Deutscher Plumperquatsch

von Jost Kaiser16.07.2014Gesellschaft & Kultur, Medien

In seiner Aufregung über den Gaucho-Dance der Nationalmannschaft produziert der deutsche Fußball-Feuilletonismus noch mehr Unsinn als sonst.

Bisher waren wir gut durchgekommen. Nicht nur durchs WM-Turnier. Sondern auch durch die Untiefen deutscher Identitätsfindung unter besonderer Berücksichtigung des Fußballs, die normalerweise pünktlich zur EM oder WM einsetzt. Klar, es gibt die Fähnchenabknipser im Prenz’l Berg, die vor Nationalismus warnen. Insgesamt aber war es ruhig an der deutschen Identitätsfront. Es waren sich sogar alle einig: würdevoll habe Deutschlands WM-Team den Über-Sieg gegen Brasilien verarbeitet.

Doch jetzt gibt es den Gaucho-Dance. Eine Verhohnepipelung Argentiniens durch die deutschen, siegestrunkenen WM-Spieler. Nicht schön vielleicht. Total egal aber auf jeden Fall. Ja, wir haben ein Problem: wir Journalisten, wir Kulturwissenschaftler, wir 3-Sat-Kulturzeit-Schwafler und wer eben sonst noch nicht lassen kann vom obsessiven Durcharbeiten deutschen Identitätskrams.

Alles kompletter Quatsch

Fußball ist zu einer völlig überinterpretierten Angelegenheit geworden, zur reinen Projektionsfläche. Nur, wer annehmen wollte, dass das DFB-Team Repräsentant von cool Germany, vom „entkrampften“ Deutschland sei („Der Spiegel“), kann jetzt enttäuscht sein und das Gegenteil behaupten: der hässliche Deutsche sei wieder da, ja: die komplette WM sei im Eimer (so die „FAZ“). Beides ist derselbe Unsinn.

Begonnen hat der Fußball-Feuilletonismus in den 90ern, als das Geraune über die 1972er-Mannschaft en vogue war, die Willy Brandts verlängerter Arm auf dem Platz gewesen sei, inklusive „Haare, die mehr wollten“, nämlich die Günter Netzers. Die Weltmeistermannschaft 1974 fanden dieselben Leute etwas öd’, denn Willy war nicht mehr Kanzler, sondern Helmut, der Utopia-Fußball also vorbei. Natürlich ist das alles kompletter Quatsch. Aber unterhaltsam für das Milieu, das von Zeichendeutung einfach nicht lassen kann.

Und heute? Weder ist Jérôme Boateng Repräsentant des neuen, lustigen Migranten-Deutschlands (er ist offizieller Repräsentant der Kopfhörerfirma JBL), noch ist Schweini der neue deutsche Siegfried. Beide sind Fußballer, die langsam nicht mehr wissen, wie sie zwischen all den Werbetafeln, Twitter-Accounts und dem Facebook-Wahnsinn auch noch die Identitätssehnsüchte deutscher Kulturschaffender bedienen sollen.

Gute Jungs

Wenn der Gaucho-Dance überhaupt irgendetwas widerspiegelt, dann eine seit den 90ern aufgekommene Eventkultur, von der eben auch die Fußballer angesteckt sind: Auf die „sozialen Medien“ zugeschnittene Gags, die schon so erdacht sind, dass sie die vier Minuten füllen, die auf Youtube die Länge des Idealclips sind. Sinnfreie Quatschmacherei.

Zum Thema Gaucho-Dance und deutsches Identitätstheater möchte man abschließend zwei deutsche Fußballer zitieren. „Ich kann den Scheißdreck nicht mehr hören“ (Rudi Völler). Und: „Gute Jungs“ (Mehmet Scholl). Ja, unser WM-Team, das waren gute Jungs und das bleiben sie auch, wenn man sie einfach das sein lässt, was sie sind: Fußballer. Aber machen wir uns nichts vor: Die Feuilletonisten und Kulturzeit-Bespasser werden nicht lockerlassen. Sie können nicht ohne Überinterpretation der Welt. Der nächste Gaucho-Dance kommt bestimmt, denn die deutsche Sehnsucht nach Identitätserforschung endet nie. Ja, sie darf nicht enden, denn dann müssten 3-Sat-Kulturzeit und andere Abwurfplätze für deutschen Plumperquatsch ja dichtmachen.

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