Jeder Mensch wird als Aktivist geboren, doch nicht jeder handelt auch als ein solcher. Kasha Jacqueline Nabagesera

Glaube ist Privatsache

Ausgerechnet diejenigen, die am lautesten nach einer angeblichen jüdisch-christlichen Leitkultur schreien, haben seit Langem keine Kirche mehr von innen gesehen. Glaube ist Privatsache, kein Problem des Staates. Das hat Christian Lindner richtig erkannt.

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Generalsekretäre sind taktische Sprecher: Was sie sagen, liest man sicher nicht, um auf den neusten intellektuellen Stand zu kommen. Bei Christian Lindner von der FDP ist das etwas anders: Er sagt zuweilen Sachen, die einfach klug sind und nicht nur den einen Sinn haben – was legitim ist –, als sogenannter “Wadenbeißer” das sogenannte “Profil” seines Vereins zu schärfen.

Reine Kultur gibt es nicht

Diesmal ist das wieder so: Natürlich will Lindner mit seinem Angriff auf das aktuell populäre Gefasel von der "christlich-jüdischen Leitkultur“ auch die FDP im Verhältnis zur CDU kenntlich machen. Und dennoch macht er einen Punkt. Schlimm ist es, dass er der erste Politiker der ersten Garde ist, der, warum auch immer, blanke Selbstverständlichkeiten ausspricht: 1. Dass das Grundgesetz religionsblind ist. 2. Dass unser politisches System auch anderes Erbgut in sich trägt als das "Jüdisch-Christliche“, zum Beispiel Alt-Griechenland oder Alt-Ägypten. Hier wird übrigens auch noch der wichtigen Erkenntnis Ausdruck verliehen, dass es reine Kultur nicht gibt: Jegliche Kultur ist ein Bastard, das ist ihr Wesen.

Der Vorstoß, formuliert in einem FDP-Thesenpapier, ist deshalb so wohltuend, weil sich im derzeitigen öffentlichen Sprechen – zum Glück nur hier – eine skurrile Rückkehr des Religiösen vollzogen hat, und zwar ohne gleichzeitige Rückkehr des Glaubens: Seit Neuestem wird man ja in Ansprachen, etwa des Bundespräsidenten, nicht mehr als Bürger adressiert, sondern als Christ. Offensichtlich wird vorausgesetzt, dass man als Bürger selbstverständlich auch Christ ist oder dass beides sich irgendwie bedingt. Zusätzlich wird man wiederum in die Rolle des natürlichen Widerparts eines Gegenübers hineingedrängt, das ebenfalls nicht als Bürger kenntlich gemacht wird, sondern als Moslem. Gesellschaftliche Auseinandersetzungen werden zu Konfessionsauseinandersetzungen gemacht. Skurrilerweise versammeln sich gerade hinter dem – angesichts nicht nur der deutschen Geschichte ja makabren – Schlagwort "jüdisch-christlich“ Leute, die seit Jahrzehnten keine Kirche mehr von innen gesehen haben.

Nun scheitert der ganze Versuch ja schon daran, dass ein Part der religiösen Auseinandersetzung leider wegfällt und damit der ganze ausgedachte Streit: "Wir“ sind nun mal keine Christen mehr, und wenn wir es sind, dann sind wir das als Privatleute und nicht als Staatsbürger. Die ganze rhetorische Re-Christianisierung hat keinerlei reale Entsprechung, es sei denn, man zieht die in Fällen der jeweils aktuellen Gesellschaftsirrtümer immer ganz vorn rangierende Referenzgruppe der neobourgeoisen Prenzl’-Berg-Bewohner heran, die zurzeit ihre Bälger gern in den katholischen Kindergarten schickt.

Insofern ist es wohl nur das Parteiensystem, das sich des Ganzen bedient, um jeweils Kernwählergruppen anzusprechen: Die FDP arbeitet sich an der CDU ab und umgekehrt und das durchaus zum Wohle der Demokratie. Das ist völlig in Ordnung und hat immerhin dazu geführt, dass Christian Lindner mit seiner Wortmeldung das Niveau ein wenig gehoben hat.

Christianisierung der Rednerpulte

Es bleibt dabei: Die seit Jahrzehnten mehr oder weniger peinlichen Versuche, dem Grundgesetz als Basis unserer staatlich-gesellschaftlichen Identität etwas Uriges hinzuzufügen und das deutsche Dilemma des wenig ausgeprägten Nationalbewusstseins endgültig zu beheben, waren alles Rohrkrepierer, man denke nur an Friedrich Merz, anno 2000.

Der aktuelle Versuch ist wohl über den üblichen Quatsch hinaus anzusehen als neuste Variante der endlosen deutschen Vergangenheitsbewältigung: Man zwingt das "Christliche“ und das "Jüdische“ jetzt einfach per Bindestrich zusammen, so als seien beide Religionen in der Geschichte natürliche Verbündete gewesen. Wie auch immer: In Deutschland besteht, außer an den politischen Rednerpulten, keine Gefahr einer Christianisierung der Gesellschaft. Glauben ist bei uns Privatsache und wirkt – von dort – in der Tat im Böckenförde’schen Sinne zurück aufs Gesellschaftliche, so wie auch Weltanschauungen es tun. Lindners Vorstoß ist deshalb nur eine absolut zutreffende Sprachkritik. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Papst Franziskus, Andreas T. Sturm, Georg Dietlein.

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