Römische Versuchungen

von Jürgen Erbacher21.10.2014Gesellschaft & Kultur

Das Abschlusspapier der Familiensynode ist unter den Kardinälen umstritten. Den einen ist es nicht fortschrittlich genug, den anderen wurde bereits einen Schritt zu weit gedacht.

Zwei Wochen lang haben im Vatikan knapp 200 Kardinäle und Bischöfe sowie 50 Experten aus aller Welt über Ehe und Familie beraten. Zur Halbzeit sprachen einige Teilnehmer schon von einem Epochenwechsel in der katholischen Kirche. Am Ende ist das Ergebnis allerdings nicht gerade revolutionär.

Vor allem in den strittigen Punkten wie der Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene sowie der Bewertung von Homosexualität konnte keine Einigung erzielt werden. Doch man darf auch nicht unterschätzen, was in dem 62 Punkte umfassenden Abschlussbericht der Bischofssynode steht. Er ist ein guter Ausgangspunkt für eine kontroverse Debatte in den nächsten zwölf Monaten bis zur nächsten Bischofssynode zum Thema Familie.

Diskrepanz in der Beurteilung

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, bilanzierte die Beratungen mit den Worten: „Das Glas ist halbvoll“, konnte seine Enttäuschung über den Ausgang allerdings doch nicht ganz verbergen. Dass die beiden Abschnitte über wiederverheiratete Geschiedene sowie der Paragraf über Homosexualität als einzige keine Zweidrittelmehrheit erreicht hatten, ärgerte ihn offensichtlich. Allerdings, darauf weisen Marx und eine Reihe weiterer Synodenväter hin, auch diese drei Abschnitte haben eine absolute Mehrheit erreicht.

Der Erzbischof von Westminster, Kardinal Vincent Nichols, zeigte sich nach der Abstimmung überzeugt, dass einige Synodenväter dem Abschnitt über Homosexuelle nicht zugestimmt haben, weil er ihnen nicht weit genug ging. Er enthält in der jetzigen Form nur noch die Feststellung, dass die katholische Kirche eine Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften mit der Ehe von Mann und Frau sowie jegliche „ungerechte Diskriminierung“ von Homosexuellen ablehnt. Nichts mehr ist zu lesen von den „Gaben und Qualitäten“, die Homosexuelle in die christliche Gemeinschaft einzubringen hätten, von denen der Zwischenbericht der Synode noch sprach.

Der Aufschrei von Bischöfen aus Afrika und Osteuropa angesichts dieser Aussagen zur Homosexualität im Zwischenbericht war groß. Dabei stellten diese Aussagen für die säkulare westliche Welt keine Sensation dar. Diese aber in einem vatikanischen Papier, auch wenn es nur ein Arbeitstext der Synode ist, zu lesen, ließ doch aufhorchen. Nachdem das Thema Homosexualität bereits andere christliche Kirchen wie die Anglikaner intern stark polarisiert, scheint das mehr und mehr auch bei der katholischen Kirche der Fall zu sein. Zwar ist die Ablehnung der Gleichgestellung homosexueller Beziehungen mit der Ehe Konsens, doch schon bei der Frage nach der Akzeptanz von zivilrechtlichen Regelungen sind die Bischöfe gespalten.

Offene Debatte, keine Tabus

Dass dies so offen zutage treten konnte, ist ein Verdienst von Papst Franziskus. Er machte von Anfang an klar, dass er eine offene Debatte möchte, ohne Tabus. Taten sich die Synodenväter in den ersten Tagen noch schwer damit, sorgte vielleicht auch der etwas pointiert verfasste Zwischenbericht dafür, dass in der zweiten Woche Klartext gesprochen wurde. Franziskus selbst mischte sich nicht ein. Er wollte die Diskussion nicht beeinflussen.

Am Ende hielt er in einer kurzen Rede den Synodenvätern dann allerdings den Spiegel vor und sprach von den vielfältigen Versuchungen, denen man im Prozess der Synode erliegen könne, wie etwa der Versuchung der Eifrigen, der Gutmenschen oder der Intellektualisten, der Versuchung, die Realität zu vernachlässigen, oder eine einengende Sprache zu verwenden. In bis zu diesem Zeitpunkt im Pontifikat nicht dagewesener Weise stellte Franziskus fest, dass der Papst zwar nicht Herr, sondern Diener sei, dass aber die oberste Lehrautorität bei ihm liege. Damit machte Franziskus deutlich, dass am Ende er entscheiden wird, ob es eine Weiterentwicklung der katholischen Lehre zu Ehe und Familie geben wird.

Dieser Gedanke war während der Beratungen übrigens sehr stark: die Lehre wird nicht verändert, aber sie kann weiterentwickelt oder, so Kardinal Marx, tiefer verstanden werden. Papst Franziskus ließ keinen Zweifel, dass er an der Unauflöslichkeit der Ehe festhalten will. Doch deshalb darf man trotzdem über den Kommunionempfang für wiederverheiratete Geschiedene nachdenken.

An einer entscheidenden Stelle ist ein Großteil der Synode Papst Franziskus gefolgt: im Menschen und in den Beziehungen zuerst das Positive zu sehen und sich nicht auf Defizite zu kaprizieren. So findet sich dann auch im Abschlussbericht die Formulierung, dass es in Zivilehen „positive Elemente“ gebe und auch in den Situationen, die „noch nicht oder nicht mehr“ dem vollen christlichen Ideal entsprechen, „konstruktive Elemente“ zu finden seien. Auf dieser Basis ist der Abschlusstext der Synode offen für eine interessante Diskussion bis zur nächsten Synode im Oktober 2015.

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