Schöne neue Arbeitswelt

von Johannes Vogel6.07.2010Innenpolitik, Wirtschaft

Der Einverdiener-Haushalt gehört der Vergangenheit an. Mini-Jobs, die die familiäre Haushaltskasse aufbessern sollen, sind aber noch lange keine prekären Arbeitsverhältnisse – zumindest wenn in der Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik konsequent auf Qualifikation gesetzt wird.

Für Analytiker kollektiver Psychen mag es eine spannende Aufgabe sein, darüber nachzudenken, was die arbeitsmarktpolitische Diskussion in Deutschland gerade für ein Schauspiel bietet: Auf Ergebnisse, die durchaus beabsichtigt waren, reagiert man mit aufgeregter Verwunderung. Letztlich haben wesentliche Reformen des deutschen Arbeitsmarkts, die vor ungefähr zehn Jahren begonnen wurden, gegriffen. Dabei ging es um das gewaltige Problem massiver struktureller Arbeitslosigkeit.

Auch die Familien- und die Bildungswelt haben sich erheblich gewandelt

Um diesem Problem entgegenzuwirken, musste der alte Gedanke vom “Alles oder Nichts” überwunden werden – entweder man hat einen Job oder man hat keinen. Durch eine ganze Reihe gesetzlicher Änderungen ist ein Sektor im Arbeitsmarkt entstanden, der erst einmal weder prekär noch atypisch, sondern neu ist. Die Arbeitswelt ist heute sehr viel anders als früher. Das gilt im Übrigen aber auch für die Gesellschaft insgesamt. Haben sich nicht Familienwelt, Bildungswelt und auch die Welt jenseits der deutschen Grenzen erheblich gewandelt? Was den Arbeitsplatz angeht, muss dieser dabei keineswegs so prekär sein, wie immer wieder behauptet wird: Den größten Zuwachs der sogenannten atypischen Beschäftigung gibt es nicht wegen obskurer Machenschaften, sondern wegen einer überproportionalen Zunahme an Mini-Jobs. Dies spiegelt mindestens so sehr einen gesellschaftlichen Trend wie wirtschaftliche Entwicklungen, denn der Einverdiener-Haushalt gehört der Vergangenheit an. Allerdings kann der Arbeitsplatz prekär sein, z. B. dort, wo keinerlei Qualifikation vorhanden ist, etwa im Einzelhandel – und das ist ein echtes Problem –, wo mancher Arbeitgeber lieber eine Vollzeitstelle in drei Teilzeitstellen aufteilt. Was tun? Erst mal sollte nicht mehr Falsches über das Neue verbreitet werden, weil man das Alte gerne wiederhätte. Die “Generation Praktikum” gibt es in Zeitungsartikeln, in der Realität sind Kettenpraktika zum Berufseinstieg glücklicherweise die Ausnahme. Zeitarbeit wächst, verdrängt herkömmliche Arbeitsverhältnisse aber im Regelfalle nicht. Deutschland ist kein Niedriglohnland und nein, ein allgemeiner gesetzlicher Mindestlohn würde die Probleme nicht verringern, sondern nur verschieben. Andererseits muss man konstatieren, dass es heutige Berufsanfänger schwerer haben, als diejenigen zu Beginn der 80er-Jahre. Sie werden wahrscheinlich zuerst einen befristeten Arbeitsvertrag unterschreiben und vielleicht auch dafür umziehen müssen. Allerdings werden sie aufs Leben gerechnet keine geringeren Beschäftigungszeiten haben als die vorige Generation und auch nicht weniger verdienen. Also: Ruhe bewahren! Dennoch gibt es viel zu tun. Wir müssen dafür sorgen, dass jeder, der seine Stelle verliert, berechtigte Hoffnung hat, schnell eine neue zu finden. Und vor allem müssen wir konsequent auf Qualifikation setzen.

Der Arbeitsmarkt wird durchlässiger sein als früher

Die globalisierte Arbeitswelt wird nicht auf uns warten. Wir sollten weder in Hysterie verfallen, noch Herausforderungen schönreden. Wir sollten sie annehmen. Ein Leben ohne prekäre Situation wird es nicht geben, und man sollte es sich auch nicht ernsthaft wünschen. Ein dauerhaft prekäres Leben ist aber genauso wenig wünschenswert. Ihm kann man aber nicht mit der Vergangenheit begegnen, sondern nur mit Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten. Ja, der Arbeitsmarkt wird durchlässiger sein als früher und ja, manchmal auch schwieriger. Je eher wir jedoch aufhören, von lebenslangem Lernen nur zu reden, desto seltener wird das der Fall sein.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Dann mach doch die Bluse zu!

Frauen bestehen auf ihrem Recht, sexy zu sein – ganz für sich selbst, natürlich. Darauf reagieren darf Mann nämlich nicht, sonst folgt gleich der nächste #Aufschrei.

Diktatur des Feminismus

Die Frage nach einer Frauenquote ist eine Phantom-Debatte. Junge Frauen wollen ihre Karriere planen und nicht mit den alten Feministinnen mühsam über etwas diskutieren, das für sie keine Relevanz hat.

Rette sich, wer kann

Peter Singer glaubt, im Namen der Ethik die Grenzen des Menschseins neu definieren zu können. Er irrt gewaltig. Wer Grundrechte für Affen fordert und gleichzeitig die Tötung von Neugeborenen verteidigt, ist vor allem eins: verwirrt.

Männer, die auf Busen starren

Wer Sexismus noch nie erlebt hat, kann ihn auch nicht verstehen. Weiße Hetero-Kerle haben leicht reden.

Der Jude war’s

In Berlin wird ein Rabbiner brutal verprügelt, weil er Jude ist. Indes werfen Experten schon die Frage nach dem Warum? auf, die zielsicher zum Juden anstatt zum Antisemiten führt.

Amerika und die deutsche Seelenhygiene

Deutschland kämpft gerne für Toleranz und gegen Hass. Es sei denn, es geht um Amerika. Da macht jeder zweite Deutsche eine Ausnahme und suhlt sich in Amiphobie.

Mobile Sliding Menu