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Susi im Aufsichtsrat

Neuer #aufschrei, diesmal absurd. Eine Karikatur in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung offenbart: Wer für Ideale kämpft, versteht keinen Spaß. Gar keinen.

Ein paar Wochen ist es her, dass unter dem Stichwort #aufschrei eine Empörungswelle durch die sozialen Netzwerke des Internets brandete, die, sich selbst durch Wiederholung und Empörung aus zweiter Hand verstärkend, alles brandmarkte, was die Internet-Aktivisten als Sexismus zu erkennen meinten.

Die Klärung solcher Begriffe erfolgt dabei nicht durch Reflexion oder Argumentation, sondern sozusagen per Akklamation: Sexistisch ist dann, was ich erfolgreich in der Welt des „Gefällt mir“, des „Favorisierens“ und „Teilens“ als sexistisch bezeichnen kann. Der ersten Aufschrei-Welle sind viele kleine weitere gefolgt, so wie Nachbeben, von denen man nicht weiß, ob sie schon wieder die Vorboten der nächsten ganz großen Erschütterung sind.

Die jüngste wurde an diesem Wochenende durch eine Karikatur in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ ausgelöst, auf der eine junge, großbusige Frau im Kreise älterer, einfältig blickender männlicher Anzugträger zu sehen war. Das Ganze sollte die Führungsmannschaft in einem offenbar alteingesessenen Unternehmen darstellen, auf der die junge Frau überraschende Vorschläge zur Zukunft der Firma machte, der Untertitel dazu: „Dank Quote: Susi kommt in den Aufsichtsrat“.

Bei Sexismus verbietet sich jeder Spott

Per Foto gelangte die Zeichnung umgehend in den Twitterverteiler, und von dort nach Facebook. Die Empörungsaktivistinnen und Diskriminierungsbrandmarker waren sich einig: das ist Sexismus pur.

Dass Karikatur einen Sachverhalt so zuspitzt und übertreibt, dass sich zumindest den reflektierenden Betrachtern seine Absurdität humorvoll erschließen kann. Dass Ironie die Möglichkeit bietet, gemeinsam über eigene und fremde Vorurteile zu lachen und damit einen Ansatz zur Auflösung eben dieser Vorurteile zu finden, ist diesen eifrigen Anprangerern vermutlich bislang verschlossen geblieben. Sexismus, so muss man vermuten, ist in ihren Augen eine so ernste Sache, da verbietet sich jeder Spott, jede Ironie, jedes Lachen.

Und das ist leider auch wenig überraschend. Wer einen Gegner hat und ihn bekämpft, der kann Zwischentöne, Vielschichtigkeit und Widersprüchliches, wie sie durch intelligente Karikaturen und gutes Kabarett gezeigt werden, nicht gebrauchen. Die Vieldeutigkeit der Welt, die im Humor zwar nicht verstanden aber wenigstens akzeptiert werden kann, stört in der Zuspitzung der Freund-Feind-Unterscheidung nur.

Deshalb ist das Ironieverständnis idealistischer Rechteerkämpfer überall auf der Welt begrenzt. Wer für Ideale kämpft, versteht keinen Spaß. Die ernsten Mienen der Vorkämpfer zeigen an, dass es von nun an nicht mehr um die Menschen geht, sondern um „die Sache“. Da hört der Spaß auf.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Jörg Friedrich: Keine Angst

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