Ernten, was sie säen

von Jörg Friedrich7.07.2013Gesellschaft & Kultur

Wer Sperma spendet, trägt immer Verantwortung. Denn weder Medizin noch Adoptionsrecht können die Biologie überlisten.

Samenspender ist ja schon ein merkwürdiges Wort. Weder ist die Substanz, die den Besitzer wechselt, wirklich ein Samen, noch wird sie gespendet. Sperma enthält zwar männliche Keimzellen – diese als Samen zu ­bezeichnen ist aber zumindest ­irreführend. Denn wie wir heute wissen, enthalten sie nur die Hälfte der Erbinformation, die ein Embryo braucht, um sich zu einem Menschen zu entwickeln. Und von einer Spende erwartet man, dass sie ohne Gegenleistung zu erfolgen hat. Rein aus wohltätigen Gründen. Männer, die ihr Sperma dafür zur Verfügung stellen, dass ihnen völlig­ unbekannte Frauen sich ihren Kinderwunsch erfüllen können, tun dies jedoch gegen Vergütung. Aber „Spermaverkäufer“ klingt natürlich unschön eigennützig.

Ist der „Spermaverkäufer“ ein Vater? Diese Frage ist aus zwei Perspektiven interessant. Einerseits neigen wir immer mehr dazu, die sozialen Eltern – die sich um das Wohl des Kindes über viele Jahre sorgen – gegenüber den biologischen Eltern für wichtiger zu halten. Eltern trennen sich, oft schon vor der Geburt eines Kindes. Sie suchen und finden neue Partner auf unbestimmte Zeit. Es ist für die Kinder gut, dass sie die neuen Partner ihrer Eltern auch als Eltern im Sinne von Bezugspersonen, Vorbildern und Vertrauten sehen.

Dazu kommt, dass homosexuelle Paare für ein Adoptionsrecht kämpfen und wollen, dass sie mit ihren Adoptivkindern als ganz normale Familien angesehen werden. Da ist es nur folgerichtig, dass die Menschen, welche sich ihren Kinderwunsch mit Hilfe der Reproduktionsmedizin erfüllen, auch als ganz gewöhnliche Familien aus Mutter, Vater und Kindern betrachtet werden wollen.

Das starke Band der Herkunft

Mit Hilfe der Spermien der „Samenspender“ wird das biologische Band zwischen Kindern und Eltern immer mehr ins Nebensächliche verdrängt. So glaubt man jedenfalls. Nicht derjenige, dessen Erbinformation zum Entstehen des neuen Lebens­ beigetragen hat, ist für das Aufwachsen und den Lebensweg des Kindes wichtig, sondern die Menschen, die dieses Kind im Alltag begleiten und leiten.

Die andere Perspektive betrifft das Recht des Kindes, seine biologische Herkunft zu erfahren. Man muss sich zunächst erstaunt fragen, woher der Wunsch, den Spermien­-Lieferanten kennen zu lernen, überhaupt kommt. Wenn die Bindung an die sozialen Eltern doch so stark ist, warum will ein junger Mensch dann plötzlich wissen, woher die andere Hälfte seines Chromsomensatzes stammt?

Die Antwort ist indes so schwer nicht zu finden. Gebildet wie wir sind, wissen wir eben, dass wir eine Menge Eigenschaften, die unser Leben bestimmen, von diesem Menschen stammen. Die irrational anmutende Sehnsucht nach diesem fremden­ Vorfahren rührt her vom zunehmenden rationalen Wissen über die Fremdbestimmung des eigenen Schicksals. Ich weiß, dass ein großer Teil meines Selbst ganz unhintergehbar(?) mit meinen so genannten leiblichen ­Eltern verbunden ist. Und um mich selbst zu verstehen, will ich diese Herkunft kennen.

Verantwortung tragen anstatt Bewusstsein klein zu reden

Deshalb wird, bei aller berechtigten Betonung der Bedeutung des sozialen Vaters, die ­Bedeutung des biologischen ­Vaters nie verschwinden. Und es wäre ein Fehler, etwa aus ökonomischen Gründen der Sicherung der Verfügbarkeit ausreichender Spermien, das Recht auf Kenntnis der eigenen Herkunft herunterzuspielen.

Sperma-Lieferanten müssen sich der Tatsache stellen, dass sie das Leben eines Menschen bestimmen. Das muss auch denen klar sein, die stolz die Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin preisen und die Belieferung mit Sperma auf eine rein ökonomische Transaktion zu reduzieren versuchen. Jedes Bestreben, die Bedeutung der biologischen ­Eltern mit Blick auf Adoptionsrecht und Reproduktionsmedizin klein zu reden, schwächt das Bewusstsein für die Verantwortung, die jemand für ein möglicherweise entstehendes Leben trägt – sei es in einer schönen Nacht oder in einem nüchternen Geschäft.

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