Im Umgang mit der Sprache steht der Schriftsteller vor der Aufgabe, eine allgemeine Dirne zu einer Jungfrau zu machen. Karl Kraus

Lokal ist das neue Digital

Wer sich dem Onlineeinkauf widersetzt und beim Laden um die Ecke einkauft, ist weder altmodisch noch anachronistisch, sondern ein Trendsetter.

Zuerst war da die Sache mit dem neuen Fahrradhelm. Ich suchte nach einem Design, das nicht unbedingt eine Sportlichkeit vortäuscht, die nicht gerade zu meinem Business-Outfit passt, mit dem ich täglich durch Münster radle. Gleichzeitig sollte er aber auch nicht öde, grau-schwarz und nur funktional sein. Im Internet fand ich das Gesuchte und auch einen Händler mitten in der Einkaufszone. Also nichts wie hin, ein paar Varianten aufprobiert, mich im Spiegel betrachtet und bezahlt.

Auf dem Rückweg kamen mir kurz Bedenken, ob ich nicht etwas falsch gemacht habe: Steht nicht überall zu lesen, dass das Internet der Tod des stationären Handels sei, weil wir uns alle im Laden die Sachen nur noch ansehen, um sie anschließend im Internet zu bestellen?

Ich will nicht verschweigen, dass der Fahrradladen meiner Wahl in dem Moment, als ich vor seiner Tür stand, gerade Mittagspause hatte. Münster ist eben eher eine gemütliche Stadt, in der auch Geschäfte im Zentrum von 13:00 Uhr bis 15:00 Uhr ihre Türen schließen. Kurz erwog ich, einfach einen Helm im Online-Shop zu bestellen, aber dann wartete ich doch in einem Café, bis der Laden seine Türen wieder öffnete. Schließlich wollte ich wissen, wie ich mit so einem Helm wirklich aussehe und wie er sich anfühlt, bevor ich ihn kaufe.

Bin ich hoffnungslos altmodisch?

Ein paar Tage später. Übers Wochenende hatte sich Besuch angekündigt, die Kinder mit dem Enkelkind. Deshalb brauchten wir einen Kinderstuhl. Schnell waren im Netz die einschlägigen Marken recherchiert. Die Preisdifferenzen waren enorm, Qualitätsunterschiede aber nicht zu erkennen. Also wieder gesucht, wo es in Münster Händler gibt, die Kinderstühle im Sortiment haben. Hingefahren, ein prüfender Blick, ein kontrollierendes Zupacken und die Entscheidung war gefällt. Zugegeben, das Ding war auf dem Gepäckträger etwas sperrig, aber wenn man einmal gesehen hat, dass dieses Produkt etwas taugt, dann nimmt man es doch gleich mit.

Und nun die Sache mit dem Buch. Ich brauchte es dringend, um einen Vortrag vorzubereiten. Also besuchte ich im Internet die Seite einer Buchladen-Kette, die in Münster gleich mit zwei Filialen vertreten ist. Online kann man bei denen ermitteln, ob ein Buch vorrätig ist – und tatsächlich, das gesuchte Werk war in einer Filiale verfügbar. Ich radelte vom Büro in die City – gut, das sind nur fünf Minuten – und kaufte mir das Werk.

Die Frage, die sich mir in Anbetracht dieser Geschehnisse stellt: Bin ich hoffnungslos altmodisch, ein Großvater eben, der nicht erkannt hat, dass das Internet nicht nur zum Suchen, sondern auch zum Kaufen da ist? Oder zeigen die Beispiele einfach, dass es eben fast unmöglich ist, aus aktuellen Trends etwas über das zukünftige Verhalten der Menschen abzuleiten? „Lokal ist das neue Digital“ twitterte jemand, als ich meine Erfahrung in 140 Zeichen kundgetan hatte. Vielleicht stimmt das ja – vielleicht bin ich nicht anachronistisch, sondern ein Trendsetter.

Dafür gehe ich in den Laden.

Online muss nicht das Ende des stationären Handels sein. Sicherlich, es gibt eine Menge von Artikeln, die man einfach im Netz bestellen kann – und es gibt viele Fälle, in denen das der beste und einfachste Weg ist. Der Fall mit dem Buch ist vielleicht wirklich eine Ausnahme – Bücher sind immer gleich. Aussehen und Beschaffenheit überraschen nie. Durch den Besuch der Filiale habe ich einfach einen Tag Warten gespart. Der Fall zeigt aber auch, dass das Internet den stationären Handel unterstützen kann.

Es gibt eben Fälle, bei denen ich die Sache physisch vor mir haben will, wenn ich sie kaufe. Bei denen es auf den sinnlichen Eindruck ankommt, gepaart mit dem kritischen Gespräch mit dem Verkaufspersonal, das mir kein Rücksende-Service eines Versandhändlers ersetzen kann. Kaufen ist ja nicht nur eine Transaktion, sondern ein Ereignis, eine kulturelle Praxis, zu der mehr gehört als Eigentumsübergang gegen Geldzahlung: sich umsehen, reden, anfassen, kritische Blicke, Rückfragen, Zweifel am Verkäufer und am Produkt, weglaufen und wiederkommen, ausprobieren. Dafür gehe ich in den Laden.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Jörg Friedrich: Keine Angst

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