Lautes Getöse wäre zu einfach gewesen. Blixa Bargeld

Die Rückkehr des Gentleman

Nach der #Aufschrei-Debatte droht Männern schon bei Kleinigkeiten der Vorwurf des Sexismus. Ältere Männer äußern bereits ihr Mitleid mit den jungen. Aber die Krise bietet, wie immer, auch eine Chance.

Es ist für mich nicht immer angenehm, 30 Jahre alt zu sein, ein Mann und in Deutschland zu leben. Das liegt am gesellschaftlichen Klima, das Debatten wie die um den Aufschrei gegen Sexismus erzeugen. Und zu einem kleineren Teil liegt es auch an Leuten wie Matthias Matussek, aber darüber könnte man hinwegsehen.

Die Absicht des Twitter-#Aufschreis, mehr Bewusstsein für Sexismus zu schaffen, war gut. Der Sound war angesichts des Anlasses und der Kleinigkeiten, die teilweise angeprangert wurden, stark übersteuert. In der Folge mögen einige Deutsche sensibler für sexuelle Belästigung geworden sein. Gleichzeitig wurde aber auch klar: Die Chance, als Mann aufgrund von Lächerlichkeiten als Sexist beleidigt zu werden, hat sich in den vergangenen Wochen vervielfacht.

Mit bestem Gewissen im Selbstmitleid suhlen

In einem Forum beschrieb ein Nutzer, wie er sich „auf dem Weg zur U-Bahn ein ‚Sexist!‘ eingefangen“ habe, weil er „eine Frau an der Schwenktür am Eingang nicht vorgelassen habe“. Man könnte das als Einzelfall abtun, wenn nicht Medien wie die „Süddeutsche Zeitung“ die Maßstäbe gesetzt hätten. Dort hieß es, Rainer Brüderle habe die „Stern“-Redakteurin Laura Himmelreich „schlimm gedemütigt“ und „zum Sexobjekt erniedrigt“.

Es ist kein Wunder, wenn Birgit Kelle schreibt (im Kommentar zu Matussek), dass sie „derzeit Hunderte von Briefen verunsicherter Männer [erreichen], die gar nicht mehr wissen, wie sie Frauen ansprechen sollen, ohne in falschen Verdacht zu geraten“. Ältere Männer drücken bereits ihr Mitleid aus und äußern Sätze wie: „Ich bin froh, dass ich nicht in dieser Zeit aufwachsen muss. Die jungen Männer von heute tun mir leid.“

Und dann kommt auch noch Matthias Matussek und versucht, die Verantwortung für die Situation auf den jungen Männern selbst abzuladen, indem er behauptet: „Es sind Männer der jüngeren Generation, die den moralischen Höllensturz Brüderles feierten und sich selber als die Zukunft des Geschlechts, die Verstehermänner, die von ihrer Selbstabschaffung sprechen.“

Dazu kommt, dass konkrete Vorbilder, zumindest im Nahbereich, nicht gerade im Überfluss vorhanden sind. Männer im besten Alter, die die Anforderungen des Gender-Diskurses erfüllen, stolz auf ihre Männlichkeit sind und gleichzeitig noch Frische und Elan ausstrahlen, nimmt man in der deutschen Öffentlichkeit jedenfalls nicht allzu oft wahr.

Die Situation hat also tatsächlich ihre Tücken. Wer als junger Mann auf den Moment gewartet hat, in dem er sich mit bestem Gewissen im Selbstmitleid suhlen kann, der sollte jetzt zuschlagen.

Möchtegern-Alpha-Gorillas und Verstehermänner

Allerdings ist das nur die eine Seite. Denn ganz so neu und ungewohnt ist die Situation dann auch wieder nicht. Es ist schließlich nicht das erste Mal, dass Frauen aus unserer Generation wegen Kleinigkeiten ein Geschrei veranstalten; es ist nicht das erste Mal, dass wir mit einer Unmenge widersprüchlicher Anforderungen konfrontiert sind; und es ist auch nicht das erste Mal, dass uns Möchtegern-Alpha-Gorillas als „Verstehermänner“ beschimpfen (auch wenn man den Begriff heute kaum noch hört; er muss von Traumatisierten der Generation Stuhlkreis geprägt worden sein, die heute bereits mit einer Hinterbacke im Altenheim sitzt).

Die Lösung besteht – auch wenn gerade wenig in diese Richtung zu deuten scheint – aus einer Mischung aus Rücksicht und Humor. Und man muss seinen Horizont nur ein bisschen über Gestalten wie Günther Jauch oder Joko Winterscheidt hinaus erweitern und schon findet man eine ganze Reihe von Charakteren, die als Vorbilder für die Navigation in vermintem Terrain bestens geeignet sind.

Die europäische Vergangenheit der letzten Jahrhunderte war mit strengen Konventionen und einer heuchlerischen Sexualmoral schließlich bestens vertraut. Zu den Ergebnissen gehören Kulturtechniken wie der französische Charme und das englische Understatement, die vormachen, wie ein Mann mithilfe ironischer Untertöne strenge Regeln einhalten und gleichzeitig äußerst effektiv seine körperlich-seelischen Bedürfnisse verfolgen kann.

Die offiziellen Vorschriften mögen prüde und beengend gewesen sein. Dennoch (oder vielleicht gerade deswegen) entstanden in diesen Epochen die legendären Womanizer der jüngeren europäischen Geschichte: sanfte, respektvolle Männer mit vollendeten Umgangsformen, Gentlemen eben, die dennoch nie den geringsten Zweifel an ihren erotischen Absichten aufkommen ließen.

In Rainer Brüderle steckt Vorbildpotenzial

Was die Auswahl der persönlichen Vorbilder betrifft, sind wir heute dank Massenkultur, DVDs und Internet freier als je zuvor. Es gibt Sean Connery als James Bond und die Erzählungen von Giacomo Casanova. Und wer es etwas ausgefallener will, der kann sich auch sehr gut an Dr. Fritz Fassbender orientieren, dem notgeilen Psychoanalytiker, den Peter Sellers in „What’s New Pussycat“ spielt, und der an Korrektheit und Empathie nur die allerhöchsten Maßstäbe erfüllt.

Man mag es kaum glauben, aber selbst in Rainer Brüderle steckt noch ein gewaltiges Stück Vorbildpotenzial. Denn er hat, zumindest das muss man ihm lassen, einen Ausdruck wieder populär gemacht, der aus dem deutschen Sprachgebrauch schon so gut wie verschwunden war. Und mit diesem Satz hat Rainer Brüderle die Popkultur, ohne es zu wissen, auch beschenkt.

Dank ihm ist es in Zukunft möglich, sich bei der nächsten passenden Gelegenheit, abends an der Bar, an die Frau seines Geschmacks zu wenden, sich vorzustellen und dann höflich, aber bestimmt zu fordern: „Ich möchte, dass Sie meine Tanzkarte annehmen!“

Man kann es nämlich auch so sehen: Wo es Regeln gibt, die einen einschränken sollen, und wo man Tricks erfinden muss, um sie zu unterlaufen: da fängt der Spaß erst richtig an.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Nils Pickert, Gerhard Amendt, Nils Pickert.

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