Kein Anschluss mit dieser Nummer

von Jörg Friedrich17.05.2013Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Die christlichen Kirchen haben die Verbindung zum Alltag der Menschen verloren. Zeit für eine säkulare Variante, die neben Bibeltexten auch mit Schiller, Goethe und Van Gogh punktet – aber keinen Gott mehr braucht.

Sowohl der Glaube an einen Gott und an ein Jenseits als auch die Kirchen als Institutionen sind in eine Krise geraten. Der Glaube an Gott und an ein Jenseits ist dadurch erschüttert, dass die Naturwissenschaften für vieles Erklärungen gefunden haben, was zuvor dem Wirken Gottes zugeschrieben wurde. Aber Auswirkungen dieser Erschütterungen auf die Kirche hätte die Theologie in Grenzen halten können, wenn nicht – vor allem in den letzten paar Jahrzehnten – die Autorität der Kirchen in vielen demokratischen Gesellschaften nachhaltig ins Wanken geraten wäre.

Anschluss an den Alltag verloren

Das liegt vor allem daran, dass die christlichen Kirchen als autoritäre, undemokratische Institutionen erscheinen, die gerade in den Fragen der Moral, für die sie gesellschaftliche Kompetenz beanspruchen, den Anschluss an den Alltag der Menschen und aufgrund der Verfehlungen des eigenen Personals die Legitimation zu einer irgendwie verbindlichen Bewertung ethischer Probleme der Gegenwart verloren haben. Das gilt natürlich für die verschiedenen Kirchen in unterschiedlichem Maße und auf verschiedene Weise, letztlich würde jedoch auch eine vollständige Modernisierung und Demokratisierung den christlichen Kirchen die moralische Autorität nicht zurückgeben, solange diese ihre moralischen Begründungen an den Glauben an einen Gott binden.

Damit droht jedoch auch der Verlust eines großen Teils des kulturellen Selbstverständnisses und der gemeinschaftlichen Traditionen der Menschen in der christlich geprägten Welt, deren Auswirkungen nicht absehbar sind. Über zweitausend Jahre sind die meisten sinn- und gemeinschaftsstiftenden Geschichten, Rituale, Traditionen und Symbole letztlich durch die christliche Religion zusammengeführt und durch die Kirchen bewahrt worden. Welchen Wert dieser kulturelle Fundus für die Stabilität und die Lebensfähigkeit der Gemeinschaft und für die verpflichtende Einbindung der Einzelnen in diese Gemeinschaft hat, ist gar nicht zu ermessen.

Ist eine säkulare Kirche möglich?

Deshalb stellt sich heute drängend die Frage, ob eine Kirche oder eine Religion denkbar ist, die dieses kulturelle Geflecht bewahrt, pflegt und fortentwickelt, jedoch ohne einen Glauben an einen Gott und ein Jenseits auskommt und nicht autoritär-undemokratisch strukturiert ist – eine säkulare Kirche, die eine christlich tradierte Religion pflegt.

Eine solche Kirche wäre gerade keine atheistische Institution, denn sie wäre völlig unabhängig vom Glaubensbekenntnis ihrer Mitglieder. Sie wäre auch kein Dienstleistungsverein, der auf Anfrage Hochzeitsfeiern gestaltet, Beerdigungen einen würdigen Rahmen gibt und Weihnachtsfeiern oder Osterspaziergänge organisiert. Denn der Kern einer Kirche ist die Gemeinde, in der Gemeinschaft gelebt wird, und wenn es der säkularen Gesellschaft um die Erhaltung und Weiterentwicklung von Gemeinschaft geht, dann heißt das, dass eine säkulare Kirche, anknüpfend an das christliche Kulturgut, die Pflege von Gemeinschaftlichkeit in den Mittelpunkt ihres Wirkens stellt.

Um der Schaffung und Erhaltung von Gemeinschaft willen würde sie sich der christlichen Rituale, Traditionen und Texte, möglicherweise auch der Symbole annehmen, so wie es im Alltag schon heute ansatzweise in der säkularen Gesellschaft geschieht. Für viele Menschen ist die Adventszeit weit mehr als das „Warten auf den Weihnachtsmann“, sie ist Zeit des Zusammenfindens mit anderen Menschen, Freunden und Verwandten, und die Fastenzeit nutzen immer mehr Menschen, um die Erfahrung des bewussten Verzichts zu machen.

Die Bibel, Schillers Gedichte und Van Goghs Gemälde

Viele Geschichten der Bibel, vor allem des Neuen Testaments, sind in den Fundus der gesellschaftlichen Verständigung über moralische Normen eingegangen, man denke nur an den Satz „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“. Eine säkulare Kirche hätte allerdings über die christlichen Texte hinaus einen weit größeren Schatz von Texten und Kunstwerken, Schillers Gedichte gehören ebenso dazu wie Shakespeares Dramen und Van Goghs Gemälde.

Aber könnte eine solche Kirche existieren, ohne sich in autoritären Herrschaftsstrukturen zu organisieren? Selbst in dieser Frage kann sich die säkulare Kirche auf die Erfahrungen des Christentums zurückbesinnen. Von der Urgemeinde an hat es gerade im Christentum immer wieder Organisationsformen gegeben, die es schafften, das Gemeinschaftliche stark zu machen und Hierarchien zu vermeiden. Gleichzeitig zeigt das Fehlschlagen und Erstarren dieser Versuche auch immer wieder, wie gefährdet Gemeinschaften sind.

Die Gemeinde ist, im Gegensatz zum Staat, zu politischen oder wirtschaftlichen Organisationen oder Interessensverbänden, dazu da, das Moralische der Gemeinschaft zu bestimmen, auszuhandeln, was moralisch geboten ist, was als das Gute gilt, und was sanktioniert werden soll, weil es als schlecht oder böse gilt. In der Gemeinde spricht das Gewissen der Mitglieder, und eine säkulare Kirche wäre der Ort, wo dieses Gewissen zur Sprache kommen kann, durch Rituale und Symbole, die dem Gewissen sozusagen die Zunge lösen, und wo durch den offenen Austausch moralische Verbindlichkeit geschaffen wird.

So erlebt auch jedes Mitglied seinen eigenen unveräußerlichen Wert in der Gemeinde, und das ist es letztlich auch, was über den Einzelnen, seine begrenzten Kräfte und sein endliches Leben hinausweist. In einer säkularen Kirche braucht der Einzelne keinen Gott und kein Jenseits, weil es die Gemeinschaft selbst ist, die er mitgestaltet und in der er damit letztlich sein Ende überdauert.

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