Es können Brücken gebaut werden zwischen Müsli-Essern, Wertkonservativen und Brioni-Trägern. Peter Müller

Darf der Mensch sich nicht über die Natur erheben?

Ende November 2018 berichteten viele Medien, dass in China die ersten Kinder geboren wurden, deren Erbsubstanz in vitro vor der Implantation in den Uterus durch die Gruppe um He Jiankui gentechnisch verändert wurde – falls die Feten nicht spät in der Schwangerschaft abgetrieben wurden, was noch nicht ganz klar ist.

Ob jetzt schon genmanipulierte Menschen unter uns weilen oder nicht, spielt aber keine Rolle: bald wird das der Fall sein, denn es wird technisch einwandfrei machbar sein. Dieses Ereignis ist viel bedeutender als die erste Mondlandung. Warum? Um das verstehen und richtig einordnen zu können, schauen wir kurz auf die Geschichte der Gentechnik.

Als in den 1970er Jahren entdeckt wurde, dass man die Erbsubstanz von Lebewesen mithilfe molekulargenetischer Verfahren gezielt verändern kann, entstand aus der Molekularbiologie die Gentechnik. Diese Technologie macht seitdem Furore, weil sie sich schwer in unser traditionelles Verständnis von Technologie und Leben einordnen lässt und archaische Ängste der Menschen anspricht.

Seit Aristoteles unterscheiden wir nämlich natürliche von technischen Entitäten (Physik, Buch Gamma). Doch mit der Gentechnik sind wir in der Lage, natürliche Entitäten technisch zu verändern, wir erzeugen nun erstmals natürlich-technische Lebewesen, die Aristotelische Trennung verliert hier ihre Gültigkeit. Denn obwohl die Menschheit seit der Sesshaftwerdung im Neolithikum begonnen hat, Tiere und Pflanzen zu züchten, ist dies nicht mit der Genmanipulation vergleichbar.

Zucht wählt lediglich natürliche Mutationen über viele Generationen aus und stellt damit ein konservatives Auswahlverfahren dar – es beschleunigt die Evolution durch Selektion wünschenswerter Eigenschaften, ohne die Mutationsrate beeinflussen zu können. Gentechnik ist hingegen invasiv und wirkt sofort, sie setzt gezielt Mutationen und kommt ohne langwierigen Selektionsprozess aus. Und entscheidenderweise ist es möglich, die genetische Veränderung in der Keimbahn vorzunehmen, was bedeutet, dass sie weitervererbt wird. Wir verlieren die Kontrolle über die Weitergabe, weil es die das Leben definierenden Charakteristika sind, aus Licht oder Materie selbstständig chemisch gebundene Energie und Nachkommen zu (er)zeugen.

Darf der Mensch sich nicht über die Natur erheben?

Zweifel an Experimenten am Menschen sind im Westen kulturimmanent. Denn in unserer christlichen Tradition werden sie als ein problematischer Eingriff in die Schöpfung und am Ebenbild Gottes gesehen. So lehnte die Kirche in der Neuzeit das Sezieren von Leichen an medizinischen Fakultäten ab. Bald nach der Entdeckung der Elektrizität wurde die spätmittelalterliche Homunkulus-Theorie der Alchemie von Mary Shelley in ihrem Roman Frankenstein (1819) im Sinne des naturwissenschaftlichen Experiments am Menschen modernisiert. Darin kommen die Einwände gegen eine anthropogene Schöpfung menschlichen Lebens in Form einer klassischen Tragödie samt Strafe klar zum Ausdruck. Sehr spät im Vergleich zu Physik und Chemie, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde es überhaupt möglich, Medizin naturwissenschaftlich zu betreiben, erst dann wurde die antik-mittelalterliche Säftelehre überwunden – die Medizin als Wissenschaft von der Physis des Menschen war nicht zufällig die letzte Wissenschaft, die vom Rationalismus erfasst wurde.

Aus dieser Tradition kommend lehnt die führende säkulare Heilsideologie unserer Zeit, die politische Ökologie, die Gentechnik insgesamt ab. Die Argumente sind denjenigen der katholischen Kirche strukturgleich, wenn auch von deren christlicher Dogmatik befreit. Während Christen vorbringen, dass der Mensch nicht in Gottes Schöpfung eingreifen darf, weil er dadurch die Rolle Gottes usurpiert, sprechen Grüne davon, dass das ökologische Gleichgewicht durch den Menschen nicht gestört werden soll. Bringen Christen vor, der Mensch sei als Ebenbild Gottes und Krone der Schöpfung unantastbar, argumentieren Grüne mit der strukturellen Antithese, der Mensch dürfe sich nicht über die Natur (auch nicht seine eigene) erheben.

Dagegen ist aus Sicht der wissenschaftlichen Logos-Kultur klar, dass jeder Eingriff in die Natur, der mit einem akzeptablen Restrisiko, welches immer besteht, zu exakt vorhersehbaren, wünschenswerten Ergebnissen führt, legitim ist – ja wir sogar im Sinne des Humanismus dazu verpflichtet sind, Not und Leid durch Technologieeinsatz zu lindern oder zu verhindern: So funktioniert die gesamte medizinische Therapie, aber auch die Energieversorgung, der Transport von Gütern und Personen, die Nahrungsmittelproduktion, kurz die gesamte Technosphäre, die wir uns geschaffen haben. Diese haben wir, weil wir mit Mathematik, Physik und angewandter Physik (Ingenieurswissenschaften, Chemie) Modelle der Natur geschaffen haben, die uns nicht nur die Beschreibung und Erklärung von Naturphänomenen, sondern auch die Vorhersage der Wirkung von Eingriffen in das Naturgeschehen und damit den verlässlichen Einsatz von Technik ermöglichen.

Der neue Status quo und die Zukunft der Gentherapie

Doch wie ist nun die Sachlage in der Gentechnik: Können wir sie am Menschen so anwenden, dass wünschenswerte Ergebnisse bei vertretbarem Restrisiko auf vorhersehbare Weise erzielt werden? Jahrzehntelang war das aus zwei Gründen nicht der Fall: Erstens: Konnten Genmanipulationen nur mit Hilfe klassischer homologer Rekombination durchgeführt werden, bei der zusammen mit der erwünschten Genveränderung Spuren der Manipulation im Genom verblieben, deren Wirkung auf das Erbgut nicht sicher modellierbar sind. Dies war ein harter technischer Hinderungsgrund für die Genmanipulation am Menschen. Zweitens: Außerdem wäre die Erfolgsrate im Menschen so schlecht gewesen, dass ein Manipulationsversuch sehr viele Embryonen verbraucht hätte.

Doch 2012 wurde das CRISPR/Cas-Verfahren veröffentlicht, mit dessen Hilfe das Genom gezielt, rückstandsfrei und mit hoher Erfolgsquote manipuliert werden kann. 2015 wurde zum ersten mal berichtet, dass mit dem Verfahren humane Embryonen genmanipuliert wurden, allerdings noch mit unbefriedigender Effizienz (der Anteil der erfolgreich manipulierten Embryonen war zu gering). Seitdem wird daran gearbeitet, das Verfahren zu verbessern, damit man bei einem höheren Anteil von Embryonen erfolgreich die DNA verändern kann.

Damit werden in absehbarer Zeit für einen kleinen Teilbereich des humanen Genoms die beiden Hinderungsgründe aufgehoben sein, Gentechnik wird für diesen Bereich sicher anwendbar werden. Welcher Bereich ist das? Derjenige kleine Anteil des Genoms, in dem monogenetisch vererbte Gendefekte kodiert werden. Das sind Veränderungen des Genoms, die zu Erkrankungen oder Erkrankungsdispositionen führen, die sich nach dem Modell Mendels vererben.

Diese sind größtenteils in der Wissensbank Online Mendelian Inheritance in Man (OMIM- dort sind alle Loci Mendel’scher Erbkrankheiten und viele, aber nicht alle Dispositionsloci aufgeführt) katalogisiert und beschrieben. Das Mendel’sche Modell beschreibt mathematisch exakt, wie diese Krankheiten vererbt werden und wann sie zu Krankheiten führen. Die für das Modell entscheidenden Kategorien beschreiben den Modus der Sichtbarwerdung des Erbfehlers (dominant/rezessiv) sowie die Art des Chromosoms, über die das Gen vererbt wird (autosomal/genosomal). Die meisten Mendel’schen Krankheiten sind autosomal-rezessiv, was bedeutet, dass sie nicht über die Geschlechtschromosomen vererbt werden und nur dann zu Krankheiten führen, wenn beide Genkopien (das menschliche Genom hat jedes autosomale Gen zwei mal) betroffen sind, was beispielsweise jedem vierten Kind eines heterozygoten Elternpaars (beide Eltern haben nur eine Kopie des krankheitsverursachenden Gens) widerfährt.

Korrektur des Erbdefekts durch in-vitro-Fertilisation

Um diese Krankheiten zu heilen, muss eine Gentherapie durchgeführt werden. Dabei wird in der Zygote, das ist die Zelle, die sich bei der Verschmelzung von Eizelle und Spermium bildet, während der in-vitro-Fertilisation das CRISP/Cas-Verfahren eingesetzt werden. Dadurch kann der Gendefekt des betroffenen Genlocus (Ort des Fehlers) korrigiert werden, beispielsweise könnte man den Fehler im CFTR-Gen, der die Mukoviszidose (zystische Fibrose) verursacht, heilen. Die Mukoviszidose ist eine Krankheit, die zu einem qualvollen Sterben im jungen bis mittleren Erwachsenenalter führt. Sie würde durch die Gentherapie geheilt, und es würde auch verhindert, dass Nachkommen der geheilten Person daran erkranken.

Die Mendel’schen Erbkrankheiten, die meistens Eiweiß-kodierende Loci der DNA betreffen, sind allesamt eher selten, zusammen führen sie aber zu bitterem Leid und zu sehr hohen Behandlungskosten – oftmals mehrere Millionen während der Lebenszeit eines Patienten. Würde man die häufigsten (wie Bluterkrankheit, Thalassämie oder Mukoviszidose) oder gar alle Mendel’schen Krankheitsloci mit diesem Verfahren aus dem menschlichen Populationsgenpool eliminieren, entstünden diese Krankheiten nur noch durch Neumutation und (bei rezessiven Leiden) Paarung der Träger des entsprechenden Locus nach den Regeln von Mendel – ein extrem unwahrscheinliches Ereignis. Die Kosten für die Gentherapie wären nur ein winziger Bruchteil der Behandlungskosten konventioneller Therapieverfahren, die alle nur Symptome lindern, aber nicht die Krankheit heilen.

Es ist daher abzusehen, dass es sich in den kommenden Jahrzehnten in den Industrienationen etablieren wird, mit Hilfe der Humangenetik verstärkt nach monogenetischen Mutationen zu suchen und den Paaren die Korrektur des Erbdefekts durch in-vitro-Fertilisation anzubieten. Dazu ist noch viel Forschung und Entwicklung und die Einhaltung internationaler Standards zur Etablierung neuer Therapieverfahren erforderlich – doch es wird gemacht werden, weil es zutiefst human und sinnvoll ist, dies zu tun. Dies wäre auch aus Sicht der gesetzlichen Krankenversicherung eine sehr attraktive Maßnahme zur Eindämmung von Kosten und Verhinderung unmenschlichen Leids.

Die Möglichkeit der humanen Keimbahn-Gentherapie ist viel bedeutender als die erste Mondlandung, da sie sich viel schneller und spürbarer auf das Leben der Familien, die von Erbkrankheiten betroffen sind, auswirken wird. Während die Mondlandung nur technisches Potential unter Beweis stellte, ist die humane Gentherapie – richtig eingesetzt – ein echter Segen für viele Menschen.

Wo sind die Grenzen?

Doch wo sind die Grenzen solcher Verfahren? Dort, wo die Vorhersagbarkeit des Erfolgs zum Risiko des Eingriffs in keinem sinnvollen Verhältnis steht. Dies gilt für alle höheren Eigenschaften des Menschen wie Körperbau, Gesichtszüge, geistige und charakterliche Eigenschaften, aber auch für komplexe Krankheiten wie die meisten Krebsarten (manche werden auch monogenetisch vererbt), Autoimmunkrankheiten wie Morbus Crohn, essentielle Organ- und Systemerkrankungen wie Bluthochdruck oder Geisteskrankheiten mit genetischem Dispositionsanteil wie Schizophrenie, Alzheimer oder Zyklothymie (manisch-depressives Irresein).

Beginnen wir mit den Eigenschaften. Alle Charakteristika des Menschen, die wir für wünschenswert halten, wie Schönheit, Anmut, Kraft, Ausdauer, Konstitution, Willenskraft, Intelligenz, Tugendhaftigkeit, Charakterstärke und dergleichen, sind multi-genetisch kodiert und werden durch eine Kombination von Erbanlage und Umwelteinflüssen hervorgebracht. Dabei handelt es sich nicht um einen Genlocus wie bei den Mendel’schen Erbleiden, sondern um zahlreiche Eiweiß-kodierende und vor allem auch nicht-kodierende Abschnitte der DNA beteiligt, man spricht daher von multi-genetischen Eigenschaften.

Unabhängig vom gewählten mathematischen Verfahren können wir kein valides Modell aufstellen, das diese Eigenschaften erklärt oder gar die Wirkung einer genetischen Veränderung auf die Eigenschaften vorhersagbar macht. Ähnlich ist es bei den komplexen Krankheiten. Diese Gruppe macht über 99 Prozent aller Krankheiten aus. Sie werden durch eine Interaktion multipler Genloci mit Umwelteinflüssen verursacht. Auch hier lässt sich kein mathematisches Modell aufstellen, um die Wirkung von Genmanipulation zu modellieren. Es ist angesichts der extremen Komplexität der genetisch-zellbiologisch-systemischen Zusammenhänge in höheren Organismen auch überhaupt nicht absehbar, ob und wann das jemals gelingen wird.

Ein Versuch, mit Gentechnik diese Krankheiten zu heilen oder wünschenswerte Eigenschaften zu erzeugen, würde extrem hohe Risiken bei nahezu nicht vorhandenen Erfolgsaussichten bewirken. Hier sind dem Einsatz der Gentechnik in der menschlichen Keimbahn klare Grenzen zu setzen: Nicht-Mendel’sch vererbte Eigenschaften müssen von der Manipulation ausgeschlossen werden, der Versuch, sie genetisch zu manipulieren, muss sehr hart bestraft werden. Warum? Weil es sowohl aus der Sicht eines traditionell-christlichen Begriffs des Gottesrechts als auch aus dem für uns heute als Schutzrecht uneingeschränkt gültigen Naturrecht undenkbar ist, die Würde des Menschen auf diese Weise zu verletzen. Eine Manipulation multi-genetischer Eigenschaften käme der Schaffung einer Chimäre gleich und wäre die Wahrwerdung des Frankenstein-Stoffes in zeitgemäßer Form. Es würde auf Kosten des manipulierten Menschen ein unsägliches Leid erzeugt.

Abgesehen davon spricht auch ein einfacher biologisch-ethologischer Grund klar gegen den Versuch, wünschenswerte Eigenschaften beim Menschen genetisch anzureichern. Die Species Homo sapiens hat es auch deswegen so weit gebracht, weil unsere Population genetisch hochgradig divers (um den Begriff einmal adäquat zu verwenden) ist. Die dadurch entstehende phänotypische Heterogenität und Ungleichheit der Population ermöglicht neben ihrer Robustheit erst eine nicht planbare, natürliche entstehende Arbeitsteilung und Spezialisierung im Rahmen der Vergesellschaftung. Diese hat hierarchisch aufgebaute, zur historischen Existenz erst fähige Hochkulturen ermöglicht. Selbst wenn wir es könnten, wäre die geplante Schaffung von genetisch programmieren Populationsstrata ein Albtraum, der zum Ende der Zivilisation führen würde – denn obwohl Aldous Huxley dies für die Gesellschaftsordnung, die er in “Brave New World” als Dystopie entwirft, nicht zeigt, sind dystopisch-utopische Gesellschaftsformen immer hochgradig instabil. Man denke an die Münsteraner Wiedertäufer oder Frankreich unter dem Wohlfahrtsausschuss.

Quelle: Achgut

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Roger Köppel, Oliver Götz, Ramin Peymani.

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