Das Trauma des Ersten Weltkriegs und die Weimarer Republik

Johannes Klotz17.12.2018Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik

Wie steht es mit der deutschen Kriegschuld? Johannes Klotz dies am Beispiel von Gerd Krumeich: “Die unbewältigte Niederlage. Das Trauma des Ersten Weltkriegs und die Weimarer Republik”.

Ein neues Geschichtsbild über die deutsche Schuld für den 1. Weltkrieg, den „Dolchstoß“ und den Versailler Vertrag

_Am Beispiel von Gerd Krumeich: Die unbewältigte Niederlage. “Das Trauma des Ersten Weltkriegs und die Weimarer Republik”, Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2018_

_Hintergründe und Ursachen des 1. Weltkriegs, die Schuldfrage, die Novemberrevolution und der Versailler Vertrag_

Wo schon ganze Forschergenerationen, Politiker und Medien sich seit 100 Jahren daran abarbeiten und zu bedeutenden Erkenntnissen gelangt sind, lässt sich nicht auf wenigen Seiten eine Conclusio erstellen. In jedem Falle ist festzuhalten, dass es zu jeder Zeit und vor allem zu jeder Epoche Versuche gibt, das Bild der Geschichte zu prägen und damit sowohl Identität zu stiften als auch Politik zu machen. Das muss man vorab wissen. Entscheidend sind vor allem die Transparenz von Quellen und Interpretationsmethoden, weil in jedem Falle Werturteile gefällt werden, die überprüfbar sein und bleiben müssen. Das kommt in der neuen, auch geschichtspolitischen Diskussion zu kurz. Es ist erforderlich, in einem gesonderten Beitrag den Zusammenhang von „Aktueller Geschichtsschreibung, Geschichtsbild und Politik mit der Geschichte“ zu behandeln, um so die Veränderungen in der deutschen Geschichtsschreibung seit Fritz Fischers bahnbrechenden Publikationen darstellen und bewerten zu können. Die Interdependenz-Theorie lässt einen ganz anderen Blick auf die Interpretation des historischen Prozesses zu und ermöglicht eine Revision des Geschichtsbilds in mehr oder weniger großem Umfang. Sie relativiert somit bisher dominierende Standards historischen Wissens. Spätestens seit dem Erfolg des in England lehrenden australischen Historikers Christopher Clark mit seiner Publikation „sleepwalkers“, die im Jahr 2012 erschien, erhielten die Schuld Deutschlands relativierende Darstellungen neue Schubraft. Inzwischen hat der besonders in Deutschland bejubelte Historiker den Geschichts- und Geschichtenerzähler Guido Knoop im ZDF längst ersetzt, und das sehr erfolgreich. Das Neue sickert in die Köpfe. Von vielen Medien in England und den USA zu einem der erfolgreichsten Bücher erkorenen, schrieb die “Times“: „It’s normally Germany that gets the blame for the first world war. This stimulating book has other targets in mind.“ Diese Sicht auf die Weltkriegsgeschichte und seine Vor- und Nachgeschichte gilt es an anderer Stelle näher zu beleuchten.

I

Der bekannte und emeritierte Historiker Gerd Krumeich bewertet in den letzten Jahren die eigenen Forschungsergebnisse von über 40 Jahren Forscherleben neu. Der Ton, die Perspektiven und seine Schlussfolgerungen haben sich grundlegend verändert. Liegen neue Erkenntnisse und Quellen vor? Oder wird nur ein neues Geschichtsbild konstruiert? Und in welchem Verhältnis steht dieses neue Geschichtsbild mit den Quellen?

Rückblick: Heftige Kontroversen über die Schuld des kaiserlichen Deutschlands am Kriegsbeginn, über Revolution und Ende des 1. Weltkriegs 1918, den Versailler Vertrag 1919 sowie deren Folgen, gab es in Politik wie in der Geschichtsschreibung immer. Zur Interpretation der Quellen entstehen oft Auseinandersetzungen, denn „Geschichte“ und die Politik mit Geschichte ist vor allem umkämpft, wenn es um die Definitionshoheit der nationalen und sozialen Identität eines Landes und Staates geht. Natürlich geht es auch individuell um Anerkennung, um Anerkennung der akademischen Schule, um den Bezug von Forschung, Forschergruppen und unserem Staat. Es geht um Elitenbildung, auch im akademischen Bereich.

Zu den Quellen: Dolchstoßlegenden, Freikorps, Völkische und Revisionisten aller Couleur entfachten eine antirepublikanische Stimmung nach der Novemberrevolution 1918. Das wird heute kaum bestritten, doch wenn es um die Charakterisierung des deutschen Wegs in den 1. Weltkrieg geht, ist er vermint, denn deutscher Sonderweg und Kontinuitätsbezüge speziell deutscher Geschichte vom 19. Jahrhundert bis 1914 und weiter bis 1933/45 sind entscheidende Brennpunkte und scheinen aktuelle Entwicklungen zu hemmen. Gelingt es, „deutsche Geschichte“ wieder als „normal“ im Vergleich zu den „Demokratien des Westens“ erscheinen zu lassen, muss die „Hitlerzeit“ zu einem unrühmlichen, aber leider passierten Ausreißer erklärt werden, einem „Vogelschiss“ eben (Gauland), der 12 Jahre dauerte, gegenüber einer 1000 Jahre währenden Erfolgsgeschichte der Kultur – und Demokratiewerdung. In einem unerhörten Beitrag von Benedikt Erenz jüngst in der “Zeit“ kommt der Nachfolger von Karlheinz Janssen und Volker Ullrich, ehemals für Zeitgeschichte in der Wochenzeitung verantwortlich, ohne deren Forschungsergebnisse aus. Er lässt sie einfach beiseite, so geht das: Erenz kennt nicht (mehr) die Quellen seiner Kollegen, die den deutschen Sonderweg beschrieben haben, er lässt die Forschungen von Herbert A. Strauss aus, der noch rechtzeitig aus Berlin in die Schweiz geflohene Historiker, der 1946 in den USA das Zentrum für Antisemitismusforschung begründete. In der ZEIT schrieb Strauss: „Das zentrale Thema, das diese Vergleiche (mit den anderen Ländern – J.K.) bestimmt hat, war also das Bild der Juden in der Entwicklung der modernen Gesellschaft und Politik – und in beiden, in Bild und Gesellschaft, ging Deutschland einen Sonderweg.“

Auch Leon Poliakov, ein berühmter Antisemitismusforscher belegte substanzielle Unterschiede im deutschen Sonderweg, der sich von den westlichen Demokratien unterschied, dass die (aggressive) völkische Bewegung, die deutschnationalen und antisemitisch-rassistischen Vereine, Parteien, Publikationen und weitere Gruppen von Personen ab dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts bis zum 1.Weltkrieg 1914 großen Einfluss auf die Öffentlichkeit im Deutschen Reich und in Österreich-Ungarn hatte. Diese Art völkischer Nationalismus war besonders in den beiden Monarchien Österreich-Ungarn und Deutschland prägend. Es muss an dieser Stelle bei diesen beiden einschlägigen Hinweisen bleiben. Die Quellenlage und die Werke füllen ganze Bibliotheken. Deshalb sind die Ausführungen von Benedikt Erenz in der „Zeit“, es gäbe „gewiss kein(en)Sonderweg“ schon im Ansatz völlig verfehlt. Aktuell ist diese These allerdings in der Defensive, indem wesentliche Unterschiede z.B. zu Frankreich und Großbritannien nivelliert werden, sodass letzten Endes der einmalige Völkermord und das einmalige Verbrechen gegen die Menschlichkeit des Naziregimes als bedauernswerter Ausreißer erscheinen kann. Es gab den Nationalismus auch anderswo, z.B. in Frankreich. Dort siegten aber Aufklärung und demokratisch-republikanische Kräfte. Das ist ein entscheidender Unterschied zu den Traditionen der Mittelmächte. Ausgehend von der von Emile Zola mit seinem Aufruf „J’accuse“ initiierten Bewegung konnte der Widerstand gegen antisemitische Hetze siegen. Die Überschrift „J’accuse“ stammte von Clemenceau, dem späteren Ministerpräsidenten Frankreichs, der die Friedensbedingungen für Deutschland 1919 wesentlich mitformulierte, und der während der Affäre „Dreyfus“ über 600 Artikel schrieb, um die Rehabilitation des Hauptmanns zu erreichen (zwischen 1894 und 1906). Die Massen an Studien und Forschungen, die es über die rassistischen und völkisch-nationalistischen Ideologien gibt und ihre Bedeutung für den Typus des expansionistischen Kurses der preußisch-deutschen und österreichischen Monarchien und ihrer Militanz wird in allen neueren Publikationen, ob von Clark, Münkler, Leonhard oder neuerdings Gerd Krumeich in ihrer Wirkung und Bedeutung unterschätzt bzw. mißachtet. Vieles in der deutschen Geschichte, z.B. die Kirchengeschichte, die Geschichte der Philosophie findet keine hinreichende Würdigung, die aber von besonderer Bedeutung für diese Ausprägungen waren. Allerdings unterscheiden sich die Bewertungen und Thesen der Historikern auch, wie Leonhard im Deutschlandfunk ausführte. Der irische Historiker Mark Jones bezieht in seiner tiefgründigen Studie über Politik und Gewalt in der Novemberrevolution dagegen klar Position. Er kritisiert den gewaltbereiten Revanchismus dieser Gruppierungen und den Opportunismus der Mehrheitssozialdemokratie mit Obersten Heeresleitung scharf. In der „Tageszeitung“ schreibt Jones: „Die Radikalisierung des Antisemitismus, die im Völkermord an den europäischen Juden gipfelte, begann mit der gegenrevolutionären Gewalt der Freicorps. Der Schießbefehl, den die Sozialdemokraten am 9. März 1919 erteilten…zog Gewaltexzesse nach sich. Es sollte kein Tabu sein, darauf hinzuweisen, dass der von Gustav Noske erteilte Schießbefehl auf gezielt lancierte Falschmeldungen über Gräueltaten linksradikaler Aufständischer fußte.“

Der das Handeln der Mehrheitssozialdemokratie rechtfertigende und in Dublin forschende Historiker Robert Gerwarth fragt dagegen etwas hilflos: „Wie hätte man anders reagieren sollen in einer Situation, in der radikale Minderheiten mit Waffengewalt der Mehrheit ihren Willen aufzwingen wollten?“ Zunächst bringt er die historischen Abläufe durcheinander und lässt sich spürbar von seiner Haltung leiten. Zudem ist seine Frage falsch gestellt, denn sie insinuiert schon, es habe keine Alternative gegeben! Die Frage muss lauten: Was konnte aus Sicht der Mehrheitssozialdemokratie bei der damaligen Lage getan werden: Antwort lautet: Klare Vorgaben und Konzepte für die Republik: Demokratisierung (strukturelle Maßnahmen, die greifen), Umbau der Institutionen etc. Bildung, Justiz, Hochschulen usw., Demobilisierung der Armee – demokratischer Neuaufbau, Demokratisierung der Wirtschaft (Sozialisierungen) usw. Uns wäre viel erspart geblieben. Die MSPD war aufgrund ihrer Entwicklungsgeschichte dazu nicht (mehr) in der Lage. Die Angst vor dem (jüdischen) Bolschewismus und vor einer echten Machtteilung mit den radikaleren Kräften der Linken (USPD) tat ihr Übriges. Die politische Marschrichtung für die Ebertpartei musste ein konsequentes demokratisierendes und zivilisierendes Verhalten sein und es zu fördern. Ängste vernebelten den Durchblick. Die Analysen zum Ergreifen weiterer und alternativer Strukturreformen seitens der Staatsmacht (des Rates der Volkbeauftragten, bzw. der Ebert-Regierung) lagen ja in vielen Forderungen zutage und vielfach vor: Rosa Luxemburg, Rudolf Hilferding, Karl Kautsky, Analysen außerhalb der Sozialdemokratie, Pazifisten, Intellektuellen usw. Es gab ein großes Potenzial für Alternativen. Ein Bündnis mit den Militärs und antidemokratischen Eliten des alten Kaiserreichs war ein schwerer, folgenreicher Fehler, wie Rudolf Hilferding (SPD, USPD, SPD) leider zu spät im Prager Manifest des sozialdemokratischen Parteivorstandes 1934 feststellen musste. „Das Ersticken der Revolution verbaute den für Deutschland einzig gangbaren Weg, die Kriegstraumata über den offenen Bruch mit der preußischen Militärkaste zu vergesellschaften und mit den Mitteln eines pazifistisch-demokratischen Totengedankens zu befrieden“, resümiert z. B. Maciejewsiki in bedenkenswerter Weise.

II

Für viele Historiker, auch und insbesondere nach 1945, wurde die imperialistische Konkurrenz als wesentlicher Faktor angesehen, im Kontext der Aufrüstung der Großmächte, die das Risiko für einen Weltkrieg tendenziell anwachsen ließ. (siehe Karte)

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Graphik

Bei der Einschätzung der Verantwortung für den 1. Weltkrieg, setzte sich schließlich in Westdeutschland nach 1961 die Thesen Fritz Fischers zur Kriegszielpolitik durch, die in den 1970er und 1980er Jahren weitgehend Anerkennung fanden. Er kam zu dem Ergebnis, dass der Erste Weltkrieg durch die imperialistischen Weltmachtbestrebungen des “Deutschen”:https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsches_Reich” ausgelöst worden sei. Den Begriff „Kriegsschuldfrage“ bewusst vermeidend, schrieb er in seinem 1961 erschienen Buch „Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914 – 1918“: „Bei der angespannten Weltlage des Jahres 1914, nicht zuletzt als Folge der deutschen Weltpolitik, musste jeder begrenzte (lokale) Krieg in Europa, an dem eine Großmacht beteiligt war, die Gefahr eines allgemeinen Krieges unvermeidbar nahe heranrücken. Da Deutschland den österreichisch-serbischen Krieg gewollt, gewünscht und gedeckt hat, und, im Vertrauen auf die deutsche militärische Überlegenheit, es im Jahre 1914 bewusst auf einen Konflikt mit Russland und Frankreich ankommen ließ, trägt die deutsche Reichsführung einen erheblichen Teil der historischen Verantwortung für den Ausbruch des allgemeinen Krieges. Deutschland nahm das Risiko eines Weltenbrands bewusst in Kauf und konnte auf militärische Vorbereitungen und vorformulierte expansionistische Zielvorstellungen unterschiedlicher gesellschaftlicher Kräfte zurückgreifen.

Kanzler Bethmann Hollweg fasste im Septemberprogramm 1914 diese Kriegsziele Deutschlands, die lange vorher in vielen Denkschriften und Reden vorformuliert waren, zusammen, das seine stark gewachsene Machtstellung sichern und seine Ansprüche auf eine deutsche Weltpolitik geltend machen wollte:

„Sicherung des Deutschen Reichs nach West und Ost auf erdenkliche Zeit. Zu diesem Zweck muss Frankreich so geschwächt werden, dass es als Großmacht nicht neu erstehen kann, Russland von der deutschen Grenze nach Möglichkeit abgedrängt und seine Herrschaft über die nichtrussischen Vasallenvölker gebrochen werden.

Die Ziele des Krieges im Einzelnen:

Frankreich: Abtretung des Erzbeckens von ⦁ Briey […]. Ein Handelsvertrag, der Frankreich in wirtschaftliche Abhängigkeit von Deutschland bringt […].

Belgien: Angliederung von ⦁ Lüttich und ⦁ Verviers an Preußen, eines Grenzstriches der Provinz Luxemburg (⦁ Areler Land) an Luxemburg. Zweifelhaft bleibt, ob Antwerpen mit einer Verbindung nach Lüttich⦁ [12] gleichfalls zu annektieren ist. Gleichviel, jedenfalls muss ganz Belgien, wenn es auch als Staat äußerlich bestehen bleibt, zu einem ⦁ Vasallenstaat herabsinken, […] wirtschaftlich zu einer deutschen Provinz werden.

Luxemburg wird deutscher Bundesstaat und erhält einen Streifen aus der jetzt belgischen ⦁ Provinz Luxemburg und eventuell die Ecke von ⦁ Longwy.

⦁ Es ist zu erreichen die Gründung eines mitteleuropäischen Wirtschaftsverbandes durch gemeinsame Zollabmachungen, unter Einschluss von Frankreich, Belgien, Holland, ⦁ Dänemark, ⦁ Österreich-Ungarn, ⦁ Polen und eventuell ⦁ Italien, Schweden und Norwegen. Dieser Verband, wohl ohne gemeinsame konstitutionelle Spitze, unter äußerlicher Gleichberechtigung seiner Mitglieder, aber tatsächlich unter deutscher Führung, muss die wirtschaftliche Vorherrschaft Deutschlands über ⦁ Mitteleuropastabilisieren.

⦁ Die Frage der ⦁ kolonialen Erwerbungen, unter denen in erster Linie die Schaffung eines zusammenhängenden mittelafrikanischen Kolonialreichs anzustreben ist, desgleichen die Russland gegenüber zu erreichenden Ziele werden später geprüft […].

Holland. Es wird zu erwägen sein, durch welche Mittel und Maßnahmen Holland in ein engeres Verhältnis zu dem Deutschen Reiche gebracht werden kann […].“

Auf Fischers Arbeiten folgten seit etwa 1970 viele Studien, um die sozialökonomischen Kriegsursachen erforschen: Kriegsökonomie, die innenpolitische Reformunfähigkeit der kaiserlichen Monarchie und innenpolitische Verteilungskämpfe sind schwerpunktmäßig untersucht und nach der Vereinigung beider deutscher Staaten (BRD/DDR) 1990 zahlreiche Archive der DDR und der Sowjetunion ausgewertet worden. Angeregt durch Fischers Thesen widmeten sich Forscher in der alten Bundesrepublik anschließend vermehrt der deutschen Politik in den vom Kaiserreich besetzten Staaten: U.a. fand Wolfgang J. Mommsen 1981 konkrete Pläne zur zwangsweisen Aus- bzw. Umsiedlung von Polen und machte den Nationalismus, das Völkische und Rassismus bedeutender Verbände und Interessengruppen für das Regierungshandeln verantwortlich, deren Vorstellungen wiederum diesen Ideologien und Haltungen entsprachen.

Weiterhin jedoch lebte die Debatte natürlich auch vom Widerspruch, indem z.B. Thomas Nipperdey in den 1990er Jahren den sozialhistorischen Erklärungsansätzen in ihrer Behauptung widersprach, der „Krieg, die deutsche Kriegsbereitschaft und die Krisenpolitik“ seien eine Folge des deutschen Gesellschaftssystems gewesen. Die von Christopher Clark u.a. wieder aktualisierte und verfeinerte These Lloyd Georges‘ vom „Hineinschlittern“ in den Weltkrieg, sie modifizierend, hatte z.B. Thomas Nipperdey schon früher auf verhängnisvolle Militärpläne und Kriegsentscheidungen der Exekutive auch in parlamentarischen Staaten hingewiesen. Es herrschte allerdings weiterhin die Auffassung vor (Jürgen Kocka, Gerhard Hirschfeld), dass Deutschland einen entscheidenden Beitrag Deutschlands zum Kriegsausbruch 1914 geliefert hatte. So schrieb 2003 eben jener Gerd Krumeich, Deutschland habe die Bemühungen um diplomatische Deeskalation weitgehend sabotiert und trage deshalb einen großen Schuldanteil.

Als 2013 mit den Werken Christopher Clarks, “Die Schlafwandler – Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog”, und Herfried Münkler, “Der Große Krieg. Die Welt 1914 bis 1918”, zwei bewunderte Werke erschienen, die bestreiten, dass Deutschland durch sein Tun und Unterlassen 1914 mehr zum Ausbruch des Weltkriegs beitrug als die anderen Großmächte, erhielt die Kriegsschuldebatte in Deutschland eine neue Dynamik. Clark behauptete:

„Der Kriegsausbruch von 1914 ist kein Agatha-Christie-Thriller, an dessen Ende wir den Schuldigen im Konservatorium über einen Leichnam gebeugt auf frischer Tat ertappen. In dieser Geschichte gibt es keine Tatwaffe als unwiderlegbaren Beweis, oder genauer: Es gibt sie in der Hand jedes einzelnen wichtigen Akteurs. So gesehen war der Kriegsausbruch eine Tragödie, kein Verbrechen. Wenn man dies anerkennt, so heißt das keineswegs, dass wir die kriegerische und imperialistische Paranoia der österreichischen und deutschen Politiker kleinreden sollten, die zu Recht die Aufmerksamkeit Fritz Fischers und seiner historischen Schule auf sich zog. Aber die Deutschen waren nicht die einzigen Imperialisten, geschweige denn die einzigen, die unter einer Paranoia litten. Die Krise, die im Jahre 1914 zum Krieg führte, war die Frucht einer gemeinsamen politischen Kultur: Aber sie war darüber hinaus multipolar und wahrhaft interaktiv – genau das macht sie zu dem komplexesten Ereignis der Moderne, und eben deshalb geht die Diskussion um den Ursprung des Ersten Weltkriegs weiter, selbst ein Jahrhundert nach den tödlichen Schüssen Gavrilo Princips an der Franz-Joseph-Straße“.

Demgegenüber kritisierte Gerd Krumeich noch im Jahr 2014 in einer Art Bilanz seines Forscherlebens zur hundertsten Wiederkehr des Beginns des 1. Weltkriegs gegenüber Clark, dass die Mittelmächte am Ausbruch des Krieges die Hauptverantwortung tragen, wenn auch dieser ihnen nicht allein anzulasten sei. Ganz im Sinne Fritz Fischers brachte er auf den Punkt: „Deutschland habe Europa absichtsvoll in den Abgrund gestoßen“ und Fischers These von der Hauptschuld Deutschlands für den Kriegsausbruch gelte weiterhin. Als Ergebnis von „50 Jahren Beschäftigung“ mit dem Thema und damit zu diesem kompetenten Urteil befähigt, sprach er allerdings auch von einer „Wucht“, mit der Christopher Clarks Publikation „Schlafwandler“ eine lange „sakrosankte These“ umwerfen wolle. Er merkte, dass Sturm aufzog und Relativierer – die Bühne betraten. Die Zeit scheint reif!

Krumeich ist nun dieser Wucht zu erliegen. Sein Sinneswandel deutete sich an: Erst schrieb er ein wohlwollendes Vorwort für ein Buch des deutsch-amerikanischen Kunsthistorikers Ulrich Keller, das zur Revision deutscher Kriegsschuld und Relativierung deutscher Verbrechen „neue“ Quellen vorlegen wollte. Mit „seiner „archivgestützten“ Studie “Schuldfragen” bewertet Keller den Überfall Deutschlands auf das neutrale Belgien am 4. August 1914 neu. Das im Schöningh-Verlag 2017 erschienene Buch behauptet als zentrale These, dass es einen belgischen Plan zum Franktireurkrieg (Kampfhandlungen von Zivilisten, Heckenschützen, Angriffe auf Verwundete, Überfälle auf nichtaktive Truppenteile) in großem Umfang tatsächlich gegeben habe. Wäre dem so, wären die Angriffe völkerrechtswidrig und könnten den Anlass für die Kriegsverbrechen im August und September 1914 bilden, heißt es dort weiter. Obwohl der Spiegel im November 2017 durch Klaus Wiegrefe diese Publikation unterschwellig honorierte und positiv bewertete, weil er die Studie Kellers das deutsche Kaiserreich teilweise entlaste, wird genau das von Spezialisten der Belgienforschung bezweifelt. Deren Argument: Insbesondere die Quellenbasis Kellers ist fragwürdig. Jakob Müller, Mitglied im Arbeitskreis Historische Belgienforschung dazu: Die Mängel im Umgang mit den Quellen verbinden sich mit der methodischen Fragwürdigkeit eines Unterfangens, das der Leidensgeschichte Belgiens die Leidensgeschichten individueller Soldaten gegenüberstellt. Um es deutlich zu sagen: Belgien wurde unprovoziert zum Opfer eines deutschen Überfalls.“ Krumeich gibt im Vorwort zu Kellers Buch zu Protokoll, er habe immer schon Zweifel gehabt, sich aber nicht getraut, sich dieser Frage zu stellen, aus Angst vor der scientific community. Das ist einigermaßen erstaunlich, denn wir leben in einer Demokratie, die Widerspruch nicht unter Strafe stellt, sicher kann es unbequem werden, aber Mut und Zivilcourage zum Widerspruch ist eine positive-persönliche Eigenschaft, ja Voraussetzung dafür, dass Demokratie und demokratische Wissenschaften mit Leben erfüllt werden. Im seinem soeben erschienen Buch „Kriegsziel Belgien“ entlarvt Sebastian Bischoff den „großangelegten und behördlich organisierten Franktireurkrieg als Mythos und beschreibt die hemmungslose Gewalt der deutschen Soldaten: „Die deutsche Besonderheit bestand jedoch darin, dass in Bezug auf Bekämpfung eines Volkskrieges“ Vorstellungen herrschten, die „nicht von völkerrechtlichen und humanitären Erwägungen eingeschränkt waren“.

Auf die Frage, warum ein so angesehener Historiker wie Krumeich sich dafür hergibt, eine Publikation, die ihre Quellen nicht auf Glaubwürdigkeit überprüft, zu mit seinem Namen zu fördern, meint der Belgienforscher Müller, dass viel für einen politisch motivierten Sinneswandel spreche, zumal er nun in einer weiteren, seiner neuesten Publikation, über die „unbewältigte Niederlage“ und das „Trauma“ nach 1918 nachlegt: War es doch irgendwie ein Dolchstoß, und hat die Revolution nicht doch dazu geführt, dass Deutschland viel zu hart bestraft wurde? Die „Junge Freiheit“ ist erstaunt und gleichzeitig erfreut, ob dieses Sinneswandels und es stimmt nachdenklich, wer sich da mit Krumeich „solidarisiert“.

Krumeich, so äußerte er sich kürzlich in einem Interview der Freiburger Sonntagszeitung, werde deshalb schon von seinen Freunden gefragt: „Bist du ein Rechter geworden?“ Diesem Vorwurf nicht widersprechend, kritisierte er rückblickend die Historikergeneration „der Mommsens, Wehler, Winkler und Kolb“, die „ab den 1960er Jahren das Dritte Reich als Folge eines verhängnisvollen Sonderweges der deutschen Geschichte zu erklären versucht“ haben. Die „Gründe für die Entstehung des Versailler Vertrags und dessen katastrophale Auswirkungen“ seien von dieser Generation zu sehr ausgeblendet worden. Gute Argumente sind dies allerdings nicht, was auch mit der Äußerung des Historikers deutlich wird, wenn er kritisiert, dass „an allem, was passiert ist, Deutschland schuld sei und dafür bezahlen müsse. Das war 1918/19 und danach für die Deutschen schlicht nicht aushaltbar.“ Die zwei Millionen toten deutschen Soldaten und mehr als vier Millionen versehrte Kriegsheimkehrer würden allzu leicht vergessen. Doch all dies und das Folgende kann die Frage nach der Verantwortlichkeit und für das eigentliche historische Geschehen nicht entschuldigen: Was geschah vor dem Kriegsbeginn und während des Weltkrieges? Völkisch-nationalistische und antisemitisch-rassistische Propaganda werden verinnerlicht, die Politik der Aufrüstung und der Kriegsvorbereitungen entwickelt. Der Ablenkungsversuch, der in der These liegt, es habe Kriegsminister gegeben und der Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei anerkannt gewesen, ist fadenscheinig. Humanität, Menschlichkeit, Gleichheit und Gerechtigkeit sowie Solidarität sind längst von Klassen, Gruppen und Individuen aufgenommen, in früheren Revolutionen gefordert, von Einzelpersonen und Organisationen vorgebracht und auch völkerrechtlich behandelt worden. Dass die Sozialdemokratie kurz vor dem Krieg nationalistisch umknickte, in ihrer Mehrheit, war ein Versagen vor dem Hintergrund ihrer internationalen Solidarität, denn sie war Friedenspartei gewesen, die vom Pazifismus hätte lernen können, in der letzten Stunde der Wahrheit, anstatt nationalistisch zu reagieren!

Krumeich wärmt alte Debatten auf, mit angeblich neuen Quellen?

Dass der französische Regierungschef Georges Clemenceau am 16. Juni 1919 in die Mantelnote des Versailler Vertrags habe hineinschreiben lassen, „die Deutschen seien wegen ihres Appetits auf Weltherrschaft schuld an den 6 Millionen Toten, deren Blut den Boden Europas tränke“, sei „schlicht nicht aushaltbar“, ist für die Deutschen eine harte Bestrafung. Sieger machen die Gesetze, wie nach 1945 – sie entsprechen nicht einer Gesetzgebung in Friedenzeiten, sondern sie kommen als Reaktion und Schlussfolgerung aus der jeweiligen Kriegssituation heraus. Krumeich glaubt, dass es „nicht aushaltbar ist“, aber wir müssen uns fragen, was insbesondere Frankreich, Belgien u.a. aushalten mussten, als Deutschland über sie herfiel. Dazu schreibt Maciejewski in Lettre International: „Die deutsche Seite hat das in den ersten Kriegsjahren erworbene Odium der unzivilisierten Barbarei, einer bemerkenswerten intellektuellen Gegenoffensive zum Trotz, bis zum Kriegsende nicht abstreifen können. Interessanterweise ist die patriotische Verblendung eines Großteils der deutschen Intellektuellen das genaue Spiegelbild dessen, was auf dem Schlachtfeld passiert. Die deutschen Soldaten stolpern in den Krieg mit Aktionen, die eindeutig das Völkerrecht mit Füßen treten, und erwarten trotzdem, dass sie unbehelligt und in ihrem Ruf unangetastet durch Belgien marschieren können. Als sich Widerstand regt, liegen die Nerven blank. Unter den deutschen Militärs – vom Kaiser abwärts über den Generalstab und die Offizierskorps bis hinunter zu den einfachen Soldaten – macht sich eine nahezu paranoide Erwartungshaltung breit: Man habe es nicht mit gegnerischen Soldaten, sondern mit feigen Partisanen zu tun, die aus dem Hinterhalt und in Zivil agierten.“ Die Thesen Fritz Fischers und nachfolgender Forscher haben substanziell Bestand. Die Hauptverantwortung Deutschlands für den Krieg zwischen den Imperien bleibt unwiderlegt, den auf interdependenztheoretischen Ansätzen beruhenden umfangreichen Werken und Versuchen gelingt es nicht, den deutschen Sonderweg zu widerlegen und den Versailler Vertrag als Ausgangspunkt zur Rechtfertigung einer Revision bisheriger Geschichtsschreibung zu missbrauchen, um ein anderes Geschichtsbild zu legitimieren.

Nun behauptet Gerd Krumeich in seinem neuen Buch „Die unbewältigte Niederlage“ einen „Schlüssel zum Verständnis der Weimarer Republik“ gefunden zu haben. – Da hat er wohl den falschen Schlüssel erwischt, seine thesenartigen Ausführungen gehen an den historischen Tatsachen und Quellen vorbei: „Die Niederlage im Ersten Weltkrieg, die Kriegsschuldfrage und die problematischen Friedensbedingungen des Versailler Vertrags“ von 1919 seien für die politische Entwicklung Deutschlands in den 1920er und 1930er-Jahren prägend gewesen. Wie wahr möchte man sagen, aber es geht um Folgendes: Der von Deutschland begonnene Krieg, und der „Bundnisfall“ ist zweifelfrei entschieden worden, führte zur Niederlage des alten Systems und Erfindung der Dolchstoßlegende durch die völkisch-nationalistischen Kräfte. Auf die fällt nun Gerd Krumeich selbst rein, auch wenn es zunächst richtig klingt, was er schreibt: „Die Dolchstoßlegende wurde zu einer der wirksamsten propagandistischen Waffen gegen die Weimarer Republik.“ In seinen Schlussfolgerungen wird Krumeich dann merkwürdig, weil er vermeidet zu fragen, wer die Legende aufgebracht und sie propagandistisch gegen die Republik gewendet hat. Auch nach ihrer Funktion will er nicht fragen. Zwar stellt er zurecht fest, dass die Alliierten ihrerseits Propaganda machten. Aber anstatt die „offensichtlich“ vom französischen Geheimdienst „alimentierte(n)“ Publikation des Elsässers Salomon Grumbach über das „annexionistische Deutschland“ zu überprüfen, inwieweit Grumbachs Quellen „Eroberungsabsichten“ und „Kriegsziele“ des Deutschen Reiches tatsächlich widerspiegeln, lanciert er Vermutungen über Feindpropaganda. Krumeich selbst sät den Zweifel, um anschließend zu schreiben, diese Quellenpublikation sei noch heute „für die historische Forschung unentbehrlich“! Weiter: „Aus der Zeit vor und während des Weltkrieges war und blieb“ sie „für die alliierte Seite der entscheidende Nachweis für den deutschen Kriegswillen. Was gegen Grumbach spricht, beantwortet er nicht, kann er nicht beantworten. Zurück bleibt beim Leser die Infragestellung der Quelle, weil sie den Alliierten von Nutzen waren. Dann zitiert Gerd Krumeich die einschlägig bekannte Denkschrift des damaligen deutschen Botschafters in London, Fürst Lichnowsky, über die Ereignisse des Juli 1914, ebenfalls im Zusammenhang mit alliierter Kriegspropaganda. Da er nicht die Quellen nach ihrem Wahrheitsgehalt untersucht, muss man – vorsichtig – daran zweifeln, ob der renommierte Historiker sein Handwerkszeug verlernt hat. Für sich genommen, ist es eine Arbeitsmethode, die üblicherweise von neuen und alten rechten Propagandisten noch besser beherrscht wird. Krumeich serviert dem Leser Äußerungen des ehemaligen Reichskanzlers Bethmann Hollweg vom 27. November 1918, dass die deutsche Regierung niemals geplant habe, einen Weltkrieg zu entfesseln, und überhaupt, dass der Krieg 1914 „wirklich noch (!) als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln angesehen wurde.“ Der Autor teilt diese „Einwände“ „hundert Jahre später“ als „bedenkenswert“. Dass die Alliierten und alle diese und weitere vom Autor nacherzählten „deutschen“ Quellen nutzten um ihrerseits die These von der „deutschen Kriegsschuld“ zu erhärten, liefert direkt den Beweis für den Dolchstoß, indem er nämlich die Antwort verschweigt, ob zu Recht davon zu sprechen ist. Weil er die Antworten darauf offenlässt und vielmehr sogar den Dolchstoß anhand der agierenden Zeitgenossen nacherzählend verstehend darlegt, entsteht der Eindruck, und der ist gewollt, dass das „Trauma“ genau daraus entstanden ist und die Niederlage „unbewältigt“ bleiben musste, weil es ihn wirklich gab. „Vielleicht“, so der Autor abschließend, „hat vorstehende Darstellung zeigen können, dass es damals so einfach nicht war und dass hinter dem Dolchstoßtops durchaus unterschiedliche und auch weitaus realistischere Erklärungsversuche für die Niederlage stehen konnten. Es muss ja nicht von „bösartigster Radikalität“ der Nazis sein, aber es gab ihn wirklich, so sein Zynismus. Man reibt sich verwundert die Augen, was aus dem renommierten Historiker geworden ist, der die Legende nicht mehr durchschaut, um am Ende seiner fragwürdigen Interpretationen und eklektizistischen Anordnungen historischen Materials zu folgendem zu kommen: „So lassen sich Hitlers Charisma und Beliebtheit nicht aus seinem extremistischen Umtrieben ableiten, sondern aus dem Versprechen, den ‚Verrat‘ von 1918/19 und die Schande von Versailles zu tilgen.“ Was am Ende klar wird, ist eines, Hitler war „in Deutschland niemals populärer als eben nach dieser Revanche und der Bewältigung der Niederlage von 1918“. Zugespitzt: Die Kriegsschuldthese, der Dolchstoß und die Schande des Versailler Vertrages und damit die „Unfähigkeit der Weimarer Republik“, „eine Antwort auf die Niederlage“ zu finden, öffneten dem Hass, der Zerrissenheit und der Hitlerbewegung das Tor zur Nazidiktatur. Es ist ein merkwürdiges Schwadronieren von Krumeich, das er parallel in Interviews zum Ausdruck bringt, wenn er ausführt: Die Revolution habe dazu beigetragen, „dass der Waffenstillstand ‚de facto‘ zu einer ziemlich bedingungslosen Kapitulation wurde. Somit konnten die Deutschen nicht mehr in den Krieg zurückkehren und hatten keinen Verhandlungsspielraum. . . Ohne die Revolution wäre das vielleicht möglich gewesen.“ Und weiter: „Sie hätten Positionen ‚im Feindesland‘ halten und diese Tatsache mit einem Angebot auf Frieden verbinden können…“ Auf die Frage, welche Rolle der Versailler Vertrag spiele, lässt der renommierte Historiker „viele Menschen“ aussprechen, was er selbst wohl meint: „Viele Menschen sagten sich: Angesichts dieses ungeheuerlichen Diktats hätten wir besser weiterkämpfen sollen. Und sie fragten sich, wieso man nicht hätte weiterkämpfen können.“ Und wahrlich, nachdem Diktat-Frieden von Brest-Litowsk mit Sowjetrussland, war das ja eigentlich die Strategie des preußisch-deutschen Militarismus, wenn nicht Revolution, Ermattung der Soldaten und Selbstzweifel dazwischengekommen wären.

_Dr. Johannes Klotz, geb. 1952 in Heilbronn; Studium der Politik und Geschichte für das Lehramt an Gymnasien, Lehrer und Hochschuldozent; Publizist und Autor u.a. für die Süddeutsche Zeitung, die Frankfurter Rundschau, die Sächsische Zeitung, die Badische Zeitung; zus. mit Detlef Bald und Wolfram Wette „Mythos Wehrmacht. Nachkriegsdebatten; Aufbau Verlag 2001 und „Geistige Brandstiftung“, Aufbau Verlag Berlin 2001 und weiteren Büchern und Beiträgen zu den geschichtspolitischen Debatten nach 1990._

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