Der Feudalismus hÀlt wieder Einzug in Europa

von John Lanchester27.05.2013Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Die Schuldenkrise stellt das gesamte Prinzip, mit dem die westliche Welt zu Wohlstand gekommen ist, in Frage. Im GesprÀch mit Martin Eiermann erklÀrt der britische Bestseller-Autor John Lanchester, wie es so weit kommen konnte.

*The European: Herr Lanchester, in Ihrem Buch schreiben Sie: „Kredite sind nicht nur ein Teil der Wirtschaft – sie sind die Wirtschaft“. Woher kommt diese zentrale Bedeutung von Krediten?*
Lanchester: Meine Generation ist in dem Glauben aufgewachsen, dass Schulden etwas UnerwĂŒnschtes sind. Einer der brillanten SchachzĂŒge der vergangenen Jahrzehnte war es, dass die Finanzindustrie Schulden in Kredite umbenannt und zu etwas gemacht hat, das jeder haben will. Die meisten Transaktionen sind heute kreditbasiert, Bargeld wird immer unwichtiger. Ohne Kredit steht die Wirtschaft still. Das ist auch der Grund, warum Banken so wichtig geworden sind: Dort werden Kredite vergeben.

*The European: Die LĂ€nder sind sehr unterschiedlich mit dieser Entwicklung umgegangen. Amerikaner haben grĂ¶ĂŸere HĂ€user gekauft, die sie sich eigentlich nicht leisten konnten. Viele IslĂ€nder haben die Fischerei aufgegeben, um im Finanzsektor zu arbeiten. Deutschland hat relativ sparsam gelebt. Sind Schulden ein kulturspezifisches PhĂ€nomen?*
Lanchester: In der angelsĂ€chsischen Welt dominiert ĂŒberall dieselbe Ideologie. Das ist in Kontinentaleuropa anders. Eines der falschen Credos der letzten Jahrzehnte war, dass es nur eine Form des Kapitalismus gĂ€be. Dabei geht es vor allem um selbstregulierende MĂ€rkte, wofĂŒr die Amerikaner seit Reagan das Modell liefern. Das europĂ€ische Modell sei höchstens eine halbgare Variante davon. Eigentlich sollte durch die Krise deutlich geworden sein, welches dieser Modelle nicht funktioniert.

*The European: Ist es aber nicht.*
Lanchester: Es ist, als ob das Idol vom Podest gefallen ist. Jetzt stehen wir herum, blicken etwas verlegen in die Gegend, wischen schnell den Staub ab und stellen es wieder zurĂŒck. Die Verehrung geht also weiter. Das ist lĂ€cherlich. Aus politischer Sicht kommt die Initiative dafĂŒr zwar von den Konservativen, aber die Sozialdemokraten in Europa haben fast genauso viel zu verantworten. Sie haben es zugelassen, dass wir immer abhĂ€ngiger von der Schuldenwirtschaft geworden sind, und dabei lediglich versucht, das Beste fĂŒr sich herauszuholen.

*The European: „Verschuldung“ kann je nach Kontext sehr unterschiedliche Konnotationen haben. Wir stehen unseren Eltern gegenĂŒber in der Schuld fĂŒr jahrelange FĂŒrsorge, aber niemand erwartet von uns, dass wir diese Schuld mit Geld begleichen. Ein Bankkredit muss hingegen zurĂŒckgezahlt werden. Wo liegt eigentlich der Unterschied?*
Lanchester: Wirtschaftliches Denken ist eine Metapher, die wir gerne ĂŒberdehnen. Es ist wichtig, zwischen den emotionalen Schulden innerhalb der Familie und finanziellen Schulden zu unterscheiden: Die Logik der Wirtschaft ist eine andere als die Logik sozialer Beziehungen. Als Gesellschaft sind wir einigermaßen verwirrt, was unsere Werte betrifft, und neigen dazu, uns die Wertvorstellungen der Ökonomie als Ersatz anzueignen.

*The European: Hervorgegangen ist der Schuldbegriff allerdings aus kulturellen und religiösen Kontexten. In der Antike gab es eine enge Beziehung zwischen „Schuld“ und „SĂŒnde“.*
Lanchester: Die Sprache der Ökonomie hat sich im Laufe der Zeit ein eigenes, wenig hilfreiches moralisches Element angeeignet. FĂŒr viele ist die Schuldenkrise ein Beispiel fĂŒr eine klassische Tragödie, an deren Ende eine eindeutige Moral steht. Es stimmt, dass bestimmte Fragen – wie beispielsweise die Verbindung zwischen Schulden und generationenĂŒbergreifender Gerechtigkeit – nur auf moralischer Ebene verhandelt werden können. Aber die Gefahr ist groß, mit solchen Diskussionen fĂŒr mehr Schatten als Licht zu sorgen. Beispielsweise wird in den USA die Reduzierung der Staatsausgaben oftmals zur moralischen Verpflichtung stilisiert. Wirtschaftspolitische Richtlinien sind aber immer verhandelbar und keine in Stein gemeißelten Gebote.

*The European: Weniger als drei Prozent des Geldes existiert in bar; der Rest sind Nummern auf Computerbildschirmen.*
Lanchester: Die Geschichte des Geldes ist eine Geschichte zunehmender Abstraktion. Soweit ich weiß, ist Großbritannien das einzige Land der Welt, das Bargeld jemals komplett abgeschafft hat: Nachdem die Römer sich von der Insel zurĂŒckgezogen hatten, geriet auch das MĂŒnzwesen in Vergessenheit, und die Briten fingen wieder an, Schafe gegen Äxte zu tauschen. Das ist aber eine absolute Anomalie: Geld ist so nĂŒtzlich, dass es eigentlich keinen Sinn ergibt, es nicht zu benutzen. Heute werden manche offensichtlichen Vorteile allerdings immer mehr zu Nachteilen. Bargeld basiert auf Vertrauen: Ich muss mich darauf verlassen können, einen Schein ĂŒberall fĂŒr einen entsprechenden materiellen Gegenwert eintauschen zu können. Die moderne Schuldenwirtschaft ist allerdings so abstrakt und losgelöst von materiellen RealitĂ€ten, dass einem ganz schwindlig werden kann. Wenn man sich unser Geldsystem genau anschaut, dann kann man durchaus Vertrauen verlieren.

„Wir vergrĂ¶ĂŸern den Kuchen nicht mehr“

*The European: Von Adam Smith stammt der Satz, „Geld ist immer eine Glaubensfrage.“ Können wir die Schuldenkrise als Vertrauenskrise beschreiben?*
Lanchester: Krise und Vertrauen hĂ€ngen sehr eng zusammen. Die Schuldenkrise hat ein ĂŒberraschend postmodernes Element: Niemand kann mehr genau sagen, wo Werte eigentlich verortet sind. Schulden sind beinahe schon ein Beispiel fĂŒr abstraktes Denken Ă  la Derrida: Das Platzen von Schuldenblasen hat offensichtlich gemacht, wie lang und komplex die Ketten von Wertpapieren und Verbindlichkeiten sind. Alle wussten, dass es irgendwo auch toxische Papiere gibt – aber niemand konnte sie wirklich lokalisieren und isolieren.

*The European: Dann ist die Blase geplatzt.*
Lanchester: Und auf einmal war alle LiquiditĂ€t weg. Niemand hatte vorhergesagt, dass so etwas passieren wĂŒrde, dass sich das Geld wie die Ebbe zurĂŒckzieht und die Wirtschaft trockenlegt. Solche Extremreaktionen sind die ultimative Konsequenz der Virtualisierung von Geld und Kredit. In London wird jeden Tag eine Billion US-Dollar gehandelt, das ist halb soviel wie der Gesamtwert der britischen Wirtschaft. Das ist doch bizarr. Und es ist auch moralisch problematisch, denn wir mĂŒssen fragen: Wem nutzt die hohe Schuldenlast? Welchen Mehrwert liefert sie? Die Antwort ist leider: keinen großen.

*The European: Ohne Schulden wĂ€re das Wirtschaftswachstum der letzten fĂŒnfzig Jahre deutlich geringer ausgefallen.*
Lanchester: Aber wir vergrĂ¶ĂŸern den Kuchen nicht mehr. Der Finanzsektor wĂ€chst ĂŒberproportional, doch das fĂŒhrt ganz offensichtlich nicht zur wirtschaftlichen Erholung. Wo ist das Wachstum, das wir uns ĂŒber Schulden erkaufen? Ich sehe es nicht. Stattdessen werden Schulden dazu benutzt, mit komplexen Derivaten zu handeln. Die ursprĂŒngliche Idee war, durch solche Derivate das systemische Risiko weiter zu streuen, doch teilweise haben sie einen gegenteiligen Effekt. Als vor einigen Monaten ein HĂ€ndler von JP Morgan wegen illegaler Spekulationen festgenommen wurde, hieß es zuerst, dass sich der Schaden auf eine Milliarde US-Dollar belaufen wĂŒrde. Dann waren es drei, dann fĂŒnf, heute sind es sechs Milliarden.

*The European: Die grĂ¶ĂŸten Programme zur Wachstumsförderung kamen in den letzten Jahren nicht unbedingt von Regierungsseite, sondern von Zentralbanken durch die sogenannten monetĂ€ren Lockerungen. Ist es fair zu sagen: Dort werden Geld und Schulden aus dem Nichts heraus geschaffen?*
Lanchester: Wir können uns Zentralbanken fast schon als Geld-Elfen vorstellen. Kaum jemand versteht genau, wo das Geld eigentlich herkommt. Wir wissen lediglich, dass die Elfen es irgendwie herstellen. Und wie fast jedes MĂ€rchen ist auch die ­Geschichte von der Herkunft des Geldes sehr ambivalent: Wir entlasten durch zusĂ€tzliche LiquiditĂ€t die Wirtschaft, aber die verborgenen Kosten können enorm hoch sein. Es ist schade, dass die meisten Ökonomen aufgehört haben, ĂŒber solche Fragen nachzudenken, und stattdessen glauben, die Geldtheorie sei seit Hayek und Friedman ausdiskutiert. Das ist ein Fehler.

„In dieser Hinsicht bin ich Marxist“

*The European: Geht die Ära hoher Wachstumsraten zu Ende?*
Lanchester: Die schwierige Frage ist, fĂŒr wen? Global sieht es gar nicht schlecht aus, aber der Westen bekommt Probleme. Eine wichtige Konsequenz ist, dass wir ĂŒber die zukĂŒnftige Finanzierung des Sozialstaats nachdenken mĂŒssen. Sozialausgaben funktionieren in ihrer derzeitigen Form nur, wenn die Wirtschaft weiterhin wĂ€chst. Eine weitere Konsequenz ist, die Beziehung von Wachstum und Umwelt zu beleuchten. Wir dĂŒrfen nicht um jeden Preis weiterwachsen.

*The European: WĂŒrden Sie Schulden als eine Form sozialer Kontrolle beschreiben?*
Lanchester: Die soziale Ungleichheit in vielen westlichen LĂ€ndern ist erschreckend. Durch Privatschulden haben viele Menschen immer weniger Kontrolle ĂŒber ihre Zukunft. Der Feudalismus hĂ€lt wieder Einzug in Europa, dieses Mal allerdings nicht unter Androhung körperlicher Gewalt, sondern durch finanzielle AbhĂ€ngigkeit. In dieser Hinsicht bin ich Marxist: Strukturelle Ungleichheiten und AbhĂ€ngigkeiten sind eine Form von Gewalt. In vielen LĂ€ndern steigen die Kosten fĂŒr ein Studium so extrem, dass sich die Chancen einer ganzen Generation verschlechtern. Es ist unrealistisch, als Antwort darauf einfach eine höhere Verschuldungsbereitschaft von Studenten zu fordern.

*The European: Ist es nicht besser, Schulden auf persönlicher und sozialer Ebene zu diskutieren? Schließlich sind die Effekte ganz real.*
Lanchester: Eine Konsequenz des Derivatehandels ist, dass die Beziehung zwischen GlÀubiger und Schuldner zerschlagen worden ist. Schulden sind keine Beziehung mehr, sondern lassen sich auf eine Zahl reduzieren. Die Verbriefung von Schulden ist ganz bewusst entpersonalisiert und untergrÀbt das soziale Element, das lange Zeit ein essenzieller Teil des Bankwesens war. Eine Bank musste Kunden einzeln bewerten, bevor Kredite vergeben wurden, es musste ein VertrauensverhÀltnis entstehen. Das ist heute anders. Schwierig wird es dadurch, dass wir zwar oftmals instinktiv und emotional auf einen konkreten Fall reagieren, aber weniger gut mit abstrakten Fragen umgehen können. Doch letztendlich ist Schuldenwirtschaft ein systemisches Problem, kein persönliches.

*The European: Die derzeitige Sparpolitik ist ein offensichtlicher Versuch, Schulden nicht einfach immer weiter in die Zukunft zu verlagern. Ihre Meinung dazu?*
Lanchester: Ich halte das fĂŒr ein Ablenkungsmanöver. NatĂŒrlich darf das Haushaltsdefizit nicht immer weiter wachsen, aber die derzeitige Schuldenkrise lĂ€sst sich langfristig nur durch Wachstum lösen. Schulden sind nichts anderes als ein Wachstumsversprechen aus der Zukunft. Projekte wie der Sozialstaat sind nur dann nachhaltig, wenn die Wirtschaft weiterhin wĂ€chst. Ich halte das Gerede von der Sparpolitik daher fĂŒr etwas opportunistisch. Viele Liberale haben das explizite politische Ziel, den Einfluss des Staates zurĂŒck zu drĂ€ngen und Staatsausgaben zu verringern. Dazu bietet sich jetzt natĂŒrlich die Gelegenheit. Sparpolitik ist als politisches Thema durchaus erfolgreich gewesen.

*The European: Können Sie sich eine Welt vorstellen, in der Kredit und Schulden nicht mehr ein so zentraler Aspekt der Wirtschaft sind?*
Lanchester: Das wird schwer, weil es an den Kern des Wirtschaftens geht. In der Science- Fiction-Literatur gibt es eine ausgeprĂ€gte Tradition, ĂŒber Utopien und alternative RealitĂ€ten zu schreiben. Eine schuldenfreie Wirtschaft ist beinahe so eine Utopie. Ein Argument gegen Schulden ist ein sehr hypothetisches Argument, das sich kaum unter den Bedingungen hoher Arbeitslosigkeit und sozialer Verunsicherung entwickeln lĂ€sst. Aber ich verdamme Schulden auch nicht, denn sie funktionieren ja. Problematisch ist, dass die Banken den Kapitalismus kaputt gemacht haben und heute selbst viele entschlossene Kapitalisten verĂ€rgert sind. Ich weiß nicht, ob die Krise wirklich ein Zeichen ist, dass die Schuldenwirtschaft insgesamt versagt hat – denn das System sollte eigentlich ganz anders funktionieren.

_Übersetzung aus dem Englischen_

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

So lÀuft das mit den Schleppern wirklich - Ein Migrant packt aus

Die illegalen Schlepperboote stehen mit den Booten der NGOs wie der Sea Watch in direktem Kontakt, sie kommunizieren miteinander und sprechen das Schleppen der Migranten im Mittelmeer untereinander ab, so Petr Bystron.

Wie ein PrÀsident Selensky relativ erfolgreich sein könnte

Ein Großteil der intellektuellen Elite, politischen Chatcommunity, weltweiten Diaspora und auslĂ€ndischen Freunde der Ukraine ist entsetzt ĂŒber den Ausgang der ukrainischen PrĂ€sidentschaftswahlen. Der Schauspieler, Komiker und GeschĂ€ftsmann Wolodymyr Selensky wird, nachdem er im ersten Wahlgang

August von Hayek: „Der Weg zur Knechtschaft“

Von 1940 – 1943, als der Kampf gegen das Deutschland der Nationalsozialisten noch nicht entschieden war, schrieb August von Hayek im englischen Exil, in das er vor den Nationalsozialisten geflĂŒchtet war, „Der Weg zur Knechtschaft“. Es erschien 1944 in England, dem Land, das Europa innerhalb v

Die Migrations-Politik der EU ist gescheitert

Vortrag von Herr Köppel bei der EKR (Fraktion der EuropĂ€ischen Konservativen und Reformer) im Europaparlament in BrĂŒssel am 17.06.2019, als Beitrag zur Diskussionsrunde „Die EU nach den Wahlen - weniger Europa“. Herr Köppel erlĂ€utert, warum die Schweiz mit der EU bestens zusammenarbeiten wi

Teilen und Herrschen: Frankreich will immer im EU-Poker mitsspielen

Um die Schwierigkeiten zu verstehen, die die Besetzung der sogenannten Topjobs (Kommissions-, EZB- und ParlamentsprĂ€sident, sowie den Hohen Vertreter der EU fĂŒr Außen- und Sicherheitspolitik) in der EU mit sich bringen, lohnt es sich die Mitglieder der EU einzeln nach Gewichtung, Interessen und m

Wie ein schwacher Staat unsere Sicherheit aufs Spiel setzt

Die Bibliothek des Konservatismus Berlin ist eines der kleinen gallischen Dörfer in der rot-dunkelrot-grĂŒnen Hauptstadt des besten Deutschlands, das wir je hatten, von denen Widerstand gegen den Zerfall unseres Landes ausgeht. Am 3. Juli war in der Bibliothek jeder der ĂŒber dreihundert unbequeme

Mobile Sliding Menu