Nightmare on Wall Street

von Jörg Rohleder28.09.2009Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien, Wirtschaft, Wissenschaft

Krise? Welche Krise? Die Weltbörsen haben sich erholt. Der US-Aktienindex Dow Jones – seit jeher ein Gradmesser für die wirtschaftliche Stärke der Vereinigten Staaten – notiert rund 3.000 Punkte höher als im März 2009. Der schicksalhafte September 2008 wirkt heute auf uns schon wie ein fernes Donnergrollen. Wie war das eigentlich damals, als in New York, vor gerade mal einem Jahr, die Investmentbank Lehman Brothers zusammenbrach? Jörg Rohleder erinnert an die Tage im September, als das Weltfinanzsystem ins Wanken geriet.

Montag, 15.9.2008

Wie es sich anfühlt, mehrere Millionen Dollar innerhalb weniger Minuten zu verlieren, weiß David Shor schon lange. Der Mann, silberne Schläfen, zurückgekämmtes Haar, Hosenträger, Hornbrille, ist schließlich Senior Vice President einer Investmentbank. Doch normalerweise verzockt Shor das Geld anderer Leute. Nur dieses Mal, am Montag vergangener Woche, hat es ihn selbst erwischt: “Sechs Millionen sind weg, das ganze Ersparte für die Rente”, erzählt er vor dem Hauptsitz des Investmenthauses Lehman Brothers, das soeben Insolvenz angemeldet hat. Nach 158 Jahren. Die Lehman-Pleite ist erst der beginn einer Woche, wie sie das amerikanische Finanzwesen seit dem “Schwarzen Freitag” 1929 nicht mehr erlebt hat: Überall brechen die Börsen ein, in Russland wird der Handel gleich an mehreren Tagen immer wieder ausgesetzt. Bis zum Wochenende wird noch die drittgrößte Investmentbank Merrill Lynch in die Knie gehen und sich an die Bank of America notverkaufen. Die einst weltgrößte Versicherung AIG wird nur durch Verstaatlichung vor der Pleite gerettet. Und die beiden einzigen überlebenden Investmentbanken, Morgan Stanley und Goldman Sachs, ändern ihr Dasein am Sonntag freiwillig von reinen Handelshäusern in das normaler Banken, sie unterliegen damit der gleichen Aufsicht wie jedes andere Kreditinstitut in Amerika. Bei Lehman aber herrscht zunächst noch Hochbetrieb. Herren in Brooks-Brothers-Hemden, Hermès-Krawatten und Ferragamo-Loafern balancieren in der einen Hand den Diplomatenkoffer von Tumi, in der anderen den Karton mit Bürohabseligkeiten: Topfpflanzen, die Bilder der Liebsten, den silbernen Porsche Carrera im Maßstab von eins zu zehn. Etliche haben bereits ihren Lebenslauf aktualisiert und strecken ihn mit gefrorenen Gesichtern vorbeiströmenden Touristen entgegen, die sie für Headhunter halten. Nur mit den Reportern und Kamerateams hinter den Absperrungen wollen sie nicht sprechen.

Dienstag, 16.9.2008

Die Steaks bei Bobby Van’s Grill wollen heute nicht so recht schmecken. Dabei hat der Kellner schon vorab fürsorglich eine weitere Schale der hauseigenen Steaksoße serviert. Mit ernsten Gesichtern sitzen die beiden jungen Männer da und diskutieren die Meldungen des Tages. Sie arbeiten für die Deutsche Bank. Ihre richtigen Namen wollen sie nicht nennen. Die Pressestelle hat den Angestellten dieser Tage verboten, mit Medienvertretern zu sprechen. Bobby Van’s Grill auf der 50. Straße West ist so etwas wie die inoffizielle Lehman-Kantine. Normalerweise trinken die Banker hier die ersten Biere nach einem erfolgreichen Tag. Heute sind zwar etliche von ihnen da, es geht jedoch ausgesprochen verhalten zu. Die Krise habe trotzdem etwas für sich, meint Abu: “Sie reinigt das System. Die Wildwestjahre des Investmentbanking sind vorüber.” Vorbei sind auch die fetten Bonuszahlungen am Jahresende: 2006 hatten die Wall-Street-Firmen fast 24 Milliarden Dollar an ihre Mitarbeiter ausgeschüttet. Natürlich trifft die Krise nicht die Superreichen, sondern die “normalen Jungs”, wie Sergey sie nennt. Die Mittelschicht der Wall Street. Diese müsse sich jetzt ernsthaft überlegen, ob der Helikopterservice am Wochenende in die Hamptons sein muss, ob man den Wodka im Lieblingsstripclub der New Yorker Finanzwelt, dem Scores im Meatpacking District, per se flaschenweise bestellt.

Mittwoch, 17.9.2008

Tom Grays Augenringe graben sich Tag für Tag tiefer in sein Gesicht. Zeiten wie diese kommen dem jungen Engländer dennoch äußerst gelegen. Tom Gray ist Headhunter und einer der wenigen Gewinner der Krise. Seit Montag hat er gut 50 dankbare Klienten geworben. “Alle hoch qualifiziert”, sagt Gray, “nur Menschen mit tollen Lebensläufen: jung, erfolgreich, arbeitslos.” Jeder fünfte Mitarbeiter an der Wall Street hat in den vergangenen zwölf Monaten seinen Job verloren. Seit Beginn der Krise wurden insgesamt 100.000 Stellen gestrichen. Tausende werden noch folgen. Gut für Gray, schlecht für New York. Schließlich verdienten die Banker 2007 im Durchschnitt 280.000 Dollar, die teilweise noch viel höheren Erfolgsbeteiligungen nicht mitgerechnet. Die Finanzkrise wird nicht nur die Lebenswelt der Banker, sondern ganz Manhattan nachhaltig verändern. New York ist abhängig von den spendierfreudigen Bankern, von ihren Steuern, dem illustren Lebensstil der Broker, Hedgefondsmanager, Händler und Analysten. Schließlich gehen die Meister des Universums gern dinieren und kaufen schöne, teure Dinge, um sich für absurd lange Arbeitszeiten zu entlohnen. “Die Krise wird nicht die mit dem Gerhard-Richter-Gemälde im Flur und einem 700-teiligen Kronleuchter von Dale Chihuly im Ballsaal treffen”, sagt Robert Frank. “Sondern die obere Mittelschicht. Dazu gehören in Amerika schätzungsweise 7,5 Millionen Haushalte, und ein ziemlich großer Teil davon arbeitet und lebt in Manhattan.” Dass Frank so etwas ganz genau weiß, liegt daran, dass er seit Jahren im Auftrag des Wall Street Journal über die Reichen der Welt schreibt. “Wir stehen nur da und sehen zu. Wie bei einem schlimmen Autounfall.”

Donnerstag, 18.9.2008

Einen seiner berühmten 175-Dollar-Burger hat Kevin O’Connell heute noch nicht verkaufen können. Sauer ist der Chefkoch des Wall Street Burger Shoppes deswegen nicht: Statt der mit Blattgold und Trüffel veredelten Kobe-Rind-Bulette will der Mann mit dem rotblonden Kinnbart baldmöglichst einen “Laid-off Burger” anbieten. Für 99 Dollar. Den “Sub-Prime Meltdown” gibt es bereits: für krisensichere acht Dollar. Die investieren Robert und seine Kollegen heute lieber in einen doppelten Espresso bei Barclay Rex, einer Zigarrenlounge wenige Blocks nördlich von O’Connells Burgerladen, im Herzen des Finanzviertels. Seinen Nachnamen will Robert lieber nicht sagen. Er und seine vier Begleiter arbeiten für Merrill Lynch. Die fünf Männer machen eigentlich nicht den Eindruck, als bereite ihnen die Finanzkrise schlaflose Nächte. Genüsslich paffen sie die Romeo & Julieta, die Robert noch in seinem Humidor gefunden hat. “Eigentlich waren die Zigarren für einen besonders fetten Geschäftsabschluss bestimmt”, sagt Robert. Dann lacht er. “Jetzt müssen sie eben als Trostpflaster herhalten. Der amerikanische Finanzkapitalismus, wie wir ihn kannten, fremdfinanzierte Übernahmen, die großen unabhängigen Investmentbanken – all das ist Geschichte. Willkommen im Zeitalter des Staatskapitalismus.” Ursula Ofman spürt die Auswirkungen der Krise bis in ihre Praxis auf der Fifth Avenue. Die zierliche Deutsche ist Psychologin, sie lebt seit mehr als 30 Jahren in New York. Ihr Spezialgebiet: Sex- und Paartherapie. “Etliche meiner Patienten aus der Finanzwelt haben diese Woche abgesagt”, sagt Ofman. Jene, die zu ihr gekommen seien, hätten über sexuelle Leistungsstörungen geklagt. “Kein Wunder”, sagt Ofman. “Wenn die berufliche Leistung nicht stimmt, schlägt sich die Versagensangst auch beim Sex nieder.”

Freitag, 19.9.2008

Das Läuten der Glocke, die um 9.30 Uhr den Börsenhandel eröffnet, hört Alan Valdes nicht. Er ist ständig am Telefon. Zwischen zwei Gesprächen ruft er: “So etwas habe ich hier seit 1974 nicht ein einziges Mal erlebt!” Valdes ist der Chefhändler der Investmentfirma Hilliard Lyons und ein alter Löwe auf dem Parkett der New Yorker Börse. In seinem Fall bedeutet das vor allem: Man arrangiert sich. “Natürlich sind wir alle für den freien Markt”, sagt Valdes. “Aber die Intervention der Regierung war überlebensnotwendig. Montag und Dienstag stand die Panik den Leuten noch ins Gesicht betoniert.” Gestern schloss die Börse vier Prozent im Plus. Sein Schlachtplan für den Tag steht: Valdes weiß, welche Aktien er handeln will, welche er beobachtet, welche er in der nächsten halben Stunde abstoßen muss. Während andere Händler um das Überleben ihrer Portfolios kämpfen, geht er den Tag mit der Gelassenheit des erfahrenen Kriegers an: “Jetzt musst du kaufen, Junge”, raunt er jüngeren Kollegen zu. Immer wieder, manchmal auch leise und nur zu sich selbst. “In solchen Wochen kann Geld verdient werden. Man muss nur die Nerven behalten.” *Dieser Artikel wurde in der Vanity Fair veröffentlicht*

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