Von Herren und ihren Sklavinnen

John Stuart Mill11.03.2015Gesellschaft & Kultur

Männer, die im 19. Jahrhundert für Gleichberechtigung eintraten, wurden verspottet. Dem britischen Philosophen John Stuart Mill war das egal, wie er 1869 mit diesem Plädoyer beweist.

Die Unterjochung der Frauen durch die Männer ist eine universelle Gewohnheit, jedes Abweichen davon erscheint konsequent unnatürlich. [Doch] eine Menge gesellschaftlicher wie ­natürlicher Ursachen wirken zusammen, um es ganz unwahrscheinlich zu machen, dass die Frauen sich in der Gesamtheit gegen die Herrschaft der Männer empören sollten.

Sie sind insofern in einer von allen anderen ­unterdrückten Klassen ganz verschiedenen Lage, als ihre Herren von ihnen noch etwas anderes verlangen als bloße Dienstbarkeit. Die Männer ­beanspruchen von den Frauen nicht nur Gehorsam, sondern auch Zuneigung.

Alle Männer, nur mit Ausnahme der tierisch rohesten, wollen in der mit ihnen auf das innigste verbundenen Frau keine gezwungene, sondern eine freiwillige Sklavin, oder besser nicht eine Sklavin, sondern eine Favoritin haben. Zu ­diesem Zwecke ist alles angewendet worden, um den weiblichen Geist niederzuhalten. Die Herren aller übrigen Sklaven verlassen sich, um ihre Sklaven zum Gehorsam zu zwingen, auf die Wirkungen der Furcht, entweder der Furcht an und für sich oder der religiösen Furcht. Die Herren der Frauen verlangten mehr als einfachen Gehorsam, und sie wandten die ganze Macht der Erziehung an, um ihren Zweck zu erreichen.

Jede Frau wird von frühester Jugend an erzogen in dem Glauben, das Ideal eines weiblichen Charakters sei ein solcher, welcher sich im geraden ­Gegensatz zu dem des Mannes befinde; kein eigener Wille, keine Herrschaft über sich durch Selbstbestimmung, sondern Unterwerfung, Fügsamkeit in die Bestimmung anderer. Jede Sittenlehre predigt ihnen, die Pflicht der Frau sei, für andere zu leben, sich selbst vollständig aufzugeben und keine andere Existenz als in und durch ihre Liebe zu haben, und die hergebrachte Sentimentalität behauptet sogar, dass dies der Zustand sei, welcher der eigentlichen Natur der Frau gemäß ist. […]

Ich wünschte wohl, dass jemand den Satz aufstellte – verblümt ist er in vielen Schriften über die Frage schon oft genug ausgesprochen: „Es ist notwendig für die Gesellschaft, dass die Frauen heiraten und Kinder gebären; sie werden das aber mit ihrem freien Willen nicht tun, also ist es notwendig, dass man sie dazu zwinge.“ Der Fall würde damit doch in das rechte Licht gesetzt.

Der Schlüssel zu den Gefühlen der Männer

Es wäre ganz derselbe wie der der Sklavenhalter in Süd-Carolina oder Louisiana: „Es ist notwendig, dass Zucker und Baumwolle gebaut werde. Weiße können das nicht, Neger werden es für den Lohn, den wir ihnen dafür geben, nicht tun; ergo müssen sie dazu gezwungen werden.“ Eine vielleicht noch zutreffendere Illustration der Sache ist die Matrosenpresse: „Wir brauchen absolut Seeleute, um unser Land zu verteidigen. Es kommt aber oft vor, dass sie sich nicht freiwillig anwerben lassen, folglich müssen wir die Macht haben, sie mit ­Gewalt dazu zu pressen.“

Wie oft ist diese Logik angewendet worden! Wie oft würde sie noch angewendet werden, befände sich nicht eine schwache Stelle darin! Es lässt sich nämlich darauf erwidern: „Bezahlt die Matrosen nach dem redlichen Werte ihrer Arbeit. Habt ihr es für sie erst ebenso lukrativ gemacht, euch zu dienen wie andern Arbeitgebern, so werdet ihr ­ferner keinen Mangel mehr daran haben.“ Auf diesen Einwurf gibt es logisch keine andere Antwort als: „Ich will nicht“, und da man sich jetzt nicht bloß schämt, den Arbeiter seines Lohnes zu berauben, sondern dies auch nicht mehr tun will, so findet das „Matrosenpressen“ keine Verteidiger mehr.

Setzen sich aber diejenigen, welche die Frauen zur Heirat dadurch zwingen wollten, dass sie ihnen jede andere Laufbahn abschneiden, nicht demselben Einwurf aus? Ist das, was sie aussprechen, wirklich ihre Meinung, so bekennen sie damit, dass die Männer den Frauen die Ehe nicht so wünschenswert machen, dass sie sich um ihrer selbst willen dazu verstehen würden. Es ist durchaus kein Beweis für die hohe Meinung, welche ­jemand von der Anziehungskraft des von ihm Dargebotenen hegt, wenn er lediglich die Wahl ­gestattet: „Entweder dies oder gar nichts.“ Und hier, glaube ich, haben wir den Schlüssel zu den Gefühlen der Männer, welche eine ausgesprochene Antipathie gegen die gleiche Freiheit des weiblichen Geschlechtes haben.

Abneigung gegen die Ehe ist gerechtfertigt

Ich glaube, sie fürchten weniger, dass die Frauen überhaupt nicht heiraten wollen, denn ich kann mir nicht denken, dass einer von ihnen diese ­Besorgnis im Ernste hegt, sondern dass die Frauen verlangen würden, die Ehe solle auf gleichen Bedingungen beruhen, und dass alle Frauen, die Geist und Fähigkeiten besitzen, lieber jede andere Beschäftigung, die sie nur nicht in ihren eigenen Augen herabsetzte, ergriffen, als dass sie sich verheirateten und durch diesen Schritt sich und ihrer ganzen irdischen Habe einen Gebieter gäben. Und wahrlich, wenn die Heirat unabänderlich diese Folge nach sich ziehen muss, schiene eine Abneigung dagegen gar nicht so ungerechtfertigt.

Ich halte es ebenfalls für wahrscheinlich, dass nur wenige Frauen, welche zu irgendetwas ­anderem fähig sind, es sei denn, dass ein ganz unwiderstehliches Entrainement sie eine Zeitlang für alles andere unempfänglich mache, sich entschließen könnten, ein solches Los zu wählen, ­sobald ihnen noch andere Chancen geboten würden, einen ­ehrenvollen Platz im Leben auszufüllen. Sind daher die Männer entschlossen, das Ehegesetz ein Gesetz des Despotismus bleiben zu lassen, so handeln sie vom Standpunkt der Klugheit ganz recht, den Frauen nur die Wahl zu lassen: „Entweder dies oder gar nichts.“ […]

_Textauszug aus „Die Hörigkeit der Frau“ (1869)._

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