Danke, Facebook, dass du mal wieder Mist gebaut hast

von Jörg Kopp25.04.2018Gesellschaft & Kultur, Medien

Egal welches Medium ich aufschlage, an jeder Ecke springen mir derzeit Schlagzeilen wie „Facebook: Fluch oder Segen?“, „Facebook erzwingt Transparenz“ oder auch „2,7 Millionen EU-BĂŒrger von Datenskandal betroffen“ entgegen.

Die einen regen sich auf, dass Facebook ihre Daten an Dritte weitergibt, die anderen, dass Facebook eigentlich sĂ€mtliche demokratische Wahlen der – sagen wir mal mindestens – letzten zehn Jahre manipuliert hat. Der Konsens: Facebook ist böse. Dass Facebook uns damit am Ende aber eigentlich einen riesigen Gefallen getan hat, das sieht kaum jemand vor lauter Empörung und blindem Bashing. Also: Augen auf!

Der (un)willkommene Gast

Im Grunde kann ich einen Großteil der Aufregung gar nicht verstehen. Facebook ging einst mit der ganz klaren Aussage online, es sei eine Plattform, die Werbung vermarktet. Und was ist Werbung, wenn nicht Manipulation? Wer also verlangt, dass Facebook keine Manipulation einsetzt, der muss auch von Claus Kleber erwarten, dass er zu gutem, echtem Journalismus zurĂŒckkehrt. Statt nur unsachliche Kommentare zum Weltgeschehen abzugeben.

Und doch sehe ich eine interessante Entwicklung, ja, eine echte Chance in der derzeitigen Debatte um den Datenskandal: Aufgrund des Trump-Effekts und des Schocks darĂŒber, dass die Amerikaner Donald Trump als PrĂ€sidenten gewĂ€hlt haben, fangen die Menschen an, sich intensiv mit der Wirkung von Facebook und Co. auseinanderzusetzen. Kaum jemand hatte es noch kurz vor der Wahl ernsthaft fĂŒr möglich gehalten, dass ein Typ wie Donald Trump tatsĂ€chlich als Wahlsieger hervorgehen könnte. Und doch ist er es.

Wer ist eigentlich schuld?

Ob die Werbung fĂŒr Trump auf Facebook schlussendlich wirklich einen derart großen Einfluss hatte, sei dahingestellt, doch Fakt ist: Ein SĂŒndenbock muss her. Und ein Weltkonzern, der nun anfĂ€ngt, Konsequenzen zu ziehen, um die Transparenz von politischen Werbeanzeigen zu erhöhen, ist natĂŒrlich ein gefundenes Fressen fĂŒr jeden Kritiker. Ein Schelm, wer Böses denkt und meint, damit gestehe Facebook seine Schuld ein 


Ich bin wirklich einer der letzten Menschen, der gut heißt, wie Facebook mit Daten umgeht oder Manipulation einsetzt. Aber mal Hand aufs Herz: Facebook hat doch auch einiges richtig gemacht, wenn jetzt sogar die Amerikaner endlich aus ihrer NaivitĂ€t aufwachen und sich Gedanken um ihren Datenschutz machen. Und wenn sie gar ĂŒberlegen, die EU-Datenschutz-Grundverordnung, die hierzulande im Mai in Kraft tritt, auf die Vereinigten Staaten umzumĂŒnzen, dann können wir in Europa doch nicht so viel falsch machen.

Die Sache mit der VerdrÀngung

Das eigentliche Problem ist also nicht, dass wir uns ĂŒber die Methoden von Facebook aufregen, sondern vielmehr wie wir es tun. Was machen wir nun aus dieser Empörung? Ich finde es grundsĂ€tzlich ja super, dass es die Diskussion ĂŒberhaupt gibt und die Menschen schockiert sind ĂŒber etwas, das sie mit etwas weniger NaivitĂ€t schon im Vorfeld hĂ€tten wissen können. Denn nun geht es um unseren Umgang mit dieser VerdrĂ€ngung – der muss jetzt auf den PrĂŒfstand. Wir mĂŒssen lernen, uns zu informieren, unsere Empörung positiv umzusetzen und Dinge zu differenzieren, die wir bis dato verdrĂ€ngt haben.

Zwar wird es einen Aufschrei unter den Helikoptereltern geben, wenn sie ihre Kinder nicht mehr im gewohnten Maße manipulieren können. Doch nur, wenn wir schon unsere Kinder einen differenzierten Umgang mit Manipulation und den Medien lehren, stellen wir uns in Zukunft nicht mehr naive Fragen wie: „Moment mal, wir haben Leopard-Panzer in die TĂŒrkei geschickt und dort kommen sie tatsĂ€chlich auch zum Einsatz?“ oder eben „Wie, Facebook schaltet Werbung?“
Deshalb sage ich: „Danke, Facebook, dass du mal wieder fĂŒr Empörung gesorgt hast!“

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Der Eisenere Vorhang geht weiter durch Deutschland

Im brandenburgischen Landtagswahlkampf 2019 plakatiert die AfD die Parole „Der Osten steht auf!“ Damit auch jeder versteht, was gemeint ist, heißt es ergĂ€nzend: „Wende 2.0“. Es gehe also bei der Wahl in weniger als acht Wochen darum, so die Unterstellung, in der Tradition von 1989 wieder e

Wie ein PrÀsident Selensky relativ erfolgreich sein könnte

Ein Großteil der intellektuellen Elite, politischen Chatcommunity, weltweiten Diaspora und auslĂ€ndischen Freunde der Ukraine ist entsetzt ĂŒber den Ausgang der ukrainischen PrĂ€sidentschaftswahlen. Der Schauspieler, Komiker und GeschĂ€ftsmann Wolodymyr Selensky wird, nachdem er im ersten Wahlgang

August von Hayek: „Der Weg zur Knechtschaft“

Von 1940 – 1943, als der Kampf gegen das Deutschland der Nationalsozialisten noch nicht entschieden war, schrieb August von Hayek im englischen Exil, in das er vor den Nationalsozialisten geflĂŒchtet war, „Der Weg zur Knechtschaft“. Es erschien 1944 in England, dem Land, das Europa innerhalb v

Die Migrations-Politik der EU ist gescheitert

Vortrag von Herr Köppel bei der EKR (Fraktion der EuropĂ€ischen Konservativen und Reformer) im Europaparlament in BrĂŒssel am 17.06.2019, als Beitrag zur Diskussionsrunde „Die EU nach den Wahlen - weniger Europa“. Herr Köppel erlĂ€utert, warum die Schweiz mit der EU bestens zusammenarbeiten wi

Teilen und Herrschen: Frankreich will immer im EU-Poker mitsspielen

Um die Schwierigkeiten zu verstehen, die die Besetzung der sogenannten Topjobs (Kommissions-, EZB- und ParlamentsprĂ€sident, sowie den Hohen Vertreter der EU fĂŒr Außen- und Sicherheitspolitik) in der EU mit sich bringen, lohnt es sich die Mitglieder der EU einzeln nach Gewichtung, Interessen und m

Wie ein schwacher Staat unsere Sicherheit aufs Spiel setzt

Die Bibliothek des Konservatismus Berlin ist eines der kleinen gallischen Dörfer in der rot-dunkelrot-grĂŒnen Hauptstadt des besten Deutschlands, das wir je hatten, von denen Widerstand gegen den Zerfall unseres Landes ausgeht. Am 3. Juli war in der Bibliothek jeder der ĂŒber dreihundert unbequeme

Mobile Sliding Menu