Bei der Energiewende jonglieren wir mit 25 Bällen gleichzeitig. Claudia Kemfert

Schrecken ohne Enke

Deutschland weint um Robert Enke. Schuld an dem Selbstmord hat, so die Redner auf der Trauerfeier, die vermeintlich unmenschliche Leistungsgesellschaft. Von wegen.

Über den Umweg eines prominenten Todes drangen sie doch noch mal in die öffentliche Sprache der komplett säkularisierten Gesellschaft ein: christliche Motive und eine Sakralität, die offensichtlich viele Menschen ein, zwei Mal im Jahr gern genießen. Es war eine Party in Schwarz, der Tod und die Trauerfeiern für Robert Enke. Es hätte nicht mehr viel gefehlt und der Satz wäre gefallen: Er ist für uns gestorben, stellvertretend für uns, um uns von unseren Sünden zu erlösen. “Er war ein ganz besonderer Mensch”, so hieß es. Und diese Besonderheit habe ihn getötet in einer kalten Welt. Religiöse Motive und solche aus Popmythen – die Besten sterben jung – sowie Versatzstücke aus 40 Jahren Gesellschaftskritik: Das war die Trauerfeier für Robert Enke.

Gerührt von der eigenen Rührung

Der Tod Enkes war ein einziges Festival und ein Triumph des deutschen Protestantismus, der immer schon schwere Verdachtsmomente hegte gegen die angebliche Kälte der Gesellschaft. Und auch die, die selbstverständlich ihre individuelle Freiheit genießen, sind gleichzeitig der Meinung: Nein, so kann es nicht weitergehen, wir brauchen mehr Gemeinsinn. Ein komplett abstrakter Gedanke, aus dem nichts folgt und den keiner verwirklichen will noch kann. Nein, die Menschen waren gerührt davon, dass sie zur Rührung fähig waren. Sie waren von sich selbst gerührt. Mehr nicht. Das ist in Ordnung. Aber es folgt eben nichts daraus.

Schon gar nicht die endlos propagierte Idee, man müsse unsere Gesellschaft ändern, damit sie endlich menschlich werde. Enkes Gedenken wurde zu einem Tribunal gegen die moderne westliche Gesellschaft. Eine Trauerfeier als antikapitalistisches Tribunal. So was kriegen nur Deutsche hin. Die moderne Leistungsgesellschaft habe Enke zu Tode gebracht. Nicht er sich selbst.

Die Illusion der unmenschlichen Leistungsgesellschaft

Wie sehr ein solches Reden auf offene Ohren stößt, konnte man in diesen Tagen beobachten. Es ist dasselbe Phänomen wie jenes, das der Linkspartei von Erfolg zu Erfolg verhilft: Man muss das angebliche Elend und den kurz bevorstehenden Untergang der Marktwirtschaft gar nicht mit eigenen Augen sehen oder Beweise dafür präsentiert bekommen, um trotzdem daran zu glauben.

Genauso war das bei Enke: Viele, die gestern im Stadion waren, werden morgen zur Arbeit gehen. Sie werden um 9 Uhr hin und um 18 Uhr wieder nach Hause gehen. Sie haben Kündigungsschutz und vielleicht Weihnachtsgeld. Es gibt Betriebsräte und Betriebspsychologen. Viele von ihnen denken, dass auch sie in der unmenschlichen Leistungsgesellschaft leben müssen, die Robert Enke letztlich das Leben gekostet habe.

Die gestrigen Reden haben diese Idee direkt und indirekt genährt. Immer abstrakter und diffuser wurden die angeblichen Beweise für die Unmenschlichkeit der Leistungsgesellschaft. Christian Wulff machte schlichtweg “Angst” als großes Problem in unserer Gesellschaft aus. Fast alle Redner sahen soziale Kälte am Werk, mangelndes Interesse der Menschen untereinander, mangelnden Zusammenhalt.

Nichts wird sich ändern wegen Enke. Nicht im Leistungssport. Nicht in “der Gesellschaft”. Nirgendwo. Nicht heute und nicht morgen.

Man mag darüber lachen. Aber es war Stevie Wonder, der am Sarg von Michael Jackson Worte fand, die sich eben nicht im Fundus vulgärpsychologischer Gesellschaftskritik bedienten, sondern in der hierzulande wahrscheinlich als amerikanisch-naiv empfundenen Mystik: “Auch wenn wir wissen, dass wir Michael hier dringend auf der Erde brauchen, so müssen wir einsehen: Gott hat ihn wohl bei sich sehr viel mehr gebraucht.”

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Jo Groebel, Mark T. Fliegauf, Alexander Kissler.

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