Die Rache Gottes bleibt im Dorf

Johannes Vogel14.12.2010Gesellschaft & Kultur, Politik

Alexander Görlach hat das Thesenpapier der FDP nicht verstanden. Es geht nicht um eine laizistische Umwälzung der Gesellschaft, sondern um die Betonung der grundgesetzlichen Werte. Die FDP will integrieren, nicht ausschließen.

Im Instrumentenkasten der Rhetorik findet sich seit jeher folgender Trick: Man behauptet etwas, schiebt es jemand anderem unter und widerlegt anschließend das Ganze. “Alexander Görlach”:http://www.theeuropean.de/alexander-goerlach/5133-lindner-und-die-kirche und “Peter Tauber”:http://www.theeuropean.de/peter-tauber/5143-religion-und-migration können das auch: Die FDP verlange, dass die Deutschen “von der Tyrannei des Kreuzes befreit werden“, sie fordere “eine stärkere Säkularisierung der Gesellschaft“ und verfolge ein “Integrationsleitbild, das anstelle von Werten auf Beliebigkeit setzt“. Dem begegneten die beiden nun mit Argumenten zur aktuellen Bedeutung der christlich-jüdischen Tradition im Allgemeinen und zur Bedeutung der Kirchen im Besonderen. Was die FDP da beabsichtige, sei gefährlicher Unfug, sie beleidige Christen und lege die Axt an die Wurzel unserer Republik. Hoppla!

Gegen integrationspolitische Ausgrenzung

Höflicherweise hatte die FDP zuvor ihre antichristlichen Anarchiefantasien in einem öffentlichen “Thesenpapier”:http://www.marco-buschmann.de/files/26949/10_12_06_Sechs_Thesen_fuer_ein_republikanisches_Integrationsleitbild_Endversion.pdf zusammengefasst. Eine Aussage lautet hier: Die Rede vom christlich-jüdischen Abendland kann in Integrationsdiskursen missverstanden werden und ausgrenzend wirken. Daher müsse in integrationspolitischen Debatten immer der normative Rahmen des Grundgesetzes und seine Akzeptanz Leitbild sein und nichts anderes. Dieser Hinweis schien notwendig, weil schon die banale Feststellung des Bundespräsidenten, der Islam gehöre zu Deutschland, aufgeregten Widerspruch provoziert hatte. Christine Haderthauer etwa kommentierte: “Aus Religionsfreiheit darf nicht Religionsgleichheit werden.“ Ähnlich darf man wohl Peter Tauber verstehen, wenn er – großzügigerweise? – anmerkt: “Dabei wird kein Migrant verpflichtet, zur christlichen Religion zu konvertieren.“ Als evangelischer Christ und liberaler Abgeordneter darf ich also kurz festhalten: Die FDP fordert von den deutschen Bürgern und denen, die es werden wollen, weder ein religiöses noch ein irreligiöses Bekenntnis. Sie fordert ein – gern emphatisches – Bekenntnis zur Bundesrepublik, das heißt zur kooperativen Gemeinschaft der Bürger, “zur Verfassung”:http://www.theeuropean.de/alan-posener/5146-berufung-auf-das-grundgesetz und zu deren Grundwerten, inklusive des Versprechens, dass jeder, unabhängig von Herkunft, Rasse oder Religion, die Chance hat, in Deutschland sein Glück zu verwirklichen. Sie stellt weder die christlich-jüdische Tradition als solche infrage noch deren Prägekraft noch die vielen guten Werke der Christen und ihrer Kirchen in Deutschland. Sie kritisiert stattdessen jeden Versuch, Bürger in kulturelle Herkunftsklassen erster und zweiter Ordnung einzuteilen, als integrationspolitischen Kardinalfehler. Es gibt nur die deutsche Staatsbürgerschaft, keine deutschen und etwas deutscheren Bürger.

Niemand fordert den Atheismus

Und keiner der Unterzeichner des Thesenpapiers fordert in dem Papier eine laizistische Umwälzung. Ein Ausschluss der religiösen und kirchlichen Akteure aus der Öffentlichkeit wäre ein gravierender Verlust. Das gilt, um noch einmal auf den christdemokratischen Bundespräsidenten zurückzukommen, aber eben auch für islamische Akteure. Und es gilt selbstverständlich auch für nicht religiöse Akteure. Die vermeintlichen Bekenntnisverteidiger entlarven sich so insgesamt als Bezichtigungspolitiker. Aber Kirchturmpolitik hat noch nie weitergeholfen, sie wird es auch nicht beim Thema Integration tun. Fürs Erste kommt es weder zur Rache Gottes, noch bleibt allein die Kirche im Dorf, sondern es kommt manchmal eben beispielsweise auch die Moschee dazu. Christlich-jüdisches Abendland wiederum hilft auch gegen die Unversöhnlichkeit der Unterstellungen. Wie hätte Heinrich Heine gesagt: Dieu vous pardonnera, c’est son métier – Gott wird Ihnen vergeben, das ist sein Beruf.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Der Ausschluss von Stephan Brandner ist ein klares Signal gegen Hetze und Hass

Stephan Brandner von der AfD hat Menschen ausgegrenzt und Hass geschürt. Nun muss er seinen Posten aufgeben - die Abgeordneten des Rechtsausschusses haben ihren Vorsitzenden abgewählt. Einen vergleichbaren Fall hatte es bislang in der Geschichte des Bundestages noch nicht gegeben.

Der Erfolg der AfD liegt in der Austauschbarkeit der Altparteien

30 Jahre nach der Friedlichen Revolution wurde in Thüringen gewählt. Zum dritten Mal in diesem Jahr kann die AFD zum Entsetzen von Medien und Politik einen Wahlerfolg in „Dunkeldeutschland“ (Gauck) feiern. Die linke Mehrheit ist gebrochen, die SPD liegt bei 8,2 %, die AfD macht als zweite Kraf

Kritik am „grünen Expertentum“ gilt als Blasphemie

Kritik am „grünen Expertentum“ gilt als Blasphemie und soll also am liebsten aus den Medien verbannt werden. Zu groß scheint die Angst, als Gaukler entlarvt zu werden.

Wir müssen wieder miteinander streiten lernen

Es hat lange gedauert, aber nun haben auch die liberalen Blätter endlich erkannt, dass etwas schief gelaufen ist mit dem „Haltung zeigen“. Als ich es wagte, ein Buch mit dem Titel „Wir können nicht allen helfen“ zu veröffentlichen, begrüßte mich die Kreuzberger Grünen-Abgeordnete auf d

Wir müssen den Rechtsstaat vor seiner Opferung auf dem Altar der Hypermoral bewahren

Die Geschichte lehrt, wie man sie fälscht, ist mein Lieblingsbonmot des polnischen Satirikers Stanisław Jerzy Lec, das ein Dilemma auf den Punkt bringt. Geschichte wird immer wieder umgeschrieben, so wie es den jeweiligen Inhabern der Deutungshoheit gefällt. Wir erleben gerade in diesen Tagen wie

Nächstenliebe geht anders!

Nächstenliebe geht anders! Alle EU-Abgeordneten von CDU/CSU haben gegen eine Resolution zur Beendigung des Sterbens im Mittelmeer gestimmt. Mit Rechtspopulisten und -extremen haben sie diesen Aufruf zur Menschenrettung mit einer neuen europäischen Seenotrettung und für die Entkriminalisierung der

Mobile Sliding Menu