Die Legende vom Superterroristen

von Joseph Margulies24.10.2009Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur

Joseph Margulies, stellvertretender Direktor des MacArthur Justice Centers, glaubt, dass die konservative Hysterie es schwer macht, rationalen Argumenten Gehör zu schenken. Der Mythos des Superterroristen bringt nämlich Ordnung in eine chaotische Welt. Das beeinflusst auch die aktuelle Folterdebatte in den USA.

Im Oktober 2009 stimmte der Oberste Gerichtshof der USA zu, einen Fall zur Situation in Guantanamo Bay zu hören. Zur Debatte steht, ob ein Bundesrichter die Freilassung eines Gefangenen anordnen darf, wenn die Regierung eine Gefährdung der nationalen Sicherheit ausgeschlossen hat. Das Urteil in diesem Prozess könnte weitreichende Folgen für die Zukunft des Inselgefängnisses haben. Die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs, den Fall überhaupt anzunehmen, wird wütende Proteste hervorrufen. Die Rechte wird die Gefahren des Terrorismus heraufbeschwören und gegen liberale Richter wettern, die eine Freilassung von Gefangenen anstreben. Sie wird den Druck auf den Kongress erhöhen, um eine Auslieferung von Gefangenen in die USA per Gesetz zu verbieten.

Prototyp Terrorist

Diese Form konservativer Hysterie hat in den USA Geschichte. Innerhalb weniger Tage nach dem 11. September nahm die Vision des islamischen Terroristen Gestalt an. Er ist nicht menschlich: ein Barbar, der die Konventionen der Zivilisation verabscheut. Und er ist gleichzeitig ein Übermensch: In Lagern und Schulungseinrichtungen trainiert er seinen Geist und seinen Körper bis zur Perfektion. Er hat die Kraft von Herkules und die Fingerfertigkeit von Houdini. Falls er gefangen genommen werden sollte, kann er durch seine exotischen Fähigkeiten allen Befragungen trotzen. Und obwohl er oftmals harmlos oder unschuldig erscheinen mag, dürfen wir uns nicht täuschen lassen – er ist ein Meister der Verwandlung. Er ist kein gewöhnlicher Sterblicher. Er ist ein Mythos, ein Superterrorist. Solche Logik hat viel zu unserer aktuellen Situation beigetragen. Sie erklärt zum Beispiel den weitverbreiteten Glauben, dass die Regierung neue Befragungsmethoden benutzen musste, um an wertvolle Informationen zu gelangen: Weil Terroristen angeblich mentales Widerstandstraining absolvierten, wurden konventionelle Methoden wirkungslos. Gleichsam lässt sich erklären, warum die Gefangenen zu gefährlich sind, um in den USA ihre Haft abzusitzen. Und diese Logik liefert schlussendlich auch die Begründung dafür, dass Terroristen nicht vor regulären Gerichten der Prozess gemacht wird. Herkömmliches Kriminalrecht ist zu lasch für den gewieften Superterroristen.

Verschlüsselung auf Hausmannsart

Der Schaden durch solche Legenden ist enorm. Inzwischen ist deutlich geworden, was eigentlich offensichtlich sein sollte: Terroristen haben keine besonderen Fähigkeiten. Auch nach acht Jahren gibt es keine durch Folter erpressten Informationen, die nicht auch auf legalem Wege zustande gekommen wären. Terroristen sind auch nicht klüger als der Durchschnittsganove. In einem Fall konnte die Jury über die stümperhafte Geheimniskrämerei von Terrorverdächtigen nur lachen. In abgehörten Gesprächen warnten sich die Terroristen gegenseitig vor der “Food and Beverage Industry” (FBI) und verschlüsselten ihre Telefonnummern auf Hausmannsart, indem sie diese rückwärts aufschrieben. Doch die Macht des Mythos liegt in seiner Beständigkeit. Wir halten trotz gegensätzlicher empirischer Erkenntnisse an Mythen fest, weil sie uns helfen, ein bestimmtes Weltbild zu kreieren. Der Mythos des Superterroristen bringt Ordnung in eine chaotische Welt. Unsere Reaktionen nehmen dadurch den Schein des Rationalen an – wie im Fall der aktuellen Folterdebatte in den USA. Heute können wir über die Ängste des antikommunistischen Richters nur lachen. Zukünftigen Generationen wird es beim Mythos des Superterroristen ähnlich ergehen.

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