Zu Risiken im Militärischen ist Deutschland bereit, zu Abenteuern nicht. Gerhard Schröder

Nachsitzen!

Trotz immer größerer Verfügbarkeit von Wissen verstehen wir die einfachsten Dinge nicht. Und je komplexer die Welt erscheint, desto gefährlicher sind die Nebenwirkungen.

Die Kälte der vergangenen Wochen hat in manchem Alltagsgespräch schon die Frage aufgeworfen, ob der Frost uns eigentlich noch lange, vielleicht sogar bis in den Mai oder Juni erhalten bleiben kann. Muss es im Verlauf des Frühlings eigentlich zwingend irgendwann einmal warm werden? Und überhaupt: Warum ist es eigentlich im Sommer wärmer als im Winter? Falls Sie auf diese Frage mit der (falschen) Vermutung antworten, dass die Erde im Sommer dichter an der Sonne ist als im Winter, dann sind Sie damit nicht allein. Den meisten ist schnell plausibel, dass das auch nicht stimmen kann, weil ja auf der Südhalbkugel der Erde Winter ist, wenn wir Sommer haben.

Der Alltag ist nicht spektakulär genug

Die richtige Erklärung, dass die Rotationsachse unseres Heimatplaneten gegen die Ebene, in der seine Bahn um die Sonne liegt, geneigt ist, klingt abstrakt, aber mit einem Apfel und einer Lampe lässt sich der Effekt schnell illustrieren und verständlich machen. Sie können auch in einer Internet-Suchmaschine die Wörter „geneigte Erdachse“ eingeben und finden dort schöne Bilder, die den Vorgang der Entstehung der Jahreszeiten illustrieren. Manch einer hat auch einen Globus zu Hause, bei denen ist die Achse heutzutage auch geneigt, und dass ist nicht etwa der Fall, damit wir Mitteleuropa bequemer betrachten können, sondern eben um die Bedeutung dieser Neigung für unseren Alltag unübersehbar zu machen.

Erstaunlich ist jedoch, dass dieser wichtige und letztlich recht einfach zu veranschaulichende Zusammenhang offenbar recht vielen Menschen nicht bekannt ist. Wir leben mit einer Flut von populärwissenschaftlichen Büchern, Zeitungsartikeln und Fernsehsendungen, die vorgeben, uns alles Mögliche zu erklären. Wir können auf dieser Basis über die ersten paar Hunderttausend Jahre des Universums ebenso mitreden wie über die Frage, warum es trotz Klimawandel und globaler Erwärmung in diesem Jahr so lange kalt ist – oder ob vielleicht sogar dieser Klimawandel dafür verantwortlich ist. Aber für viele Alltagsdinge haben wir keine Erklärung, und, was noch verblüffender ist, wir suchen auch keine.

Der Alltag ist vielleicht nicht spektakulär genug, um es in die wissenschaftlichen Unterhaltungsshows zu schaffen. Da muss es um die großen Fragen gehen, wie das Universum entstand etwa, oder, was passiert, wenn Elementarteilchen mit hoher Energie zusammenprallen. Darüber werden die großen Geschichten erzählt, die uns schließlich in dem Glauben bestärken, „wir“ könnten alles irgendwie erklären und „wir“ wären auch grundsätzlich in der Lage, alles in den Griff zu bekommen, auch die Gefahren, die unser unbedachtes eigenes Handeln erst heraufbeschworen haben.

Aber wer ist dieses „Wir“, das die Natur versteht und die Probleme löst? Genau besehen, ist es eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern und Ingenieuren, auf die wir anderen unsere Hoffnungen setzen, an deren Fähigkeiten wir schließlich schlicht glauben. Und die Kluft zwischen ihnen und uns wird immer größer, je spektakulärer und unglaublicher ihre Geschichten vom Universum und von den Elementarteilchen, von Klimasystemsimulationen und Neuprogrammierungen von Stammzellen werden, wo wir auf der anderen Seite nicht einmal wissen, warum es im Sommer – manchmal und hoffentlich – wärmer ist als im Winter.

Zweifel kann destruktiv sein

Aber wo die Wissenskluft immer schwerer zu überbrücken ist, da entsteht Raum für Zweifel, und dieser ist nicht der begründete, produktive Zweifel, sondern der destruktive Zweifel, der durch die einfache Frage eines Freundes ausgelöst werden kann: „Hast du das wirklich verstanden?“ Wer weiß denn, was ein „Jetstream“ ist, dessen Verlagerung zurzeit als „Erklärung“ für den Zusammenhang von Klimawandel und kaltem März genannt wird? So entsteht in der Kluft zwischen den großen Geschichten der Wissenschaften und den kleinen Unverständlichkeiten des Alltags der Raum für Klimawandelleugner und esoterische Heiler. Mehr naturwissenschaftliche Allgemeinbildung, Wissen über das, was wir täglich beobachten, statt spektakulärer Geschichten über weit entfernte Geschehnisse, wäre notwendig, um diese Kluft zu überbrücken.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Jörg Friedrich: Keine Angst

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