Vom Klischee des Bürgerlichen

Johannes Vogel17.06.2011Gesellschaft & Kultur, Politik

Dem Begriff des Bürgerlichen haftet immer noch viel negativer Ballast an. Ob der Begriff daher als Identifikation von Parteien taugt, ist fraglich. Doch gleichzeitig bezeichnen sich 80 Prozent der Deutschen selbst als bürgerlich. Das ist gut so: Das Bürgertum bezeichnete ursprünglich den mündigen, unabhängigen Staatsbürger, von dem auch die Demokratie lebt.

Meistens ist “der Bürger” ein Klischee. Und wie bei vielen Klischees gibt es eine negative und eine positive Variante: Ursprünglich versammelten sich auf der einen Seite unseres Bildes von Bürgerlichkeit die Spieß- und Schildbürger um ihre Stammtische, verzehrten ihr ebenso unbekömmliches wie gutbürgerliches Essen und taten und ließen vor allem auch sonst alles, was auch heute noch landläufig gemeint ist, wenn jemand „kleinbürgerlich“ sagt. Auf der anderen Seite hingegen die Buddenbrooks, nur glücklicher – großbürgerliche Kultiviertheit, Fleiß und Wohlstand, Bildung und natürlich auch verantwortungsvolles, eben bürgerliches, Engagement. Die berühmte bürgerliche Doppelmoral wohnte irgendwie hier wie da. Auch wenn die deutsche Küche inzwischen wieder ihren Schrecken und der bürgerliche Einsatz im Gemeinwesen zum Glück das Honoratiorenhafte verloren haben, schwingt stets noch viel von derlei Vorstellungen mit, wenn heute das Eigenschaftswort bürgerlich fällt.

Achtzig Prozent Bürgertum?

Außerdem wird Umfragen zufolge bürgerlich auch gern als Generalbegriff für eine Reihe von Tugenden genommen. Bürgerlich, das heiße ordentlich zu sein, das heiße zuverlässig zu sein oder auch glaubwürdig zu sein. Vielleicht auch, weil das allesamt positive Eigenschaften sind, bezeichnet sich regelmäßig die große Mehrheit der Befragten selbst als bürgerlich; in einer jüngeren Umfrage sogar vier von fünf Deutschen. Schließlich begegnet einem in der Sprache des politischen Alltags das Adjektiv bürgerlich vor allem dann, wenn das Fünfparteiensystem wieder einmal viel zu unordentlich erscheint. Dann gibt es das bürgerliche Lager und irgendwie, nun ja, die anderen. Bürgerlich wird in diesem Sinne auch mit dem Begriff Mittelschicht verknüpft, ohne dass allerdings hinreichend klar wäre, wie beides miteinander zusammenhängt. Ob es daher sinnvoll ist, bürgerlich als parteipolitische Distinktionsvokabel zu benutzen, mag jeder für sich entscheiden – ich habe da meine Zweifel. Wenn aber ohnehin so gut wie jeder sich selbst für bürgerlich hält und bürgerlich als Synonym für einfach wünschenswerte Eigenschaften wie Ordentlichkeit herhalten muss, dann lohnt vielleicht doch eine Überlegung, die ein wenig vom semantischen Alltag wegführt. Genauer gesagt geht es um eine Überlegung, die sich auf einen Ausschnitt des gängigen Bürgerlichkeitsverständnisses konzentriert, und zwar auf den entscheidenden Ausschnitt.

Für die Freiheit

Denn für 80 Prozent der Bundesbürger besteht ein Zusammenhang zwischen den Begriffen Bürgerlichkeit und Freiheit. Recht haben sie, denn Bürger sein kann man nur in einer politischen Gemeinschaft. Man kann es aber nicht in jeder beliebigen, sondern nur in ganz bestimmten. Historisch gesehen kann man nämlich nur an einem Ort wirklich bürgerlich sein, und zwar in einer Republik. Heute würden wir liberale Demokratie sagen. Stadtluft macht frei, jeder kennt den alten Spruch. Über Renaissance und Mittelalter führt er uns aber direkt in die Antike und zu einer alten Idee: der Idee der Selbstregierung. Der Bürger ist also vor allem das Gegenteil des Untertanen. Dass dem Bürgerlichsein die Idee der Selbstregierung zugrunde liegt, macht dann auch verständlich, warum es weitere positive Eigenschaften anzeigt, wie etwa ein Verantwortungsbewusstsein. Denn Selbstregierung heißt nicht umsonst so, sondern ist ein anstrengendes Geschäft, das ohne Tugenden gar nicht machbar wäre. So wird aus der Antwort auf die Frage, was bürgerlich sei, eine Aufgabe: Bürgerlich ist jeder, der frei sein will und dafür auch etwas tut.

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