Wir verkennen den religiösen Einfluss

Jürgen Chrobog2.02.2010Gesellschaft & Kultur, Politik

Der vereitelte Detroit-Anschlag hat gezeigt, dass selbst die strengsten Sicherheitskontrollen nicht ausreichen werden, jede Bedrohung durch Terroranschläge zu verhindern. Auch der sogenannte Krieg gegen den Terrorismus hat die potenziellen Gefahren, vor denen die Menschheit steht, nicht nachhaltig verringert.

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Unsere Gesellschaften werden sich auf Dauer auf diese neue Bedrohung einstellen müssen. Die Annahme, dieser Bedrohung könne man vor allem mit militärischen Mitteln begegnen, hat sich als Illusion erwiesen. Militärische Mittel und technische Entwicklungen z. B. bei der Passagierkontrolle werden allein nicht ausreichen. Natürlich kann auf den Einsatz militärischer und polizeilicher Mittel nicht verzichtet werden. Zivile Bemühungen benötigen ein Umfeld, das eine relative Sicherheit gewährleistet. Insofern ist die Kritik der Ratspräsidentin der EKD Frau Käßmann am Afghanistaneinsatz der Bundeswehr, der gerade darauf abzielt, das Umfeld für entwicklungspolitische Maßnahmen zu schaffen und die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern, nicht nachzuvollziehen und die moralische Verurteilung unangebracht. Richtig ist aber, dass diese zivilen Anstrengungen verstärkt werden müssen. Notwendig ist es, sich in der Zukunft sehr viel stärker darauf zu konzentrieren, gegen die Ursachen des Terrorismus vorzugehen. Hierzu sind dringend weltweite Anstrengungen zur Bekämpfung von Armut und zur Verbesserung der Ausbildung – insbesondere der Berufsausbildung – gerade für junge Menschen in den Ländern der Dritten Welt, deren Zahl explosionsartig ansteigt, erforderlich.

Keine Aussicht auf Schulbildung

Wo liegen die Ursachen des Terrorismus? Drei Beispiele: Im Jemen, wo ich selbst einmal mit meiner Familie entführt worden war, habe ich in dem einsamen Bergdorf erlebt, wie viele junge Frauen, selbst fast noch Kinder, bereits eigene Babys auf dem Arm trugen – Frauen, die noch nie die von ihrem Dorf 15 Kilometer entfernte Hauptstraße gesehen haben und diese voraussichtlich auch nie sehen werden; zehn Jahre alte Jungen, die zwar alle eine Kalaschnikow mit sich herumtrugen, aber keine Aussicht auf schulische oder außerschulische Ausbildung haben, denn die kleine Schule im Dorf hat noch nie einen weltlichen Lehrer gesehen. Dafür gab es aber einen fundamentalistischen Mullah, der seinen Einfluss ausübte. Somalia ist ein Musterbeispiel für einen Staat, dessen Zerfall im Wesentlichen darauf beruht, dass den Menschen, die vom Fischfang lebten, ihre Lebensgrundlage entzogen wurde. Kommerzielle Fischer aus asiatischen und anderen Staaten haben durch Überfischung den Fischbestand vernichtet. Mit den Konsequenzen dieser Entwicklung sind wir heute konfrontiert. Wer früher seinen Lebensunterhalt durch Fischerei bestritt, betreibt heute im Auftrag krimineller Organisationen Piraterie. Länder wie Liberia und Senegal gehen inzwischen in die gleiche Richtung.

Kernkonflikt Palästina

Schließlich sollte man auch nicht die politische Situation im Nahen Osten vergessen. Solange der Kernkonflikt zwischen Israel und Palästina nicht gelöst ist, wird das Schicksal der in den besetzten Gebieten lebenden Palästinenser immer zur Rechtfertigung für terroristische Aktionen genutzt werden und Selbstmordattentäter anziehen. Hier trägt Israel ein erhebliches Maß an Verantwortung, zumindest die Lebensbedingungen in der Westbank und im Gazastreifen zu verbessern. Wir verkennen bei uns häufig noch den Einfluss der Religion in der islamischen Welt. Religiöser Fundamentalismus verbunden mit Armut, mangelnder Ausbildung und Perspektivlosigkeit der Menschen sowie das ungelöste Palästinenserproblem bleiben der Nährboden für den Terrorismus, der uns alle bedroht, und treibt Menschen in die Fänge extremistischer Bewegungen wie El Kaida. Deshalb kann und wird sich der versuchte Detroit-Anschlag in Zukunft wiederholen.

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