30. Januar 1933: Hindenburgs Entscheidung für Hitler

Johannes Klotz22.02.2020Gesellschaft & Kultur, Medien, Wissenschaft

DER “FLÜGEL” um den Faschisten Höcke ist Steigbügelhalter für den FDP – Kandidaten Kemmerich, einer Partei, die bei den Landtagswahlen in Thüringen 5,005 Prozent erhalten hat. Das rüttelt die politische Geschichte der neuen Bundesrepublik Deutschland durch. In der Tat ein Tabubruch mit Folgen. Ein Grund, die. Entschädigungsforderungen der Hohenzollern und die Machteinsetzung Hitler’s durch Hindenburg im aktuellen Zeitgeist zu beleuchten und zu bewerten. Auch der Weg Adolf Hitler’s an die Macht zwischen 1929 und Januar 1933 war ein Weg der Tabubrüche, bei dem Steigbügelhalter den Nazis den Weg ebneten. Familienmitglieder des Herrscherhauses der Hohenzollern gehörten ebenso dazu, wie der Reichspräsident Paul von Hindenburg u.a. Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Wie so ein Weg aussehen mag, welche Facetten eine Wendung nach rechts enthält, die letztlich auch in eine Diktatur führen kann, dafür ist die Entwicklung der Weimarer Republik und ihr Untergang 1930 bis 1933 ein beredtes Beispiel. Die Integrität und Verantwortung der demokratischen politischen Parteien steht auf dem Spiel – damals wie heute.

Im Januar 1933 überschlugen sich die Ereignisse. Es drohte die
Aufdeckung eines Skandals durch einen vom Parlament eingesetzten
Untersuchungsausschuss. Schon 1931 waren erste Korruptions- und
Missbrauchsvorwürfe laut geworden waren. Sie betrafen das Programm
zur Unterstützung und Sicherung der Landwirtschaft, die „Osthilfe“. Bei
Aufdeckung der Missstände drohte auch Hindenburg in Verruf zu
geraten. Was spielte sich hinter den Kulissen ab? Und – ist die
drohende Aufdeckung des „Skandals“ für die Ernennung Adolf Hitlers
zum Reichskanzler durch Hindenburg von entscheidender Bedeutung?
Diesen Fragen geht der Autor Dieter Hofmann in seiner spannenden
Chronik der Ereignisse nach.

Bis zum Untergang der Monarchie hatten die ostelbischen
Rittergutsbesitzer im Kerngebiet Preußens eine bedeutende
ökonomisch-politische Machtstellung inne. Paul von Hindenburg, seit
1925 Reichspräsident, gehörte dazu. Ende der zwanziger Jahre
bedrohte eine schwere Agrarkrise die Existenz vieler Bauern und
Großgrundbesitzer existenziell, weshalb sie nach staatlicher Hilfe riefen.
In seiner Osterbotschaft vom 18. März 1930 hatte der Reichspräsident
folglich die Forderung nach einem großen „Osthilfeprogramm“ erhoben,
ohne natürlich darauf zu verweisen, dass er direkt oder indirekt davon
profitieren würde. Den Agrarlobbyisten, die im „Reichslandbund“
organisiert waren, bevorzugten ein Verfahren, das die Betriebe in der
Hand der alten Eigentümer beließ. Dagegen zielte die Politik des
regierenden Präsidialkabinetts Brüning (Reichskanzler von März 1930
bis Mai 1932, Zentrum) jedoch darauf ab, nichtsanierungsfähige Betriebe
enteignen, was den Widerstand von Hindenburg und der nationalen
Rechten verstärkte. Brünings Haltung trieb auch den „Reichslandbund“
in die Arme der Nationalsozialisten, die ihrerseits versuchten, den
Verband unter ihre Kontrolle zu bekommen.

So ging es den im verwirrenden Spiel der verschiedenen
Interessengruppen und Parteien der nationalen und völkischen Rechten
wohleigentlich darum, jeweils die beste Position für das eigene
Programm zu ergattern, die Macht in ihre Hände zu bekommen, denn
über Art. 53 und 48 der Weimarer Reichsverfassung konnte der
Reichspräsident das Parlament bestimmen. Im März 1932, die NSDAP
hatte sich bei den vorangegangenen Reichstagswahlen von 2,63 %
(1928) auf 18,33 % (14.9.30) gesteigert, stand die Wahl des Reichspräsidenten an. Erst im zweiten Wahlgang siegte Hindenburg mit
53%. Adolf Hitler erhielt 37%, was den gestiegenen Zuspruch in der
Bevölkerung signalisierte. Fürs erste war jedoch der Ansturm der
Hitlerpartei gescheitert, auch weil Sozialdemokraten und Zentrum sich
hinter Hindenburg stellten. Die Kommunisten wählten ihren Kandidaten
Thälmann (10%).
Vor dieser Wahl gedachte Hitler „aus der monarchischen Frage Kapital“
zu schlagen und „eine Waffe gegen Hindenburg“ (Wolfram Pyta) zu
schmieden; er liebäugelte und taktierte mit den Hohenzollernprinzen,
zumal viele Deutsche noch von der Wiederkehr der Monarchie träumten.
Man traf sich deshalb am 17. März 1932 beim Kronprinzen Wilhelm in
seinem Berliner Haus zur Bildung eines Aktionsbündnisses aus NSDAP,
DNVP und „Stahlhelm“. Der Kronprinz wollte selbst an die Macht, wozu
er die Hitlerpartei brauchte. Als gewählter Reichspräsident, späterer
monarchischer Reichsverweser, würde dieser dann zum Dank Hitler als
Kanzler einsetzen. Hitler seinerseits wollte den Kronprinzen unterstützen
und seine Kandidatur dann zurückziehen, wenn Hindenburg auf seine
Kandidatur verzichte. Jeder wollte in diesem Ränkespiel reüssieren,
wobei Hindenburg an dieser Stelle nicht mitspielte.
Der Vorteil der Hitlerpartei lag nun darin, dass sie über eine
Massenbasis verfügte, die man für eine stabile Regierung braucht. Zum
Jahreswechsel 1932/33 ergab sich die Lage, dass die NSDAP bei
Reichstagswahlen vom November 1932 gegenüber Juli 1932 vier
Prozent verloren hatte, sich eine wirtschaftliche Überholung andeutete –
nach der Weltwirtschaftskrise 1929 mit ihren katastrophalen Folgen. Auf
Seiten der nationalen Rechten schrillten die Alarmglocken, sie
befürchtete, ihr Ziel, die Machtübernahme und Beseitigung der Republik
von Weimar zu verfehlen. Gleichzeitig begann sich aus dem Osthilfe-
Programm ein Skandal zu entwickeln. General a.D. Erich Ludendorff,
einstiger Putschist zusammen mit Adolf Hitler 1923 und Stellvertreter
Hindenburgs in der kaiserlichen Armee, gleichzeitig dessen Konkurrent,
befeuerte Ende November 1932 mit einer Kampagne dessen Reputation.
Er machte auf Unregelmäßigkeiten bei Finanzierung und Sammlung für
Hindenburgs Gut Neudeck aufmerksam. Schon im Juni 1931 waren
erste Korruptionsvorwürfe laut geworden als in einem vertraulichen
Bericht bekannt wurde, dass der Osthilfekommissar von Drewitz nicht
nur seinen Verwandten, sondern auch denen des Reichspräsidenten
finanzielle Unterstützung zukommen ließ.
Das alte hindenburgsche Gut Neudeck war hoffnungslos überschuldet

und wurde im Herbst 1927 zum Verkauf angeboten. Zum 80. Geburtstag
Hindenburgs am 2. Oktober 1927 schenkte es ihm dessen Freund
Oldenburg-Januschau, der beim Reichsverband der deutschen Industrie
und dem Reichslandbund dafür gesammelt hatte. Nach Ludendorffs
Enthüllungen sollten auch Januschau und Hindenburg begünstigt
worden sein. Einzelheiten zum Missbrauch der Osthilfe enthüllte später
der Zentrumsabgeordnete Joseph Ersing. Am 19.1.1933 verlangte er im
Haushaltsausschuss die Rückzahlung der rechtswidrig bewilligten
Gelder. Eine parlamentarische Untersuchung drohte. Er beklagte, dass
„Großgrundbesitzerkreise …bemüht seien, „eine weitere
parlamentarische Verhandlung unmöglich zu machen.“ Dabei ging es
außerdem um die Vermeidung der Zahlung von Erbschaftssteuern, weil
Gut Neudeck dem Präsidentensohn Oskar von Hindenburg
überschrieben worden war. Der wiederum riet im Januar 1933 seinem
Vater – dessen Adjutant er gleichzeitig war – nach einem
Vieraugengespräch mit Hitler, diesen zum Reichskanzler zu machen.
Der Hindenburg-Biograph Wolfram Pyta glaubt, dass der
Reichspräsident nicht erst den Zuspruch seines Sohnes benötigte.
Vielmehr scheint die sich zuspitzende Gemengelage gewesen zu sein,
die letzte Chance zur Beseitigung von Republik und Demokratie zu
nutzen, auch in der vorgetragenen Hoffnung, den völkischen
Nationalismus der Hitlerbewegung im Rahmen einer
Regierungsbeteiligung der NSDAP zu zähmen. So ist die spannende
Erzählung über den Osthilfeskandal und Hindenburgs Entscheidung für
Hitler ein wichtiger Mosaikstein zum Verständnis der vielfältigen offenen
und verdeckten Ränkespiele der Mächtigen und entscheidender Akteure.
Obwohl für sich selbst genommen nicht von überragender Bedeutung,
können solche Ereignisse zu einem finalen Kipppunkt der Lage werden.

Dieter Hofmann, Der Skandal. Hindenburgs Entscheidung für Hitler.
Donat Verlag Bremen 2020. 18 Euro.

 

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