Wir müssen eine gemeinschaftliche Intelligenz generieren

Johannes Weiß22.12.2009Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Schon immer haben sich junge Künstler in Gruppen zusammengetan, um gemeinsame Positionen zu definieren. Die Auswirkungen der Finanzkrise auf den Kunstmarkt haben die Bedeutung dieser Netzwerke erheblich verstärkt.

Das Projekt “Infernoesque” entwickelte sich 2007 aus einer Ateliergemeinschaft in der Heidestraße in Berlin und wird nun von Sonja Gerdes und mir organisiert. Die Anfänge waren ungestüm, spontan und temporär, die Anlässe erheblich von der Freude getrieben, gemeinsam aktiv zu werden und Gestaltungsprozesse anzustoßen. Aus einer kleinen Gruppe von Künstlern, die sich selbst organisieren, wurde mit der Zeit eine beachtliche Anzahl von Wegbegleitern. Daher stellt sich uns immer wieder die Frage, welche Bedeutung Selbstorganisation und Netzwerke innerhalb des Kunstbetriebs haben, welches Engagement und welche Formen sie brauchen. Selbstorganisation ist aus einem einfachen Grund unabdingbar: Das Künstlerdasein zwingt uns zum Selbstgestalten und zur Eigenverantwortlichkeit. Wenn wir diese Fähigkeiten nicht aufbringen, verfehlen wir unser grundlegendes Ziel. Durch Fantasie und Handlungsintentionen können wir uns aus unserer notorischen Unzufriedenheit über Zustände, in denen wir uns befinden, befreien und Prozesse beginnen, die etwas verändern. Netzwerke sind der Pool, aus dem wir Informationen schöpfen, Empfehlungen bekommen und empfohlen werden.

Werden die Konzepte der Situation gerecht?

Die Wirtschaftskrise lässt uns unter neuen Voraussetzungen über die Formen der Selbstorganisation und der Netzwerke nachdenken. Noch dazu sind wir heute einer Flut von komplexen und vielfältigen Informationen ausgesetzt, deren Herkunft und Gehalt kaum nachvollziehbar oder überprüfbar sind. Wie kann ich als Künstler zu einer elementaren Entscheidung gelangen, wenn um mich herum sich jede Bedeutung ihrer Bewertung entzieht? Und wie verhält es sich mit den derzeitigen Ausstellungskonzepten, werden sie dieser Situation gerecht? Galerien und Institutionen greifen jetzt immer häufiger ganz offen auf die Netzwerke von Künstlern zurück. So entstehen Gruppenausstellungen, für die Künstler ihre Kontakte aktivieren. Ich sehe es uneingeschränkt positiv, dass es so etwas gibt – was die Qualität dieser Ausstellungen betrifft, verhält es sich allerdings meistens so, dass ein relativ hohes Maß an Vergleichbarkeit der einzelnen Kunstwerke vorhanden ist, aber die eigentlich wünschenswerte inhaltliche Aussagekraft der Ausstellung fragwürdig bleibt. Und genau so ist es auch umgekehrt: Haben die individuellen Werke eine hohe Qualität, sind differenziert und komplex, ist es schwer, sie miteinander in Verbindung zu bringen. Es wird deutlich, dass die Entscheidungsträger in den Institutionen sich der komplexen Situation nicht stellen wollen oder können und dass die Netzwerke, so wie sie momentan aufgebaut sind, ebenfalls nicht in der Lage sind, geeignet zu reagieren.

Einzelbeiträge mehr sind als die Summe der Teile

Es lohnt sich also, intensiv darüber nachzudenken, auf welche Weise wir gemeinsame Aktivitäten entfalten können, in denen die Einzelbeiträge mehr sind als die Summe der Teile. Wir müssen durch Abstimmungs- und Angleichungsprozesse eine Form schaffen, die es ermöglicht, eine gemeinschaftliche Intelligenz zu generieren, aus der neue Muster und Wahrnehmungsfelder entstehen. Gerade im Bereich der Kunst spielen abgrenzende Definitionen wie Urhebertum und Autorenschaft eine große Rolle. Das ist unabdingbar und auch sinnvoll. Trotzdem müssen wir zusammenarbeiten und gemeinnützige und kooperative Aspekte stärker in den Vordergrund stellen. Die Formen dafür müssen immer wieder neu gefunden werden.

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