Königshäuser sind Vorreiter der Emanzipation. Julia Melchior

Völlig abgehoben

Mit dem Drohneneinsatz im Kampf gegen den Terrorismus erweisen die USA der Demokratisierung im Nahen Osten einen Bärendienst. Denn den Hass, den sie bekämpfen wollen, heizen sie damit nur neu an.

Was wäre eigentlich, wenn ein Staat wie, sagen wir, Nicaragua, auf die Idee käme, eine Drohne in den Luftraum der USA zu schicken? Wenn diese Drohne bewaffnet wäre und auf dem Hinweg einen CIA-Agenten abschösse, weil er in den 80er-Jahren in Nicaragua an einem Massaker beteiligt war, und auf dem Rückweg erledigte sie noch einen amerikanischen Zivilisten, der in den nicaraguanischen Drogenhandel verwickelt ist? Was wäre weiter, wenn bei den Angriffen unglücklicherweise auch ein paar Zivilisten mit draufgingen, zum Beispiel der Vater des CIA-Agenten und die zwei kleinen Töchter des Drogenhändlers? Und irgendwann träte der Präsident von Nicaragua voller Stolz vor die Presse und erklärte, wie zufrieden er sei, die beiden Feinde endlich erledigt zu haben und was für ein zivilisatorischer Fortschritt das Unternehmen doch gewesen sei, da das Leben der eigenen Soldaten nicht gefährdet worden und beim Angriff mit dem Präzisionslaser kaum Zivilisten zu Schaden gekommen seien?

Nicht nur unmoralisch, sondern auch dumm

Man würde den Mann wohl für verrückt erklären und in die Reihe der durchgeknallten Despoten einordnen, irgendwo zwischen Gaddafi und Ahmadinedschad. Mit massiven Vergeltungsschlägen, wenn nicht gleich einem Einmarsch der USA wäre zu rechnen. Und aus Europa gäbe es wahrscheinlich Beifall, schließlich darf man sich so eine dreiste Grenzüberschreitung nicht gefallen lassen.

Dabei hätte Nicaragua durchaus ein moralisches Recht auf die Aktion: Wenn die USA selbst nach Belieben mit ihren Drohnen in anderen Staaten töten – warum sollten es jene dann nicht auch in den USA tun? Der Gedanke mag absurd wirken, schon allein weil es strategisch hirnrissig wäre für so ein kleines Land; abgesehen davon besitzt Nicaragua zurzeit ohnehin keine Drohnen. Ansonsten wäre so ein Ausflug aber nicht weniger absurd als die Einsätze, die die USA und Israel schon heute regelmäßig durchführen.

Bewaffnete Drohnen einzusetzen, ist an sich weder schlecht noch falsch. Die Technik bringt Vorteile, und in gewissem Umfang ist es durchaus vernünftig, sie einzusetzen, zum Beispiel wenn die eigenen Soldaten in einen Hinterhalt geraten. So wie die USA und Israel allerdings zurzeit mit ihren Drohnen umgehen, ist es nicht nur unmoralisch und ein mehrfacher Völkerrechtsbruch; es ist auch dumm und kurzsichtig.

Höchstens ein schlechter Witz

Die USA bomben in Staaten wie dem Jemen, Somalia und Pakistan. Staaten, denen sie nie den Krieg erklärt haben. Sie zielen nicht nur auf Terroristen, sondern zum Teil auch auf Drogenhändler oder andere Gangster. Sie zielen nicht nur auf Anführer, sondern mit den „Signature Strikes“ immer öfter auch auf Fußsoldaten. Weil die Technik zur Identifizierung der Zielpersonen immer noch ungenau ist und die Raketen längst nicht so präzise sind wie behauptet, trifft es oft sogar komplett Unschuldige oder Zivilisten: hier ein Bauer, der gerade sein Feld bestellt, dort eine ganze Hochzeitsgesellschaft. Und einen Prozess gibt es bei alldem natürlich auch nicht; stattdessen entscheidet der Präsident innerhalb von ein paar Minuten über die Tötungslisten, die ihm vorgelegt werden.

Jeder einzelne dieser Punkte verletzt die Genfer Konvention. Selbst wenn man Barack Obama glauben wollte, dass die USA ihre Ziele „sehr sorgfältig“ auswählten, es kaum zivile Opfer gäbe und nur getötet werde, wenn es absolut notwendig sei – glaubt man auch nur einen Teil der Statistiken, die davon ausgehen, dass in Pakistan innerhalb von fünf Jahren bis zu 3.000 Menschen durch amerikanische Drohnen getötet wurden, 80 Prozent davon womöglich Zivilisten, dann klingen Obamas Behauptungen höchstens wie ein schlechter Witz. Womöglich ist die Zahl der pakistanischen Zivilisten, die von US-Drohnen getötet wurden, schon jetzt größer als die Zahl der Opfer des 11. September.

Über all das einen Überblick zu bekommen und sich eine stabile Meinung bilden zu können, war bisher schwierig. Einerseits weil die „neuen“ Kriege mit den alten Regeln schwer zu fassen schienen – vor allem aber auch weil der Drohnenkrieg versteckt stattfindet und die Regierungen kaum Informationen herausrücken. Mittlerweile verbessern sich die Informationsmöglichkeiten jedoch langsam.

Die „chirurgische“ Kriegsführung wurde zum Albtraum

Im September erschien die Studie „Living Under Drones“, die berichtet, wie der amerikanische Drohneneinsatz die Bevölkerung von Waziristan traumatisiert und dabei Hass schürt und Rachewünsche entfacht. Und im Oktober ist nun das Buch „Gezielte Tötung“ des US-Professors Armin Krishnan erschienen, der die historische Entwicklung des „Targeted Killing“ analysiert und die technischen, moralischen und politischen Argumente der Befürworter zerlegt, bis am Ende nicht mehr viel davon übrig bleibt.

Je mehr Mosaiksteine man gemeinsam betrachten kann, desto klarer wird, dass sich der Traum von der präzisen, „chirurgischen“ Kriegsführung längst zum Albtraum entwickelt hat. Es mag schon sein, dass Obamas Drohnenschläge im Vergleich zu den unverschämten, verlogenen Angriffskriegen der Bush-Regierung wie ein glücklicher Fortschritt erscheinen. Aber das kann nicht der Maßstab sein. Spätestens jetzt, da Obama wiedergewählt ist und man sich ausreichend informieren kann, wird es Zeit, die gezielte Tötung mit Drohnen an härteren Kriterien zu messen: an Recht, Moral und Vernunft. Aus dieser Perspektive ist die aktuelle Drohnen-Politik der USA genauso wie die Israels vor allen Dingen eins: ein Knäuel von selbstgerechten Widersprüchen, das am Ende nur noch mehr von dem Hass sät, dessen Auswirkungen es eigentlich ein für alle Mal auslöschen wollte.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Kristin Jankowski, Dirk Emmerich, Andreas Püttmann.

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