Hölle, Hölle, Hölle

von Johannes Musial31.10.2013Gesellschaft & Kultur

Schlager ist der Deutschen Strafe. Kein Wunder, dass er überall zu hören ist.

Am Ende kommt der Schlager, da bin ich mir sicher. Ich gehe auf das Licht zu, den Himmel zum Greifen nahe, seichter Wind in den Haaren, nur um auf einmal Andrea Bergs Stimme zu hören und festzustellen: Das ist die Hölle. Flammen lodern und hinten, am Rande des Blickfeldes, schwingen Michael Wendler und Jürgen Drews die Hüfte. Der eine mit tiefem Hemdausschnitt, der andere gleich ganz ohne Hemd.

Was als Alptraum begann, ist längst Realität. Meine persönliche Hölle finde ich mit einem Knopfdruck auf der Fernbedienung. Alle tanzen sie da über den Bildschirm, Schwiegersöhne und Traumfrauen mit Colgate-Grinsen: die Udo Jürgens, Katja Ebsteins und Howard Carpendales. Es schüttelt mich.

Diese Abneigung teilen viele und doch scheint der Erfolg des Schlagers nicht abzubrechen. Es ist die Musik der Deutschen, die Melodien fressen sich durch das Land und der Rhythmus katapultiert die Hände millionenfach in die Höhe. Nur zu bezeichnend ist es, dass bei „Deutschland sucht den Superstar“ dieses Jahr eine Schlagersängerin gewonnen hat. Von Zuschauern und Presse wurde sie gefeiert. Die Jury hatte sie anfangs noch belächelt.

Keine Experimente

Wir sind Schlager, lautet die Erkenntnis. Bitter, aber wahr. Wer darauf gehofft hatte, dass diese Musik mit den Großeltern stirbt, erkennt nun, dass immer häufiger auch junge Menschen die Alben der Barden kaufen. Eine mögliche Erklärung für den Triumph des Schlagers findet sich in der Bibel. Die Heilige Schrift fordert Buße. Angesichts der dunklen Vergangenheit der Bundesrepublik und der Schuld für die Verbrechen büßen die Deutschen. Sie greifen zur Selbstbestrafung. Und so wird Schlager gehört, zu Konzerten gegangen und im ZDF-Fernsehgarten geschwankt, bis die Ohren schmerzen. Das kollektive Leid unter dem Grauen des Schlagers als Absolution für die Last der Geschichte.

Allerdings ist Schlager auch typisch deutsch. Er ist einfach und klar gestrickt, ohne Schnörkel, ohne Unklarheiten. Erwartbar, so wie es der deutsche Michel mag. Da kommt es nur gelegen, dass bei vielen Auftritten der Künstler lediglich die Lippen synchron zum Band bewegt. So klingt es schließlich immer gleich. Bloß keine Experimente. In Zeiten der Krise ist Schlager der Fels in der Brandung, der sichere Hafen. Lieber kein griechischer Sirtaki, lieber Schlager. Der ist deutsch, den versteht man und er kann bestens zum Sauerkraut gereicht werden.

Oder ist es doch anders? In Zeiten, in denen das Enthüllen in Mode ist, in denen kaum eine Woche ohne Skandale vergeht, ist es durchaus wahrscheinlich, dass hinter der Schlagermusik eine Verschwörung ungeheuren Ausmaßes steckt, eine Jahrhundertlüge – mindestens.

In den Hauptrollen: die amerikanische Regierung, die NSA, die CIA. Die Rede ist von Treffen in düsteren Eckkneipen und Umschlägen mit Geld. Aber hierbei geht es nicht um Überwachung, um technische Finessen wie Filter und Zettabytes, sondern um das große Ganze. Schlagermusik als ein perfides Werkzeug zum Einlullen der Bevölkerung.

Dampf ablassen bei Florian Silbereisen

Da wäre die Generation jenseits der 60. Mit der Rente kommt für sie die Leere. Sie haben Zeit nachzudenken und Fragen zu stellen – ein revolutionäres Potenzial. Mit dem Schlager als Beschäftigungstherapie und Beruhigungsmittel ist die Gefahr gebannt. Rhythmisches Klatschen und Schunkeln, ergreifende Texte über Liebe und Leben, das beruhigt. Hypnose im Viervierteltakt.

Für andere ist diese Musik ein Ventil, um Dampf abzulassen. Sie ist das Hassobjekt von Jazzliebhabern und Rockern. Sobald Florian Silbereisen trällert, steigt bei ihnen die Entrüstung. Die Taktik dahinter lautet: Wut auf den Schlager statt Wut auf den Staat. Je häufiger Florian Silbereisen über den Bildschirm schreitet, desto weniger Zeit bleibt den in Rage Geratenen, um mit der Politik zu hadern. Welch’ perfide Manipulation!

Letztendlich scheint also kein Ausweg in Sicht. Das Urteil mit dem so viele leben müssen lautet: lebenslänglich Schlager.

Schlimmer nur wäre Schlager bis in alle Ewigkeit. Sicherheitshalber trage ich deshalb mittlerweile stets einen Gehörschutz bei mir. Man weiß schließlich nie, wann man durch den Tunnel in das Licht schreiten wird bis unerwartet die Stimme von Andrea Berg ertönt.

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