Stillstand durch Technik

von Jörg Friedrich24.09.2014Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Unsere Technik wird immer kleiner, effizienter und optimierter. Die Erwartungen eines Zeitreisenden aus den 1950er-Jahren würde sie dennoch enttäuschen.

Ein großer Elektronik-Konzern stellt ein paar neue Produkte vor und versetzt die Welt in Aufregung. Die Neuerungen werden von den einen euphorisch gefeiert, von den anderen ob ihrer gefährlichen Nebenwirkungen kritisch beäugt. Von allen Seiten aber werden sie eifrig diskutiert, die Nachrichten im Radio berichten darüber, die Zeitungen schreiben an prominenter Stelle, und die Online-Medien sind ohnehin voll von Stellungnahmen, Fotos, Beschreibungen und Kommentaren.

Seit Jahrzehnten feiern wir jede Neuerung als Revolution, die unser Leben dramatisch verändert, manche fürchten sich davor, einige warnen, viele sind schlicht begeistert. Alle wähnen sich in einer völlig neuen Welt, die sich von der, die es noch vor 20 oder 30 Jahren gab, dramatisch unterscheidet.

Aber ist wirklich so vieles umwälzend neu? Stellen wir uns einen Zeitreisenden vor, der aus der Vergangenheit kommt, sagen wir, aus den 1950er-Jahren. Wie schnell würde er in dieser neuen Welt zurechtkommen, was müsste er neu lernen, was könnte er vielleicht, da er mit einem anderen Weltbild aufgewachsen ist, gar nicht verstehen?

Kennt er alles schon

Wir zeigen ihm ein Smartphone, und erklären ihm zunächst, dass er damit von jedem Ort aus telefonieren kann. Telefonieren kennt er. Neu ist, dass er das Telefon immer bei sich trägt, und nicht zum Telefon laufen muss. Aber da er Funkgeräte bereits kennt, wird ihn das nicht sehr überraschen.

Wir erklären ihm, dass das Gerät zugleich auch seine Zeitung ist, und sagen ihm, dass die Zeitungsmeldungen mehrfach täglich aktualisiert werden. Er wird uns sagen, dass Zeitungen zu seiner Zeit auch schon Morgen- und Abendausgaben hatten, manche sogar eine Mittagsausgabe. Wir erklären ihm die Suchmaschinen und verweisen bei der Gelegenheit vielleicht auf ein Tablet, das zudem auch alle Bücher enthält, das ihm die Möglichkeit bietet, von überall Briefe zu schreiben, die den Empfänger in Sekunden erreichen. Der Atlas, um den Weg zum Freund zu finden, ist auch gleich drin.

Möglicherweise ist er ein bisschen beeindruckt. Aber all die Dinge, die wir da anpreisen, kennt er schon: Briefe schreiben, Bücher lesen, Landkarten benutzen. Der Sinn eines Navigationssystems im Auto leuchtet ihm sofort ein, da er schon mit dem Auto in unbekannten Städten unterwegs war. Die Möglichkeit, Kinofilme auf dem Tablet zu sehen, wird ihn vielleicht irritieren, aber er kennt Filme und muss darüber nichts mehr lernen.

Wir leben nicht in revolutionären Zeiten

Ein Zeitreisender aus den 1950er-Jahren würde innerhalb weniger Tage mit den technischen Errungenschaften der Gegenwart zurechtkommen. Das spricht einerseits für die Benutzerfreundlichkeit der Geräte, andererseits zeigt es aber, dass sich keine neue Kulturtechnik in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt hat. Unsere Welt unterscheidet sich in Details von der in der Mitte des 20. Jahrhunderts, aber nicht im Wesen.

Möglicherweise wäre unser Zeitreisender sogar etwas enttäuscht. Wir fliegen im Urlaub nicht auf den Mond, wir haben viele Krankheiten noch nicht ausgerottet, im Gegenteil, einige sind neu dazugekommen, wir haben ein Verkehrsproblem, die Züge sind unpünktlich.

Irritieren würde ihn vermutlich die Anfälligkeit unserer Technik von geringfügigen Störungen. Er würde sich amüsieren über unsere panische Angst, kein Ladegerät dabeizuhaben oder keine Steckdose zu finden.

Wir leben nicht in revolutionären Zeiten, und die Welt ändert sich viel langsamer, als wir es manchmal glauben. Das ist beruhigend. Das heißt auch, dass wir uns mit den Herausforderungen, vor die uns die Technik stellt, ganz in Ruhe beschäftigen können, dass wir Lösungen nicht im Eilverfahren finden müssen, sondern dass wir es uns leisten können, nachzudenken. Und dann Entscheidungen zu finden.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Die AfD ist der Aufstand der Straße gegen die Zumutung des kategorischen Imperativs

Die mangelnde Problemlösungsfähigkeit, die den regierenden Parteien in Umfragen unterstellt wird, scheint mir das eigentliche Problem. Keiner behauptet, die AfD könne die Probleme lösen oder habe die Konzepte dafür; sie ist reine Protestpartei, inhaltlich nichts sagend.

Die DDR kommt wieder!

Zwei Drittel der Berliner befürworten einen Mietendeckel, wenn die Mieten zu stark ansteigen. Das Bundesverfassungsgericht sagt, dass „preisrechtliche Vorschriften, die durch sozialpolitische Ziele legitimiert werden, verfassungsrechtlich nicht ausgeschlossen sind“. Die Mietpreisexplosion in Be

Die AfD verändert die politische Geographie

Am 1. September wird in Brandenburg und Sachsen gewählt. Die ermatteten Volksparteien bekommen ihre Quittung für eine Politik politischer Lethargie. Die AfD pflügt seit Wochen die politische Landschaft um, aber warum hat sie so eine Macht in Ostdeutschland?

Die GroKo versagt in der Migrationspolitik

Die Bilder aus Lesbos sind ein Menetekel: Der „Türkei-Deal“ ist gescheitert. Die Balkanroute ist wieder offen, aber die Regierung verschließt die Augen. Die GroKo versagt auf ganzer Linie, nicht nur in der Migrationspolitik.

Deutschland investiert kaum noch und unsere Infrastruktur wird marode

Die schwarze Null und die Schuldenbremse sind einer der Götzen neoliberaler Politik. Seit einem Jahrzehnt weisen wir auf die verheerende Wirkung dieser Politik hin: unsere Schulen und Straßen sind in schlechtem Zustand, Schwimmbäder und Bibliotheken schließen, Brücken und Bahnhöfe verfallen. D

Auf welchem Stern lebt Peter Altmaier?

Ich frage mich wirklich, auf welchem Stern unser Wirtschaftsminister lebt, um einen solchen Unfug abzusondern. Aber es ist die typische Haltung von Regierenden im Raumschiff Berlin, fernab von der Lebenswirklichkeit, nichts mit den Menschen vor Ort im Sinn, überheblich und unverbesserlich.

Mobile Sliding Menu