Wir müssen so etwas wie eine Fehlerkultur entwickeln. Thomas de Maizière

Schicksalsfrage

Die Begriffe mögen aus der Mode gekommen sein, aber ein Nachdenken über Schicksal und Bestimmung täte unserem Kontinent gut.

Es gibt Wörter, die kommen im Laufe der Zeit aus der Mode. Die Wörter „Schicksal“ und „Bestimmung“ gehören dazu. Sie klingen heute eher wie eine ferne Drohung aus der Vergangenheit, wie aus einem Märchen, das uns früher Angst gemacht hat, und bei dessen Wiederlesen eine Furcht uns noch sachte anweht. Sie haben einen pathetischen Klang, und das macht sie in einer unpathetischen Zeit suspekt.

Andererseits benutzen wir diese Wörter, wenn auch mit einem beiläufigen Unterton, im alltäglichen Gespräch. Wir sprechen von „schicksalhaften Begegnungen“ und „Schicksalsschlägen“, aber auch davon, dass man zu diesem oder jenem „nicht bestimmt“ ist.

Europa als Schicksal akzeptieren

Vielleicht sollte man solche Formulierungen ein wenig ernster nehmen, vielleicht ist Schicksal mehr als Zufall und Bestimmung mehr als Talent? Man weiß, dass Menschen aus ihrem Glauben an die Macht des Schicksals und die Zwangsläufigkeit ihrer Bestimmung große Kraft für ihre Handlungen gezogen haben. Wenn heute jemand sagt, Europa sei unser Schicksal oder die europäische Einigung sei unsere Bestimmung, dann wird er eher belächelt und macht sich verdächtig, ein eifernder irrationaler Mensch zu sein, der den Sinn für Realitäten gegen blinden Aktionismus tauschen will. Es kann aber sein, dass es unserer gemeinsamen Zukunft in Europa gut tun würde, wenn wir Europa als Schicksal akzeptieren und die Einigung als Bestimmung annehmen würden.

Was heißt denn Schicksal? Bedeutet das Wort mehr als die Tatsache, dass eine Person oder eine Gemeinschaft die Bedingungen ihrer Existenz nicht vollständig frei definieren kann, dass ihr Erfolg auch von Gegebenheiten abhängt, die es nicht beliebig beeinflussen und gestalten kann, und dass solche Gegebenheiten durchaus wesentlichen Einfluss auf den Lauf der Dinge haben? Europa ist unser Schicksal – das wäre dann nicht mehr als die simple triviale Aussage, dass wir uns eben in Europa befinden und sowohl die geografischen als auch die politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten nicht ignorieren können. Aber das ist nicht alles, was das Wort Schicksal meint. Darin steckt ja auch, dass der Sinn unserer Existenz sich auf diese Gegebenheiten bezieht, dass Entscheidungen bewusst auf diese Gegebenheiten Bezug nehmen und dass die Person oder die Gemeinschaft, indem sie etwas als Schicksal kennzeichnet, die eigene Existenz aus diesem Schicksal heraus verstehen und darin einordnen will oder sogar muss.

Wer vom Schicksal spricht, der meint auch, dass man diese Gegebenheiten als gut und sinnvoll annehmen muss. Europa als Schicksal heißt eben auch, dass das Handeln ohne Bezug auf Europa nicht sinnvoll ist. Hier ist auch der Zusammenhang mit der Bestimmung zu sehen. Denn während sich das Schicksal auf die Vergangenheit und die gegenwärtige Situation bezieht, richtet sich die Bestimmung in die Zukunft. Wer sagt, dass er zu etwas bestimmt ist, der meint, dass aus dem Schicksal heraus eine Aufgabe entsteht, und dass er meint, diese Aufgabe lösen zu können. Und aus beidem entsteht das Gefühl eines Zwangs, diese Aufgabe auch anzugehen.

Das alles klingt wirklich wie aus einer anderen Zeit. Sind wir nicht frei, uns über unsere Bedingungen hinwegzusetzen, das, was hier als Schicksal bezeichnet wird, zu ignorieren oder zu unterdrücken, und uns unsere Aufgaben ganz ohne Zwang selbst zu suchen? Wer sollte es heute noch wagen, den Menschen in einer freien Gesellschaft etwas vom Schicksal und von einer Bestimmung zu erzählen, die sie in ihre Aufgaben zwingt?

Aus Schicksal erwächst Verpflichtung

Tatsächlich ergibt sich ja beim Reden von Aufgaben und vom Zwang die Frage, wer die Aufgabe stellt, wer den Zwang ausübt. Der Unterschied zu früheren Zeiten besteht tatsächlich darin, dass es keine äußere Macht gibt, die uns mit der Berufung auf Schicksal und Bestimmung auf irgendwelche Aufgaben festlegen könnte. Deshalb fehlt hier auch ganz bewusst das Wort „Vorsehung“. Wenn es Schicksal heute gibt, dann erwächst es paradoxerweise aus der freien Erkenntnis und Annahme durch den einzelnen Menschen, der die Aufgaben, die daraus entstehen, als seine Bestimmung akzeptiert. Nicht der moralische Druck der Gesellschaft ist der Zwang, der mich in die Aufgaben zwingt, sondern die Kraft des Gewissens.

Fragwürdig wird dann allerdings das Reden vom Schicksal einer Gemeinschaft, oder von der Bestimmung, die eine Gruppe von Menschen, gar die Bevölkerung eines ganzen Kontinents hätte. Vielleicht könnte man sagen, dass die Europäer eint, dass sie Europa als Schicksal empfinden, wenn sie die Geschichte der vergangenen Jahrzehnte sehen. Daraus können Einzelne, letztlich jeder einzelne Bürger, für sich eine Bestimmung ableiten, etwas für die europäische Einigung zu tun. Wir können eine Debatte führen, ob wir gemeinsam aus der schicksalhaften Verbindung mit Europa eine gemeinsame Verpflichtung ableiten können. Das müssen aber auch nicht alle Europäer akzeptieren, denn Freiheit ist ebenso unser Schicksal wie Europa.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Jörg Friedrich: Keine Angst

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