Ein Rechts- und Historikerstreit über die Hohenzollern und die Hitlerdiktatur

Johannes Klotz3.01.2020Gesellschaft & Kultur, Medien, Wissenschaft

Tausende Kunstwerke, Schlösser und Möbel wollen die Erben der Hohenzollern zurück. Es geht um Nutzungsrechte für Immobilien, unter anderem um das Schloss Cecilienhof.

Den hat der letzte deutsche Kaiser, Wilhelm II, für seinen Sohn, dem Kronprinzen Wilhelm, im Schlosspark des Marmorpalais in Potsdam errichten lassen. Dort stiefelten die Hohenzollern später mit Hakenkreuzbinden herum, schreibt die „TAZ“, „heute will der Clan dort wieder wohnen“[2].  Worauf viele „Nachkommen der Opfer von Nationalsozialismus und Kolonialherrschaft bis heute vergeblich hoffen“[3], wird im Fall der Hohenzollern-Dynastie, die jedoch im Zeitalter des kolonial-imperiale Raubs und des von ihr entfesselten 1. Weltkriegs Täter war – klammheimlich erreicht werden: Der Staat verhandelt über die Rückgabe von ehemals monarchischem Besitz  an die Hohenzollern.

Eine der bedeutendsten Dynastien des deutschen Hochadels, die Hohenzollern, dehnten ihr Reich in der Mitte Europas über die Jahrhunderte von Ost nach West großräumig aus, bis sie im Bund mit Österreich den von ihnen entfesselten Ersten Weltkrieg (1914 – 1918) verloren. Die entmachteten Fürsten standen hernach, in der Weimarer Republik, größtenteils auf der Seite der Feinde der ersten parlamentarischen Demokratie. Das Volksbegehren zur Fürstenenteignung von 1926, das scheiterte, drückte die Stärke der völkischen, nationalistischen und republikfeindlichen Bewegungen aus, die 1933 den Untergang der Republik herbeiführten. Was damals nicht gelang, erfolgte dann nach dem Zweiten Weltkrieg. Die sowjetische Besatzungsmacht konfiszierte ihr Vermögen. Die Regierung der siegreichen vier alliierten Mächte, der „Alliierte Kontrollrat“, machte den preußischen Militarismus und das preußische Adelsgeschlecht für den verbrecherischen Vernichtungskrieg mitverantwortlich. Später, 1955 verstaatlichte die DDR dessen Besitztümer.

Mit der Vereinigung beider deutscher Staaten 1990 eröffnete sich dann den Nachfahren der Hohenzollern die Chance auf Rückforderung ihrer einstigen Besitztümer. Seitdem ist die Hohenzollernfamilie bestrebt, ehemaliges Eigentum zurückzubekommen, wenigstens nutzen zu dürfen, oder aber eine Entschädigung zu erhalten. Mit der Bundesrepublik Deutschland wird derzeit darüber verhandelt. Die Verhandlungen ziehen sich jedoch in die Länge, weil nicht klar ist, ob es noch zu einem gerichtlichen Verfahren kommt, was auch vom Verhalten von Brandenburg abhängt. Das Land wendet sich gegen diese Geheimverhandlungen. Möglicherweise kommt es auch zu einem Volksbegehren dazu, dass die Gerichte sich mit der Rechtsfrage beschäftigen.

Grundlage der Hohenzollern-Ansprüche ist das „Ausgleichsleistungsgesetz“ vom 20. September 1994. Dort heißt es, dass Berechtigte Entschädigung und Rückgabe ihres ehemaligen Eigentums und Besitzes verlangen können. Solche Leistungen werden jedoch nicht gewährt, wenn der „Berechtigte, oder derjenige, von dem er seine Rechte ableitet…gegen die Grundsätze der Menschlichkeit oder Rechtsstaatlichkeit verstoßen, in schwerwiegendem Maße seine Stellung zum eigenen Vorteil oder zu Nachteil anderer missbraucht oder dem nationalsozialistische oder dem kommunistischen System…erheblichen Vorschub geleistet hat.“ (§1, Abs. 4) Es geht dort also um mehrere Rechtsnormen, die erfüllt sein müssen, damit ein Ausgleich von erlittenen Verlusten erfolgen kann.

Im Mittelpunkt der bisherigen Debatte standen vier Gutachten von Historikern mit Rang und Namen. Sie untersuchten anhand von historischen Quellen die Frage, ob der Kaiser der preußisch-deutschen Monarchie und seine nächsten Familienangehörigen in einem erheblichen Maße der Hitler-Partei zur Macht verholfen haben. Ob sie den Untergang der Republik, die Herrschaft der Diktatur gefördert und somit einen „erheblichen Vorschub“ geleistet haben. Die Auslegung dieser Normen ist letztlich Sache der Gerichte.

Die scheinbar nur um Rechtsfragen sich drehende Angelegenheit ist jedoch weit mehr: nämlich ein Geschichtsstreit, bei dem es um sehr viel geht: Nicht nur um die Hohenzollern, um staatliche Kulturpolitik, sondern um den demokratischen Rechtsstaat heute, zukünftig und in seiner Verantwortung vor der Geschichte. Die Redlichkeit verlangt besonders auch von Historikern, nichts zu schreiben, um den Herrn, sprich: Auftraggebern, nach dem Munde zu reden, sondern den Kodizes der Wissenschaft zu folgen.

Der „Sprecher der Familie Hohenzollern“ (preußische Linie), Georg Friedrich Prinz von Preußen, wandte sich vor Jahren an den in Cambridge lehrenden Historiker Christopher Clark. Er solle untersuchen, ob die Vorfahren des Adligen dem NS-Regime „erheblichen Vorschub“ geleistet hätten. Clark hatte in seinem Bestseller „Die Schlafwandler“ die Hauptverantwortung Deutschlands und seines Verbündeten Österreich für die Entfesselung des Ersten Weltkriegs im Juli/August 1914 relativiert.

In seinem Gutachten über den ersten Nachfahren Kaiser Wilhelms II., Kronprinz Wilhelm, hieß es schlussendlich, dass er als Person wie als Politiker zu unbedeutend gewesen sei. Der Historiker relativierte die Verantwortung der kaiserlichen Familie für das Zustandekommen des nationalistischen Bündnisses unter Führung der Nationalsozialisten. Die Ansprüche der Hohenzollernfamilie auf Rückgabe ihres Vermögens schien fundiert. Zwei weitere Gutachten widersprachen den Aussagen Clarks allerdings vehement. Das Land Brandenburg hatte seinerseits den in Edinburgh lehrenden Historiker Stephan Malinowski und Peter Brandt von der Fernuniversität Hagen, beides Kenner der Materie, ebenfalls mit einer Untersuchung beauftragt. Deren Fazit lautete: Der Kronprinz bewunderte Mussolinis Faschismus, seine Sprache und Aussprüche waren mit einer eigentümlichen Vernichtungsrhetorik durchsetzt und von Rassismus und Antisemitismus geprägt, was zum Kanon der nationalen Rechten gehöre. Der Thronfolger träume von nationaler Diktatur und Königtum nach italienischem Vorbild. Dafür sammelten sie eine Unmenge von Belegen. Auch andere Familienangehörige waren Gegenstand ihrer Expertise. Der Freiburger Historiker Ulrich Herbert behauptete zurecht, dass es vorrangiges Ziel des Kronprinzen gewesen sei, „die nationale Rechte insgesamt unter Einschluss der Nationalsozialisten an die Macht zu bringen“, um möglichst selbst bei der Aufteilung der Macht- und Herrschaftsverhältnisse eine wichtige Rolle zu spielen. Weitere Experten griffen in diesen Geschichtsstreit ein, der signalisiert, dass hier an bisherigen Geschichtsbildern (Jörn Leonhard) gerüttelt werden soll, ob zurecht, oder zu Unrecht, kann alleine anhand der Faktizität entschieden werden.

„Man soll sich hüten, Dinge zu behaupten, die man nicht belegen kann“, schrieb kürzlich der führende britische Zeithistoriker Richard J.Evans, der sich gegen die Schlussfolgerungen im letzten der vier Gutachten (2016) wandte. Das hatten der bekannte Hindenburg-Biograph Wolfram Pyta mit seinem Koautor Rainer Orth vorgelegt. Erst kürzlich hatte der Fernsehmoderator Jan Böhmermann die geheimen Gutachten ins Internet gestellt und sie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht(www.hohenzollern.lol). Pyta und Orth entwickelten Interpretationen, die wenig überzeugten. Sie stehen zudem in krassem Widerspruch zu den in der Hindenburg-Biographie (3. Auflage 2009) gemachten Aussagen über die Rolle des Kronprinzen. Pyta sah ihn in der einer „Zweckgemeinschaft“ mit Hitler, die mindestens vom März 1932 bis weit in das Jahr 1933 dauerte und jederzeit „revitalisiert“ hätte werden können. Der Kronprinz habe sich u.a. Hermann Göring angeboten, heißt es dort, um gemeinsam mit ihm die Beziehungen zur Reichswehr zu verbessern (die unter noch ihre Rolle im NS-Staat finden musste, in Konkurrenz zur SA und SS). Dafür wolle er, der Kronprinz, seine Freundschaft mit Schleicher zu nutzen, um eine Allianz mit Hitler gegen Hindenburg zustande zu bringen. Heute würde man dazu sagen, der Sohn Wilhelm II. agierte im Netzwerk der Nationalisten.

Zur Kuriosität von Pytas Sinneswandel über die Rolle des Kronprinzen gehöre, so Herbert, dass jener nun als eine Art Widerstandskämpfer gegen Hitler dargestellt wird. Die genannten Belege seien dünn und müssen als widerlegt gelten. Das belegen weitere aktuelle Beiträge von Herbert und Evans in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Der Versuch Pytas, Wilhelm als Mann zu zeichnen, der Hitler verhindern wollte, ist nicht haltbar. Der Kronprinz war Opportunist genug, um alles Mögliche zu tun, in einem Bündnis der nationalistischen Mächte seinen Platz zu ergattern. Zur Republik und Demokratie stand dies in fundamentalem Widerspruch. Herbert bezeichnet – wie sinngemäß auch die Historiker Evans und H.G. Winkler – dieses nichtbelegbare Umdeuten von Geschichte disqualifizierend als eine Art der „Lohnschreiberei“.

Entscheidend für die verfassungsfeindliche Beseitigung der Weimarer Republik, an der Familienmitglieder Kaiser Wilhelms II. in unterschiedlicher Weise mitwirkten, war deren grundsätzliche Haltung, konservative Vorbehalte gegen Hitler abzubauen. Dieser wollte mit dem Bündnis seine angestrebte Machtübernahme legitimieren, die er auch am 30. Januar 1933 eroberte. Das viel massivere Eintreten von August Wilhelm, dem jüngeren Bruder des Kronprinzen, werde dabei noch zu wenig beachtet, so H.A.Winkler[4] in der FAZ. Die Eliten der gesamten “nationalen Rechten” wie die “nationalen Konzentrationsbewegungen” wollten Republik und des Parlamentarismus beseitigen.  Deshalb trieb das „nationale Lager“ die Gesellschaft in einen „fiebrigen Dauerzustand aus Kundgebungen und Geheimtreffen“, schreibt Ulrich Herbert in seiner „Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert“.  „Stimmungen und Personen“ sind da wichtiger als Programme und Parteien, denn sie heizten das Klima der Auseinandersetzungen an. „Dauerdiskussionen über Ziele und Wege einer nationalen Diktatur…, ohne dass über deren konkrete Ausgestaltung schon Einigkeit oder Klarheit bestand,“ Tag für Tag. Erregungszeit. Ende 1932/33 ging es bei den Präsidialkabinetten Papen, Schleicher und bei Hitler um verschiedene Varianten einer diktatorischen Herrschaft. Kronprinz Wilhelm suchte die Krise für sich zu nutzen, ob mit Schleicher oder Hitler. Er trug zur Festigung des Bündnisses aus Nationalsozialisten, Deutschnationalen und Stahlhelm bei. Das zeigte der Tag von Potsdam im März 1932, kurz nach den Reichstagswahlen, bei denen die NSDAP 43,2% gewann. Hitler brauchte die anderen Nationalisten zur absoluten Mehrheit. Den Tag von Potsdam in der Garnisonkirche, zwei Tage vor dem Ermächtigungsgesetz, nutzte er propagandistisch, indem er den Preußenmythos reaktivierte: „Das symbolische Kapital, das der Kronprinz durch seine Präsenz einbrachte, – er verkörperte die monarchische Tradition –, war für die Nationalsozialisten von außerordentlichem Wert“ (Heinrich August Winkler).

Feste Grundüberzeugungen trieben das „nationale Lager“ an: ein durch das Preußentum geprägter Militarismus und soldatisches Gemeinschaftsgefühl, zusammengeschweißte Erziehung und völkische Moral, so Ulrich Herbert. „Und immer wieder muss man auch auf den sich radikalisierenden Antisemitismus Wilhelms II: im niederländischen Exil hinweisen.“ Paramilitärische Verbände, die über erhebliche Waffenarsenale verfügten, waren jederzeit einsatzbereit. Die nationale Rechte einte zwei Ziele, schreibt Ulrich Herbert, die kriegerische Revision des Versailler Vertrags und die Ausdehnung Deutschlands nach Osten. „Das erste richtete sich vor allem gegen Frankreich“, Deutschlands erneute Etablierung als einer Groß- bzw. Weltmacht. „Das zweite richtete sich gegen Polen.“ „Man“ brauchte Siedlungsgebiete für die Deutschen! Die völkische, rassistische und antisemitische Haltung war weltanschauliche Grundlage dieses nationalistischen Netzwerks. Zur Erlangung der Macht brauchten alle Gruppierungen eins: Opportunismus und Taktik. Ulrich Herbert hat folgerichtig und mit beißender historisch-politischer Ironie ausgesprochen, was gilt, nämlich, dass der „Kronprinz“ „gewiss nicht weniger, aber wohl auch nicht mehr als all die anderen hochrangigen Vertreter der vaterländischen Verbände, der deutschnationalen Parteien, der Clubs…der rechtsradikalen Intellektuellen, der Großagrarier und der Großindustrie“ dem Nationalsozialismus „Vorschub geleistet“ hat. Sie wollten das neue Reich der Rechten aufbauen, „ohne Parlament, ohne Gewerkschaften und ohne Juden – allerdings unter der Voraussetzung, dass sie selbst dabei irgendeine wichtige Rolle spielen durften.“ „Aber“, so Herbert spöttisch, „wenn selbst die es nicht waren, die „Vorschub leisteten“, dann war es eben keiner. Wie gehabt.“[5] Ein zutreffender Schlusssatz des Freiburger Historikers.

 

[2] TAZ vom 6.10.19

[3] So urteilte die Düsseldorfer Juristin Schönberger in der SZ vom 4.12.19

[4] FAZ vom 12.12.19

[5] Ulrich Herbert in der FAZ vom 30.11.19

Langfassung des stark gekürzten Beitrags in der Samstagsausgabe der Badischen Zeitung vom 28.12.19

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