Von den meisten Menschen wird Gott als eine Art Kundendienst betrachtet. Ilona Bodden

Gott sei Dank

Erst Gott, als philosophischer Name des Heiligen, erlaubt uns das Gut-Sein-Sollen/Dürfen. Dostojewski übersieht, dass es nicht die sittliche Verantwortung zum moralischen Verhalten gibt, weil diese nur aus sich selbst begründet wird.

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Vom „Alles ist erlaubt“ seines Romans war Dostojewski selbst überzeugt, und zwar im Blick auf den Lebenssinn überhaupt. Sechzig Jahre später stellen Horkheimer/Adorno erneut die Unmöglichkeit fest, „aus der Vernunft ein grundsätzliches Argument gegen den Mord vorzubringen. Horkheimer schrieb 1970: „Rein wissenschaftlich betrachtet, ist der Hass, bei aller sozial-funktionellen Differenz, nicht schlechter als die Liebe.“ Woraus folge: „Alles, was mit Moral zusammenhängt, geht letzten Endes auf Theologie zurück.“

Anruf an Freiheit zur Freiheit

Grundsätzlich (vor Normenfragen) geht es um Sittlichkeit „als solche“. Prinzipiell soll der Mensch „sich ein Gewissen daraus machen, ein Gewissen zu haben und sich ihm gemäß zu verhalten". Zu verstehen ist diese Sittlichkeit als Anruf an Freiheit zur Freiheit – also dazu, die Freiheit selbst zu sein. Hedonismus und Utilitarismus verzichten auf diese Begründung – geht es also doch nur mit Gott als Instanz?

Kant hat die sittliche Erfahrung als „Faktum der Vernunft“ bezeichnet. Es geht nicht bloß um das, was man will, sei es auch „eigentlich“ oder „im Grunde“; sondern darum, was gewollt werden soll. Darum ist es mit dem Guten als dem Zuträglichen nicht getan. Die Griechen erkannten es als „kalón k’agathón“ – das Schöne-und-Gute. Wer wirklich gut handelt, verhält sich eben nicht bloß klug, sondern er „gibt der Wahrheit die Ehre“.

Was aber so einleuchtet, ist der Begründung nicht fähig, weil nicht bedürftig. Zu begründen ist nämlich nur Nicht-Einleuchtendes: durch – einleuchtende – Rückführung auf Einleuchtendes. Bei der sittlichen Erfahrung geht es statt um ein Müssen um ein Sollen, um das Nicht-anders-Dürfen. Das trifft nicht nur Theisten, gar Christen. Gewissen zu haben definiert den Menschen als solchen. Es definiert den Menschen unmissverständlicher als das überlieferte animal rationale, nicht nur im Blick auf künstliche Intelligenz oder die Frage der Tier-Mensch-Unterscheidung.

Niemand freilich soll gern. Schon gar gut sein; heißt dies doch, man sei es nicht und hätte es zu sollen nötig. Wie anderseits stünden wir nach Verlust des Prinzipiengewissens? Die anfängliche Lust an derart ungenierter „Leichtigkeit des Seins“ (Schmidt-Salomon) dürfte sich bald zu der Einsicht ernüchtern, als Tier auf zwei Beinen zu existieren. In der Tat äußern gerade amoralische Vertreter des „Why …“ – sobald sie sich selbst ungerecht behandelt fühlen – ethische Empörung.

Wir dürfen gut sein

Worin anders als darin, des Anspruchs gewürdigt zu sein, der Wahrheit die Ehre zu geben, gründet die Würde des Menschen? Dass wir gut sein sollen, ist ein Geschenk: wir dürfen.

Und Gott? Kant postuliert ihn, weil der Mensch ohne Hoffnung auf ihn dem Sollen nicht zu folgen vermöchte. Das kommt mir zu spät und war zudem nicht unser Thema. Wie aber, wenn wir die sittliche Erfahrung verstehen, ihre „Lichthaftigkeit“ angemessen auffassen wollten? Des Du-Sollst (gut sein) gewürdigt werden können nur Personen. Woher nun zuletzt dies Du-Sollst (angesichts/wegen/trotz unseres Nicht-gut-Seins)? Keine Notlage anderer, nicht Wert noch Einsicht sind zu einem Imperativ fähig, zu einem Optativ höchstens. Und wer sich selbst aus einer Situation „ein Gewissen macht“, wird als Erster erklären, dass er dies solle?

Das Woher eines solchen „Unbedingt-gut-sein-Sollen(-Dürfen)s“ ist meines Erachtens nach (statt der widersprüchlichen „causa sui“) der philosophische Name des Heiligen, das religiös Gott heißt.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Wolf Achim Wiegand, Thomas Punzmann, Peter Sloterdijk.

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