Eine unendliche Geschichte

von Jörg Friedrich5.05.2013Innenpolitik

Seit Jahrzehnten tobt das politische Possenspiel um ein Endlager für Atommüll. Dabei ist es eigentlich logisch, dass es so etwas wie ein Endlager nicht geben kann.

Seit Jahrzehnten wird in Deutschland nach einem Platz für ein sogenanntes „Endlager“ für die radioaktiven Abfälle aus Kernkraftwerken gesucht, erfolglos. Nun wird ein weiterer Anlauf unternommen, man will sich Zeit lassen, man will alle Optionen prüfen. Doch es wäre klüger, sich endlich einzugestehen, dass ein Endlager eine Fiktion ist, eine fixe Idee, etwas, das nur in Träumen oder Gesetzblättern erscheinen kann, aber niemals Wirklichkeit wird.

Was müsste geschehen, damit irgendein Ort, wo auch immer er wäre und wie auch immer er entstanden sei, als ein Endlager gelten könnte, und als ein solches auch allseits, von der Politik und der Zivilgesellschaft gleichermaßen, akzeptiert werden würde? Es müsste Konsens darüber bestehen, dass der an diesem Ort eingelagerte Atommüll in den nächsten paar Zehntausend Jahren nicht mit der Biosphäre in Kontakt kommt. Das bedeutet zunächst, dass Gewissheit darüber bestehen müsste, was in dieser Zeit geologisch und klimatisch so alles passieren kann.

Seriöse Prognose: unmöglich

Ein Rückblick auf den vergleichbaren Zeitraum in der Vergangenheit der Erdgeschichte zeigt, dass es sich dabei etwa um mehrere fast vollständige Vergletscherungen Mitteleuropas – sprich Eiszeiten – handeln kann, vielleicht aber auch um etwas ganz anderes. Wir müssten wissen, welche Dynamik das Erdinnere entwickeln kann, welche Meteoriteneinschläge was für Folgen haben könnten usw. Der Blick zurück kann uns da nur eine Vorstellung davon vermitteln, mit welcher Variabilität zu rechnen wäre, seriös zu prognostizieren, was wirklich passiert, liegt jenseits aller Möglichkeiten der Wissenschaften, auch derer, die demnächst zu erwarten sind.

Aber auch die Menschheit selbst dürfte sich schon in ein paar Jahrhunderten gewaltig von dem unterscheiden, was uns heute selbstverständlich ist. Auch da hilft ein Blick zurück: In den Zeiträumen, von denen wir sprechen, hat sich, in die Vergangenheit zurückgespiegelt, all das, was den modernen Menschen auszeichnet, überhaupt erst ausgebildet. Wie sich die Menschheit in dem Zeitraum weiterentwickelt, den wir für die sogenannte Endlagerung in den Blick nehmen, ist vollständig ungewiss, es mag sein, unsere Nachfahren verteufeln uns in ein paar Hundert Jahren schon dafür, dass wir diese kostbaren Rohstoffe im Salz versteckt haben, die ihnen dann vielleicht das Weiterleben ermöglichen würden.

Irgendwie liegt der ganzen Endlageridee doch die Idee zugrunde, dass im Wesentlichen alles so bleibt, wie es ist: Die Erde bleibt im Wesentlichen die gleiche, und die Menschen werden sich auch nicht mehr sehr ändern. Wir wissen zwar nicht, was für unsere eigenen Kinder gut ist, aber für die paar Hundert Generationen danach finden wir eine endgültige gute Lösung für die Lagerung dessen, was wir heute als Atommüll bezeichnen. Zwar tauchen hier und da auch Szenarien auf, die sich eine Menschheit vorstellen, die unsere Zeichen nicht mehr versteht, aber das hat nur die Idee zur Folge, den Müll noch sicherer, endgültiger und unauffindbarer zu verstecken – was aber, wie gesagt, ein Ding der Unmöglichkeit sein dürfte.

Der Müll muss sichtbar bleiben

Was wäre die Alternative? Was soll man mit dem Müll machen, wenn man ihn nicht unsichtbar und unauffindbar und dazu noch völlig ungefährlich machen kann? Die Antwort ist relativ einfach: Am besten nichts. Er ruht heute, gut beobachtet und im Verständnis gegenwärtiger Wissenschaft sicher verwahrt, in CASTORen. Da sollte er bleiben, gut sichtbar, bewacht und ausgeschildert. Jeder weiß: Da liegt unser gefährlichster Müll, unser unerfreulichster Nachlass für kommende Generationen. Und denen sagen wir: Tut uns leid, aber das ist eine Erbschaft, die ihr antreten müsst. Wir haben sie, so gut wir konnten, bewacht, nun seid ihr dran. Vielleicht fällt euch etwas ein, was ihr damit anfangen könnt, sonst passt einfach darauf auf, und gebt sie wieder weiter.

Verglichen mit den Generationen vor uns, die uns ohne schlechtes Gewissen ihren Müll und ihre Gifte und zerstörte Umwelt hinterlassen haben, ist das schon verantwortungsvoll gegenüber unseren Nachkommen. Hinzu kommt, wir könnten viele Ressourcen, sowohl intellektuelle als auch materielle, wie auch Kraft für gesellschaftliche Auseinandersetzungen, sparen, um sie für andere große Probleme der Gegenwart einzusetzen.

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