“Wir haben bewiesen, dass die Menschen in Hongkong Demokratie verdienen!”

Joshua Wong24.01.2020Europa, Gesellschaft & Kultur, Medien

Joshua Wong (Steh für das Volk) ist eines der prominentesten Gesichter der Demokratiebewegung in Hongkong und Leitfigur der 2014 beginnenden „Regenschirmbewegung“. Gemeinsam mit hunderttausenden Hongkongern engagiert sich der mittlerweile 23-Jährige für freie Wahlen, eine Reform des Wahlsystems und die Demokratisierung der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong. Sven Lilienström, Gründer der Initiative Gesichter der Demokratie, sprach mit Joshua Wong via FaceTime über die anhaltenden Proteste in Hongkong, seine Forderungen an Deutschland und die Zukunft der Demokratiebewegung in der chinesischen Sonderverwaltungszone.

Herr Wong, als prominentes Gesicht der Demokratiebewegung in Honkong möchte wir auch Sie fragen: Welchen Stellenwert haben Demokratie und demokratische Werte für Sie ganz persönlich?

Demokratie bedeutet, dass die Menschen ihre Zukunft selbst bestimmen können, anstatt ihr Schicksal in die Hände einer der Oberschicht angehörigen Elite zu legen. Insbesondere kennzeichnet eine Demokratie, dass die Menschen frei von autoritärer Herrschaft und autoritären Werten leben können. Der harschen Unterdrückung aus Peking müssen wir standhalten. Wir müssen für die Freiheit kämpfen und uns für Hongkong einsetzen. Ohne Demokratie werden die Menschen in Angst leben. Wir hingegen fordern ein Leben frei von Furcht. Deshalb kämpfen wir weiterhin für die Demokratie!

Das Jahr 2020 beginnt wie das alte aufgehört hat. Bereits in der Silvesternacht gab es erneut Massendemonstrationen in Honkong. Was motiviert die Menschen und wann denken Sie ist der Zenit der Bewegung erreicht?

Hongkong ist eine Stadt mit 7,5 Millionen Einwohnern. Über 2 Millionen sind Mitte 2019 auf die Straße gegangen. Ich rechne fest damit, dass die Demonstrationen andauern werden. Noch am 1. Januar 2020 konnten wir eine Million Menschen mobilisieren. Wir haben bewiesen, dass die Menschen in Hongkong Demokratie verdienen und wir werden weiterhin für die Freiheit kämpfen. Wenn die Einwohner vieler Großstädte wie New York, London, Paris oder Berlin ihre Bürgermeister frei wählen dürfen, warum soll das in Hongkong nicht möglich sein? Der einzige Grund dafür ist die Regierung in Peking, die keinerlei demokratische Werte zulässt.

Die treibende Kraft hinter den Protesten in Hongkong sind die sogenannten „Millennials“. Wie erklären Sie sich, dass verstärkte politische Engagement Ihrer Generation und welche Rolle spielt das Jahr 2047 dabei?

Zunächst einmal: 7.000 Menschen sitzen in Haft. Der jüngste Inhaftierte ist gerade einmal 11 Jahre alt – der älteste bereits 84. Ich denke, wir erfahren eine generationenübergreifende Unterstützung. Demokratie betrifft ja nicht nur die Generation X und die „Millennials“. Wir sind in Solidarität und Einheit vereint. Uns wurden 50 Jahre ohne Politikwechsel zugesichert und wir hoffen, dass Hongkong auch 2047 noch ein Ort ist, an dem die Menschen ihre Art zu Leben selbst bestimmen können. Das ist der Grund, weshalb viele Angehörige der jüngeren Generation ermutigt und motiviert sind auch weiterhin für die Freiheit zu kämpfen.

Stichwort Repression: Chinas Umgang mit Regimekritikern ist nicht gerade zimperlich. Wie sicher fühlen Sie sich derzeit in Hongkong und wie viel persönliche Freiheit sind Sie bereit für Ihre Überzeugung aufzugeben?

Für keinen der Aktivisten in Hongkong gibt es eine Garantie für ihre oder seine persönliche Sicherheit. Unterdrückung und Widerstand sind in Hongkong an der Tagesordnung. In den vergangenen sechs Monaten wurden über 30.000 Behälter mit Tränengas verbraucht und auch Gummigeschosse wurden verwendet. Es wurde mit scharfer Munition in Richtung von Schülern geschossen und über 7.000 Menschen verhaftet. Die Polizei hat Hongkong in ein Kriegsgebiet verwandelt. Trotzdem müssen wir alle den Kampf fortsetzen. Es gibt keinen Grund für uns aufzugeben. Wir kämpfen weiter, selbst bei so viel Gegenwind!

Im September 2019 wurden Sie vor Ihrem Deutschland-Besuch am Hongkonger Flughafen in Gewahrsam genommen und für 24 Stunden festgehalten. Haben Sie damit gerechnet? Was, wenn Sie nach China reisen wollen?

Ich hätte vor meiner Deutschlandreise nie damit gerechnet, am Hongkonger Flughafen verhaftet zu werden. Aber dies beweist die kompromisslose Unterdrückung, die von Peking ausgeht. Massenverhaftungen werden durchgeführt, um unsere Stimmen verstummen zu lassen. Wenn wir verreisen, verhaften sie uns am Flughafen, da diese Methode kurzfristig Wirkung zeigt. Solange China keine Demokratie ist, habe ich keine Möglichkeit nach Festlandchina zu reisen. Nachdem einige Demonstranten in Hongkong verhaftet und ohne berechtigten Grund eingesperrt wurden, wäre es lebensgefährlich für uns, nach Festlandchina zu reisen.

Sie haben in Berlin mit Außenminister Heiko Maas gesprochen und die Bundeskanzlerin schriftlich um Unterstützung gebeten. Was wünschen Sie sich von Deutschland, Europa und der internationalen Gemeinschaft?

Wir appellieren an Europa und insbesondere Deutschland, die Souveränität Hongkongs zu unterstützen. Peking ist ein Regime, das an der Ausweitung seiner Macht interessiert ist und niemals unsere universellen Werte sowie die liberale Ordnung auf internationaler Ebene respektieren wird. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel und auch der deutsche Außenminister Hongkong unterstützen. Vor allem, weil Deutschland eines der führenden Länder in Europa ist. Ich hoffe sehr, dass Deutschland, als ein Verfechter der Menschenrechte, niemals schweigend zusieht, wenn sich irgendwo auf der Welt autoritäre Strukturen entwickeln und verfestigen.

Darüber hinaus appellieren wir an die europäischen Länder und vor allem Deutschland, keine Waffen mehr zu exportieren, die von der Polizei in Hongkong gegen uns werden können. Taten sind lauter als Worte. Wir vertrauen darauf, dass Deutschland – welches ein Leben unter der Herrschaft von „Tyrannen“ kennt – einsieht, dass es jetzt Zeit ist für Hongkong einzustehen.

Herr Wong, unsere letzte Frage ist immer eine persönliche: Was machen Sie in Ihrer Freizeit am liebsten und wie geht es in diesem Jahr mit der Demokratiebewegung in Honkong weiter?

Viele meiner Freunde wurden verhaftet oder werden in Zukunft eingesperrt. Daher haben wir keine Zeit, uns Gedanken darüber zu machen, wie wir unsere Freizeit verbringen möchten. Ich hoffe sehr, dass die Hongkonger eines Tages ihre Freiheit genießen und ihre Lebensweise selbst und frei bestimmen können. Ich denke, dass sich 2020 mehr und mehr Menschen dem Kampf für Demokratie anschließen werden. Dieses Jahr werden sich einige unserer Freunde vor Gericht verantworten müssen. Deshalb muss der Fokus der Weltöffentlichkeit auch dieses Jahr auf Hongkong gerichtet sein. Abschließend bleibt zu sagen: Wir bereuen nichts und werden keinen Schritt zurückweichen – wir stolz darauf, Hongkonger zu sein und wir hoffen, dass Hongkong ein Ort der Demokratie sein kann!

Vielen Dank für das Interview Herr Wong!

Quelle: Gesichter der Demokratie

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