In Deutschland heisst es Jugend forscht. In England heisst es Petting. Harald Schmidt

Die Rache Gottes bleibt im Dorf

Alexander Görlach hat das Thesenpapier der FDP nicht verstanden. Es geht nicht um eine laizistische Umwälzung der Gesellschaft, sondern um die Betonung der grundgesetzlichen Werte. Die FDP will integrieren, nicht ausschließen.

Im Instrumentenkasten der Rhetorik findet sich seit jeher folgender Trick: Man behauptet etwas, schiebt es jemand anderem unter und widerlegt anschließend das Ganze. Alexander Görlach und Peter Tauber können das auch: Die FDP verlange, dass die Deutschen "von der Tyrannei des Kreuzes befreit werden“, sie fordere "eine stärkere Säkularisierung der Gesellschaft“ und verfolge ein "Integrationsleitbild, das anstelle von Werten auf Beliebigkeit setzt“. Dem begegneten die beiden nun mit Argumenten zur aktuellen Bedeutung der christlich-jüdischen Tradition im Allgemeinen und zur Bedeutung der Kirchen im Besonderen. Was die FDP da beabsichtige, sei gefährlicher Unfug, sie beleidige Christen und lege die Axt an die Wurzel unserer Republik. Hoppla!

Gegen integrationspolitische Ausgrenzung

Höflicherweise hatte die FDP zuvor ihre antichristlichen Anarchiefantasien in einem öffentlichen Thesenpapier zusammengefasst. Eine Aussage lautet hier: Die Rede vom christlich-jüdischen Abendland kann in Integrationsdiskursen missverstanden werden und ausgrenzend wirken. Daher müsse in integrationspolitischen Debatten immer der normative Rahmen des Grundgesetzes und seine Akzeptanz Leitbild sein und nichts anderes. Dieser Hinweis schien notwendig, weil schon die banale Feststellung des Bundespräsidenten, der Islam gehöre zu Deutschland, aufgeregten Widerspruch provoziert hatte. Christine Haderthauer etwa kommentierte: "Aus Religionsfreiheit darf nicht Religionsgleichheit werden.“ Ähnlich darf man wohl Peter Tauber verstehen, wenn er – großzügigerweise? – anmerkt: "Dabei wird kein Migrant verpflichtet, zur christlichen Religion zu konvertieren.“

Als evangelischer Christ und liberaler Abgeordneter darf ich also kurz festhalten: Die FDP fordert von den deutschen Bürgern und denen, die es werden wollen, weder ein religiöses noch ein irreligiöses Bekenntnis. Sie fordert ein – gern emphatisches – Bekenntnis zur Bundesrepublik, das heißt zur kooperativen Gemeinschaft der Bürger, zur Verfassung und zu deren Grundwerten, inklusive des Versprechens, dass jeder, unabhängig von Herkunft, Rasse oder Religion, die Chance hat, in Deutschland sein Glück zu verwirklichen. Sie stellt weder die christlich-jüdische Tradition als solche infrage noch deren Prägekraft noch die vielen guten Werke der Christen und ihrer Kirchen in Deutschland. Sie kritisiert stattdessen jeden Versuch, Bürger in kulturelle Herkunftsklassen erster und zweiter Ordnung einzuteilen, als integrationspolitischen Kardinalfehler. Es gibt nur die deutsche Staatsbürgerschaft, keine deutschen und etwas deutscheren Bürger.

Niemand fordert den Atheismus

Und keiner der Unterzeichner des Thesenpapiers fordert in dem Papier eine laizistische Umwälzung. Ein Ausschluss der religiösen und kirchlichen Akteure aus der Öffentlichkeit wäre ein gravierender Verlust. Das gilt, um noch einmal auf den christdemokratischen Bundespräsidenten zurückzukommen, aber eben auch für islamische Akteure. Und es gilt selbstverständlich auch für nicht religiöse Akteure.

Die vermeintlichen Bekenntnisverteidiger entlarven sich so insgesamt als Bezichtigungspolitiker. Aber Kirchturmpolitik hat noch nie weitergeholfen, sie wird es auch nicht beim Thema Integration tun. Fürs Erste kommt es weder zur Rache Gottes, noch bleibt allein die Kirche im Dorf, sondern es kommt manchmal eben beispielsweise auch die Moschee dazu. Christlich-jüdisches Abendland wiederum hilft auch gegen die Unversöhnlichkeit der Unterstellungen. Wie hätte Heinrich Heine gesagt: Dieu vous pardonnera, c’est son métier – Gott wird Ihnen vergeben, das ist sein Beruf.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Papst Franziskus, Andreas T. Sturm, Georg Dietlein.

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