Wo nehm ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? Karl Kraus

Die Steigerung von Bürgerlichkeit ist Adel

Mit Guttenberg wurde ein Stück als gleichmacherisch und öde empfundene alte Bundesrepublik in die Tonne getreten. Wer heute Rücktrittsforderungen stellt, sollte sich mit dem Phänomen Guttenberg beschäftigen: Authentizität oder Inszenierung?

Gerhard Schröder, der Experte für Aufsteiger, war der Letzte, der den Versuch einer Gegenwehr machte: “Dieser Baron aus Bayern da”, bellte der Altbundeskanzler in einem seiner wenigen Wahlkampfauftritte im Frühjahr und meinte damit den Freiherrn zu Guttenberg, damals bereits die sogenannte neue Lichtgestalt der deutschen Politik. Schröder hatte immer Gespür dafür, wie man echte oder vermeintliche biografische Unterschiede zu einem formidablen Ressentiment gegen angebliche Abgehobenheit, gegen elitären Dünkel, gegen die Flausen von professoralen Schwätzern, gegen “die da oben” zusammenrührt. Doch diesmal war es zu spät, Schröders Versuch war ein Rohrkrepierer. Guttenberg war bereits ein Star. Dass er es wurde, kennzeichnet einen Mentalitätswechsel der Deutschen. Es soll Glanz in die Bude. Mit ihm wurde wieder mal ein Stück als gleichmacherisch und öde empfundene alte Bundesrepublik in die Tonne getreten.

Das Phänomen Guttenberg

Wer sich heute mit der Frage beschäftigt, ob Guttenberg gelogen hat, und wenn ja, was daraus folgt, muss Guttenberg als Phänomen dazudenken: In der Person Guttenbergs scheinen uralte und neuere deutsche Sehnsüchte in einer Person Befriedigung zu finden. Wir haben seit den 90er-Jahren eine Elitendiskussion, die eine Gegenbewegung war zur deutschen Idee der “nivellierten Mittelstandsgesellschaft”, in der alles gleich sein sollte und mit der sich deutsche Intellektuelle irgendwie langweilten: Brauchen wir eine neue Elite, und wenn ja, wie sieht sie aus? Seit der Freiherr auftauchte, schien zumindest die zweite Frage beantwortet: so wie er.

Ein Mann mit Widerstandskämpfern und einem Dirigenten in der Familie. In einigen Schichten unserer Gesellschaft, es sind jene, die sich eine geschichtlich ungebrochene Bürgerlichkeit herbeisehnen, war der Mann auch der neue Star: In Frankreich mit seiner revolutionären Tradition wäre das wahrscheinlich unmöglich, aber in den gutbürgerlichen Mittelschichten in München-Schwabing, Hamburg-Eppendorf und Berlin-Charlottenburg ist die Steigerung von Bürgerlichkeit wahrscheinlich Adel, denn dem deutschen Bürgertum fehlte es immer schon an Stolz. Dazu kamen alte deutsche Sehnsüchte nach konfliktfreier Überparteilichkeit, ein Bedürfnis nach einem unbeschädigten deutschen Konservatismus, der nicht gleichzeitig spießig ist, und Sehnsucht nach ein bisschen Repräsentation. All das hat Guttenberg perfekt bedient: Indes, genau das ist das Problem für viele, dass dies jetzt herauszukommen scheint. Eine Taktik, eine Inszenierung. Nur wer ein tiefes Bedürfnis nach dem ganz anderen hat, nach einer sogenannten Authentizität, die aber in einer repräsentativen Demokratie unmöglich ist, weil alles irgendwie inszeniert ist und dies auch sein muss, wird sich betrogen fühlen.

Politik ist ein schmutziges Geschäft

Für Guttenberg ist aber das bereits hochgefährlich, wenn herauskommen sollte, dass seine Inszenierung nur eine war unter anderen: Der eine spielt den Kumpel, Guttenberg eben den wohlwollenden Gutsherrn. Er sollte der ganz andere sein und er tat so, als wäre er es. Das ist sein Kapital. Und dies ist bereits angegriffen, wenn er nur in den Verdacht gerät, das zu tun, was die deutsche Öffentlichkeit Politikern grundsätzlich und dumpf unterstellt: Politik als “schmutziges Geschäft” zu betreiben und andere ans Messer zu liefern, um den eigenen Kopf zu retten. Guttenberg hat gesagt, er wäre zu einer bestimmten Bewertung gekommen, weil er nicht alle Informationen hatte. Kommt am Ende die deutsche Öffentlichkeit auch zu einer anderen Bewertung, weil sie nicht alle Informationen über ihn hatte? Es wäre schade. Aber wir hätten etwas gelernt: über unsere Sehnsüchte. Auch wenn Guttenberg aus der Kunduz-Affäre unbeschädigt herauskommt, ist er nur ein weiterer Beleg dafür, dass sogenannte Authentizität vielleicht die größte Inszenierung ist.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Jost Kaiser, Thomas Wiegold, Thomas Wiegold.

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