Das Geheimnis des Karsamstags

von Joseph Ratzinger13.05.2010Gesellschaft & Kultur

Der Karsamstag ist das Niemandsland zwischen Tod und Auferstehung. Das Turiner Grabtuch zeugt davon, für den Papst besteht da kein Zweifel. Es ist die Ikone des christlichen Auferstehungsglaubens – Zeichen einer unermesslichen Hoffnung. Bis 23. Mai können Gläubige aus aller Welt das Relikt in Turin noch besichtigen.

Ich danke Gott für das Geschenk dieser Pilgerfahrt ebenso wie für die Gelegenheit, eine kurze Meditation mit euch zu teilen, zu der mich der Untertitel dieser feierlichen Ausstellung, “Das Geheimnis des Karsamstags”, angeregt hat. Denn das Grabtuch ist geradezu die Ikone dieses Geheimnisses. Dieses Grabtuch hat einmal den Leichnam eines Gekreuzigten eingehüllt, der in allem dem entspricht, was die Evangelien uns über Jesus berichten, der gegen Mittag gekreuzigt wurde und gegen drei Uhr nachmittags starb. Dies geschah am Vorabend des Paschafestes. Deshalb erbat Joseph aus Arimatäa von dem römischen Prokurator Pontius Pilatus mutig, Jesus in seinem neuen Grab bestatten zu dürfen, das er sich in der Nähe des Golgatha in einen Felsen hatte hauen lassen.

Der Karsamstag ist der Tag des Verborgenseins Gottes

Nach dieser Erlaubnis kaufte er ein Leinentuch, ließ den Leib Jesu vom Kreuz nehmen, wickelte ihn da hinein und legte ihn in jenes Grab. So wird es im Evangelium des heiligen Markus berichtet, und die anderen Evangelisten stimmen darin mit ihm überein. Von diesem Moment an blieb Jesus im Grab bis zum Morgen nach dem Sabbat. Chronologisch gesehen war es ein kurzer Moment. Er war jedoch immens und unendlich in seinem Wert und in seiner Bedeutung. Der Karsamstag ist der Tag des Verborgenseins Gottes, wie in einer antiken Predigt zu lesen ist: “Was ist geschehen? Tiefes Schweigen herrscht heute auf Erden, tiefes Schweigen und Stille. Tiefes Schweigen, weil der König ruht. Gott ist im Fleisch gestorben und hinabgestiegen, um das Reich des Todes wachzurütteln.” (Homilie zum Karsamstag, PG 43, 439) In unserer Zeit ist die Menschheit – vor allem nach dem letzten Jahrhundert – für das Geheimnis des Karsamstags besonders empfänglich geworden. Dass Gott sein Gesicht verhüllte und sich verbarg, gehört auf existenzielle, nahezu unbewusste Weise zur Spiritualität der heutigen Menschen. Es ist wie ein Vakuum der Herzen, das immer größer geworden ist. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts schrieb Nietzsche: “Gott ist tot! Und wir haben ihn getötet!” Genau besehen ist dieser berühmte Ausdruck fast wörtlich der christlichen Tradition entnommen. Wir wiederholen ihn häufig beim “Kreuzweg”, möglicherweise ohne uns vollständig klarzumachen, was wir da sagen. Nach zwei Weltkriegen, den Lagern, nach Hiroshima und Nagasaki ist unsere Zeit in immer größerem Maß ein Karsamstag geworden. Die Dunkelheit dieses Tages fordert alle heraus, die nach dem Leben fragen, und ganz besonders fordert sie uns Gläubige heraus. Auch wir haben mit dieser Dunkelheit zu tun.

Das Grabtuch verhält sich wie ein fotografisches Dokument

Dennoch hat der Tod des Sohnes Gottes auch einen gegenteiligen, vollkommen positiven Aspekt – als Quelle des Trostes und der Hoffnung. Zu diesem Gedanken verhilft mir auch die Tatsache, dass sich das heilige Grabtuch wie ein “fotografisches” Dokument verhält, das über ein “Positiv” und ein “Negativ” verfügt. Denn tatsächlich ist es genau so: Das dunkelste Geheimnis des Glaubens ist zugleich das leuchtendste Zeichen einer unermesslichen Hoffnung. Der Karsamstag ist das “Niemandsland” zwischen Tod und Auferstehung. Doch auch in dieses “Niemandsland” ist einer eingetreten, der Einzige, der es mit den Zeichen seines Leidens für den Menschen durchschritten hat: “Passio Christi. Passio hominis.” Das Grabtuch spricht exakt von diesem Moment. Es bezeugt genau diese einzigartige Zeitspanne in der Geschichte der Menschheit und des Universums, in der Gott durch Jesus Christus nicht nur unser Sterben mit uns geteilt hat, sondern auch unser Verbleiben im Tod – in radikalster Solidarität. Dieser Text ist eine gekürzte Fassung einer Ansprache des Papstes anlässlich seines Besuchs des Grabtuchs von Turin.

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