Was vorübergehend helfen kann, schadet auf Dauer der Gesamtwirtschaft. Horst Seehofer

Schöne neue Arbeitswelt

Der Einverdiener-Haushalt gehört der Vergangenheit an. Mini-Jobs, die die familiäre Haushaltskasse aufbessern sollen, sind aber noch lange keine prekären Arbeitsverhältnisse – zumindest wenn in der Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik konsequent auf Qualifikation gesetzt wird.

Für Analytiker kollektiver Psychen mag es eine spannende Aufgabe sein, darüber nachzudenken, was die arbeitsmarktpolitische Diskussion in Deutschland gerade für ein Schauspiel bietet: Auf Ergebnisse, die durchaus beabsichtigt waren, reagiert man mit aufgeregter Verwunderung. Letztlich haben wesentliche Reformen des deutschen Arbeitsmarkts, die vor ungefähr zehn Jahren begonnen wurden, gegriffen. Dabei ging es um das gewaltige Problem massiver struktureller Arbeitslosigkeit.

Auch die Familien- und die Bildungswelt haben sich erheblich gewandelt

Um diesem Problem entgegenzuwirken, musste der alte Gedanke vom “Alles oder Nichts” überwunden werden – entweder man hat einen Job oder man hat keinen. Durch eine ganze Reihe gesetzlicher Änderungen ist ein Sektor im Arbeitsmarkt entstanden, der erst einmal weder prekär noch atypisch, sondern neu ist. Die Arbeitswelt ist heute sehr viel anders als früher. Das gilt im Übrigen aber auch für die Gesellschaft insgesamt. Haben sich nicht Familienwelt, Bildungswelt und auch die Welt jenseits der deutschen Grenzen erheblich gewandelt?

Was den Arbeitsplatz angeht, muss dieser dabei keineswegs so prekär sein, wie immer wieder behauptet wird: Den größten Zuwachs der sogenannten atypischen Beschäftigung gibt es nicht wegen obskurer Machenschaften, sondern wegen einer überproportionalen Zunahme an Mini-Jobs. Dies spiegelt mindestens so sehr einen gesellschaftlichen Trend wie wirtschaftliche Entwicklungen, denn der Einverdiener-Haushalt gehört der Vergangenheit an. Allerdings kann der Arbeitsplatz prekär sein, z. B. dort, wo keinerlei Qualifikation vorhanden ist, etwa im Einzelhandel – und das ist ein echtes Problem –, wo mancher Arbeitgeber lieber eine Vollzeitstelle in drei Teilzeitstellen aufteilt.

Was tun? Erst mal sollte nicht mehr Falsches über das Neue verbreitet werden, weil man das Alte gerne wiederhätte. Die “Generation Praktikum” gibt es in Zeitungsartikeln, in der Realität sind Kettenpraktika zum Berufseinstieg glücklicherweise die Ausnahme. Zeitarbeit wächst, verdrängt herkömmliche Arbeitsverhältnisse aber im Regelfalle nicht. Deutschland ist kein Niedriglohnland und nein, ein allgemeiner gesetzlicher Mindestlohn würde die Probleme nicht verringern, sondern nur verschieben. Andererseits muss man konstatieren, dass es heutige Berufsanfänger schwerer haben, als diejenigen zu Beginn der 80er-Jahre. Sie werden wahrscheinlich zuerst einen befristeten Arbeitsvertrag unterschreiben und vielleicht auch dafür umziehen müssen. Allerdings werden sie aufs Leben gerechnet keine geringeren Beschäftigungszeiten haben als die vorige Generation und auch nicht weniger verdienen. Also: Ruhe bewahren! Dennoch gibt es viel zu tun. Wir müssen dafür sorgen, dass jeder, der seine Stelle verliert, berechtigte Hoffnung hat, schnell eine neue zu finden. Und vor allem müssen wir konsequent auf Qualifikation setzen.

Der Arbeitsmarkt wird durchlässiger sein als früher

Die globalisierte Arbeitswelt wird nicht auf uns warten. Wir sollten weder in Hysterie verfallen, noch Herausforderungen schönreden. Wir sollten sie annehmen. Ein Leben ohne prekäre Situation wird es nicht geben, und man sollte es sich auch nicht ernsthaft wünschen. Ein dauerhaft prekäres Leben ist aber genauso wenig wünschenswert. Ihm kann man aber nicht mit der Vergangenheit begegnen, sondern nur mit Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten. Ja, der Arbeitsmarkt wird durchlässiger sein als früher und ja, manchmal auch schwieriger. Je eher wir jedoch aufhören, von lebenslangem Lernen nur zu reden, desto seltener wird das der Fall sein.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Sahra Wagenknecht, Oskar Lafontaine, Regina Görner.

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