Die Leichtigkeit des Seins

John Patrick Dine8.12.2009Gesellschaft & Kultur, Medien

Als männliches Model ist man der permanenten Aufregung um die Gewichtsdebatte, die in der Fashionindustrie kursiert, weit weniger ausgesetzt als die weiblichen Kolleginnen. Um Mädchen wird sich diesbezüglich mehr Sorgen gemacht, Jungen erscheinen in ihrer Magerkeit offenbar “natürlicher”.

Ein Model ist ein visuelles Objekt. “Gewicht” bezieht sich hier auf weit mehr als auf einen perfekten Körperbau. (Perfekt kategorisiert in diesem Fall den Grad der Anpassung des Körpers an das Foto, an das Licht, an die Ausformung eines darüber fallenden Stoffes.) In dem Manic-Street-Preachers-Song “4st 7lb” ist die Idee von Körpergewicht eine Referenz an eine “Leichtigkeit” des Seins. In den Songzeilen heißt es: “I want to walk in the snow and not leave a footprint / I want to walk in the snow and not soil its purity.” Das ist eine treffende Beschreibung des Zustands, in dem sich ein Model bewegt. Es ist das Verlangen des Publikums nach Leichtsein, nach einer Gewichtslosigkeit, nicht nur bezogen darauf, wie dünn du bist, sondern auf dein gesamtes Verhalten. Du bist nicht nur das Mannequin – du bist eine Muse, ein Gesicht, ein Entertainer, ein Objekt der Begierde, der Fantasie – eine Art Geist, von dem erwartet wird, dass er sich im absurden Mode-Karussell völlig ungezwungen verhält und vor allem in der Schau funktioniert. Bist du dazu fähig, hast du als Model Erfolg.

Die Models vergessen schlichtweg zu essen

Tatsächlich gibt es viele Models, die nicht genug essen. Aber oft passiert das, weil sie keine Zeit haben und es schlichtweg vergessen. Um die Castings, Shows und Shoots zu bewältigen, ist man permanent von A nach B unterwegs. Dazu kommt, auch wenn es niemand glaubt, dass viele Models überhaupt kein Geld haben. Oft, vor allem in den ersten Jahren ihrer Karriere, arbeiten sie ohne Gage. Die Konkurrenz ist groß. Die Models reisen von einer teuren Metropole zur nächsten, sie durchqueren die Stadt zu Fuß – mit leerem Magen. Die Füße schmerzen, der Regen durchnässt dich und in keiner Minute denkst du daran, anzuhalten und etwas zu essen. Du machst dir mehr Gedanken über deine unregelmäßigen Einnahmen. Doch: Die Industrie liebt die Lebensfreude, auch da, wo keine ist – in den leeren Räumen zwischen den Sätzen und dem Ende eines ergebnislosen Tages.

Knurrkonzert

Die Mädchen und Jungs sitzen nebeneinander auf Chesterfield Sofas in East London, in einem “Live-Work-Space” mit schalldichten Glasscheiben. Sie trinken Kaffee und Wasser und rauchen Zigaretten um sieben Uhr morgens, gegen die Übermüdung kämpfend. Sie haben alle die gleichen dunklen Ringe unter den Augen und ihre Knie zittern im Einklang. Die Mädchen mit den Geräuschen ihrer leeren Mägen und die Jungs, die darauf warten, dass der Kunde ankommt. Wie ein fahrender Zirkus, der darauf wartet, dass sein Publikum erscheint.

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