “*hier*”:http://www.theeuropean.de/sebastian-sigler/12045-der-historiker-sieferle-zu-flucht-und-migration.

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