Medien leben davon, Konflikte zu schaffen. Martti Ahtisaari

Auf der dunklen Seite des Bettes

Sex sei Spaß, finden die Werbung und das Fernsehen. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Gesellschaft und Staat kontrollieren die Sexualität. Dabei geht es vor allem um eins: Macht.

Und dann, als man über Rainer Brüderle in allen Zeitungen las, war der Spaß vorbei. Die Ereignisse sind ein Beispiel für den Abgrund der Sexualität. Mit sexistischen Äußerungen gegenüber einer Journalistin demonstrierte der FDP-Mann seine Macht: er – gestandener und erfolgreicher Politiker, sie – blonde Schreiberin.

Der Fall Brüderle steht gegen die Vorstellung von Sex als Vergnügen, gegen die reizvolle Halbnackte in der Werbung und die romantische Bettszene im Film.

Sexualität ist weder frei noch privat

Schon immer war Sex mehr als nur eine Leidenschaft – Sex ist Macht. Staaten regulieren den intimsten Moment der Menschen; Gesetze, Verbote und Strafen bestimmen nicht nur die Höhe der Steuern, sondern auch unsere Sexualität: Ehen und Kinder werden gefördert, Altersgrenzen für Sexpartner festgelegt und Exhibitionismus geahndet. Bis 1994 standen in Deutschland sogar homosexuelle Handlungen unter Strafe.

Auf der anderen Seite beugen wir uns der Macht der Gesellschaft und fügen uns den moralischen Regeln, die über Jahrhunderte entstanden sind. Es ist hierzulande kein Verbrechen, seinen Sitzplatz im Bus nicht der alten Dame anzubieten, genauso wenig wie in einer Beziehung fremdzugehen oder eine Frau auf ihre Brüste anzusprechen. Die ungeschriebene, gesellschaftliche Norm aber verbietet all das.

Das zeigt: Sexualität ist weder frei noch privat. Gesellschaft und Staat regeln sie und verwurzeln sie in der Öffentlichkeit. Im Bett ist folglich jeder prüde, denn dieses Wort bedeutet nichts weniger als: sexuell unfrei.

In seinem Werk „Sexualität und Wahrheit“ beschreibt der französische Philosoph Michel Foucault das Zusammenspiel von Sexualität und Macht. Im 18. Jahrhundert, als die Bevölkerung und das Leben der Bürger für Politik und Wirtschaft interessant wurden, begannen Staaten eine sogenannte „Bio-Macht“ auszuüben. Es ging nun nicht mehr um das Recht des Staates zu töten, sondern um die Kontrolle und Pflege des Lebens der Bürger.

In der Folge rückte auch die Sexualität ins Zentrum der Gesellschaft und es bildeten sich Verhaltensregeln heraus, die beispielsweise „Perversionen“ wie Homosexualität verurteilten. Unser Sexualbegriff entsteht also erst im kulturellen Zusammenhang, er wird durch unsere Gesellschaft geprägt und unterscheidet sich von Kultur zu Kultur. Eine „natürliche“ Sexualität gibt es nicht.

Es gilt die Meinung der Masse: Wir sollen heiraten, Kinder kriegen und konservativen Sex haben. Sind einem gesellschaftliches und berufliches Ansehen wichtig, kann man Sexualität daher nur versteckt von der Öffentlichkeit und vom hellhörigen Nachbarn wirklich frei ausleben. Diejenigen, die das nicht tun, sind unnormal oder eben pervers.

Gleichzeitig aber faszinieren uns diese Perversionen. Da wäre das Erfolgsbuch „Fifty Shades of Grey“, ein Papierporno über sexuelle Praktiken wie Bondage. Oder die Reportagen über Klubs für Swinger und Sadomasochisten, die wir im Fernsehen sehen und in Magazinen lesen. Es ist die Andersartigkeit, die Interesse und Ablehnung zugleich hervorruft.

Instrumentalisierung der Sexualität ist keine Fiktion

Neben uns im Bett liegt also immer unsere Kultur mit ihren Regeln und Vorschriften. Das würde sich auch mit größerer, sexueller Freizügigkeit nicht ändern. Noch immer würden wir dann der staatlichen „Bio-Macht“ und den Normen der Gesellschaft unterliegen – ein Szenario, das der britische Autor Aldous Huxley vor mehr als 80 Jahren in „Schöne Neue Welt“ beschrieb. Der Roman handelt vom Leben in einem dystopischen, totalitären System, in dem Sex zum sozialen Ereignis wird, zur Selbstverständlichkeit. „Jeder ist seines Nächsten Eigentum“, lautet eine Parole in dem Buch. Beziehungen gibt es nicht und Bettpartner wechseln häufig; dieses Verhalten wird der Bevölkerung schon mit der Kindheit indoktriniert. Die Bürger sind befriedigt – und werden ruhig gehalten. Frei nach der Idee: Wer zufrieden ist, stellt das System nicht infrage. Mit der Macht der Sexualität werden so Menschen in dem Staat kontrolliert und sie kontrollieren sich gegenseitig – dort gilt jeder, der Sexualität nicht frei lebt, als ungewöhnlich.

Die Instrumentalisierung der Sexualität ist aber keineswegs abwegige Fiktion, sondern Realität. Sie wird benutzt von der Wirtschaft und dem Staat – um Produkte zu verkaufen und den Arbeiternachwuchs zu sichern. Oder, wie mit der Ein-Kind-Politik in China, um das Bevölkerungswachstum zu kontrollieren: Bekommen chinesische Paare mehr als ein Kind, müssen sie empfindliche Strafen zahlen. Die Kirche setzt Sexualität ebenso ein, um ihr Weltbild von Ordnung und Tugend gegen das von Anarchie und Sünde zu zeichnen.

Und Menschen wie Rainer Brüderle missbrauchen sie, um sich über andere zu erheben, über Frauen, die sie nicht als Gesprächspartner auf Augenhöhe sehen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: André Jesinghaus, Henryk Broder, Rainer Zitelmann.

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