Der Ursprung des Humors liegt im Banalen. Helge Schneider

Fürs Leben lernen

Immer mehr Unternehmensmaterialien erobern die Klassenräume. Gut so – denn Kinder müssen viel früher lernen, Quellen kritisch zu beurteilen.

Das Geld in den Schulen ist knapp, und die finanziellen Mittel für neue Unterrichtsmaterialien sind schon seit Jahren begrenzt. Gerade für Lehrmittel, die sich mit aktuellen Themen wie dem Klimawandel, der Zukunft der Mobilität, den Trends der Informations- und Kommunikationstechnologien beschäftigen und deshalb völlig neu entwickelt werden müssen, fehlt das Budget.

In dieser Situation bieten sich Helfer aus der Wirtschaft an, große Konzerne aus der Energieversorgung, Autohersteller und Internetunternehmen preisen ihre offensichtliche Kompetenz, die sie in der Forschung und in der Marktpraxis erworben haben. Sie zeigen sich als verantwortungsbewusste gesellschaftliche Akteure, die ihre Gewinne zum Nutzen der Zukunft der Gemeinschaft einzusetzen wünschen.

Unternehmen sind in der Lage, zu leisten, was der Staat nicht kann: schnell die aktuellen Themen aufzugreifen und in moderner, die jungen Menschen ansprechender Form professionell in Lehrmaterialien umzusetzen, die Kompetenz ihrer fachlichen Experten wird dazu ebenso genutzt wie das Know-how der Marketingabteilungen und die unternehmenseigenen materiellen Ressourcen.

Von Automobilkonzernen über Autos lernen?

An dieser Praxis ist allerdings Kritik laut geworden. Die Kritiker befürchten, dass die Unternehmen in die Unterlagen nicht nur spannendes Wissen und nützliche Informationen hineinschreiben, sondern den Schülern auch klammheimlich und geschickt ihre Werbebotschaften unterjubeln. Vom Automobilkonzern werden die Kinder nicht lernen, wie sie in Zukunft aufs Auto verzichten können, sondern nur erfahren, wie schön es auch morgen noch sein wird, mit dem eigenen Automobil das Land zu erkunden oder zur Arbeit zu gelangen.

Die Befürchtung, dass der Autor und Lieferant eines Werkes nicht uneigennützig ist und ganz bestimmte eigene Interessen verfolgt, die er möglicherweise aber nicht schon im Vorwort des Buchs, das er da bereitstellt, zu erkennen gibt, ist natürlich berechtigt, zumindest ist sie nicht von der Hand zu weisen. Sollte man es deshalb unterlassen, solche Materialien einzusetzen, sollte man alle Unterrichtsmittel nur von unabhängigen Experten erstellen lassen und im Zweifel, wenn diese Experten gar nicht zur Verfügung stehen oder nicht bezahlbar sind, lieber auf das Lehrbuch verzichten?

Im Gegenteil. Wenn junge Menschen in der Schule etwas fürs Leben lernen sollen, dann ist es die kritische Beurteilung der Informationsquellen, aus denen sie ihr Wissen beziehen. Das werden sie ihr ganzes Leben lang tun müssen, damit kann man nicht früh genug beginnen. Die Kritiker des Einsatzes von Lehrmaterialien, die von privaten Unternehmen bereitgestellt werden, vergessen, dass diese den Schülern nicht einfach vorgesetzt werden, sondern dass sie von Lehrerinnen und Lehrern vermittelt werden. Sie sind in dem Moment, wo sie im Unterricht zum Einsatz kommen, nicht mehr Werkzeuge in der Hand des Unternehmens, sondern Mittel zur Bildung und Aufklärung in der Hand der Unterrichtenden.

Zu lernen, den eigenen Verstand zu gebrauchen, um die Welt kritisch beurteilen zu können, das war das Ideal der Aufklärung. Diese Fähigkeit erwerben Schüler nicht, indem ihnen im Klassenzimmer eine heile Welt vorgespielt wird, in der es keine Interessen, keinen Eigennutz, keine Werbung gibt. Zu mündigen Bürgern werden unsere Kinder, wenn sie von Anfang an begreifen lernen, dass jede Informationsquelle zwei Aspekte hat, dass sich oft, nicht nur, wenn sie von Wirtschaftsunternehmen kommen, unter den interessanten und lehrreichen Fakten die Ziele und Interessen der Autoren verbergen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Jörg Friedrich: Keine Angst

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