Wer treibt das, was uns treibt?

von Jörg Friedrich3.03.2013Gesellschaft & Kultur

Der technische Fortschritt ist nicht das Ergebnis einer Eigendynamik. Wir sollten uns deshalb nicht nur fragen, wohin er treibt, sondern vor allem, was ihn treibt.

Die Diskussion über die Wechselwirkungen zwischen den Internettechnologien auf der einen und den Kenntnissen und Handlungsimpulsen der Menschen auf der anderen Seite wird von der These dominiert, dass das Internet unser Denken und Handeln in dramatischer Weise verändern würde. In diesem Bild „entwickeln sich“ die Technologien in rasantem Tempo in eine bestimmte Richtung und die Menschen müssen als Betroffene auf diese Entwicklung reagieren, im Wesentlichen mit Anpassung, in einem kleinen Umfang mit Reflexion oder Reaktion, die einen gewissen steuernden Eingriff in die technische Entwicklung erlaubt. Auch dieser steuernde Eingriff ist jedoch noch vom Bild des selbstständig vorwärts treibenden Fortschritts geprägt, der Mensch treibt nicht den Fortschritt, sondern er ist ein Getriebener, der sich allenfalls ins Ruder werfen und ins Zeug legen kann, um die vorgegebene Richtung ein wenig zu korrigieren.

Materialistische Weltsicht

Diesem Bild liegt eine zutiefst materialistische Weltsicht zugrunde, es verweist darauf, dass mehr als anderthalb Jahrhunderte Marxismus tiefe Spuren im Gesellschaftsverständnis der westlichen Welt hinterlassen haben. In diesem Bild bestimmen die „Produktivkräfte“ die „Produktionsverhältnisse“; Technologien, technische Infrastrukturen und vernetzte Rechenzentren bilden die „Basis“, die einen kulturellen „Überbau“, letztlich also auch unser Denken und Handeln, weitgehend bestimmt.

Es ist unbestritten, dass die Art, wie wir konkret im Alltag kommunizieren und uns Informationen für Handlungsentscheidungen beschaffen, von den Werkzeugen abhängt, die dafür zur Verfügung stehen. Wo ich ein Lexikon in Reichweite habe, während der Computer gerade ausgeschaltet ist, greife ich zum Buch, wenn ich wissen möchte, was „Attitüde“ heißt, während jemand, dem das Smartphone näher ist als das Buch, eine Suchmaschine im Web befragt. Das erklärt jedoch nicht, warum es Suchmaschinen, soziale Netzwerke, E-Mails und Online-Lexika überhaupt gibt.

Gerade wenn man beabsichtigt, aktuelle Entwicklungen in der Kommunikation und Kooperation von Menschen kritisch zu analysieren, ist es aber sinnvoll, nicht nur zu fragen, wohin der technische Fortschritt treibt, sondern wovon er selbst getrieben wird. Das, was uns als technische Vernetzung begegnet, ist ja nicht zufällig, oder in naturgesetzlich notwendigem Selbstlauf so entstanden, sondern es entspringt einem menschlichen Wünschen und Handeln. Nicht auf Basis einer naturgesetzlich entstandenen technischen Vernetzung ist eine vernetzte Kultur und eine vernetzte Vernunft entstanden, sondern umgekehrt, das Streben der Menschen nach Möglichkeiten der Vernetzung in Informationsbeschaffung und Handlungskoordination führte zur Entwicklung sozialer und schließlich technischer Netze. Die vernetzte Vernunft, die schon lange vor den Kommunikations-, Verkehrs-, und Rechnernetzen gewachsen war, forderte und schuf sich ihre technischen Netze in der Ausprägung, wie sie uns heute begegnen.

Second Life: Gefürchtet und untergegangen

Dass es weniger die Menschen, die Technik-Benutzer an den Endgeräten der Computernetze, sind, die getrieben werden, sondern dass sie eher die – wenn auch Unbewussten – Treiber der Entwicklung sind, zeigt sich, wenn man die vielen Netzprojekte betrachtet, die einmal unter großer Anteilnahme gestartet, heute aber fast in Vergessenheit geraten sind oder nur noch ein Schattendasein fristen. Vor rund fünf Jahren etwa erlebte „Second Life“ seinen großen Höhepunkt, begleitet von enormer öffentlicher Aufmerksamkeit. Die Sorge, wie diese „virtuelle Welt“ das Denken und Handeln einer ganzen Generation prägen würde, war gewaltig. Heute spricht kaum noch jemand über diese Scheinwelt, sie fristet, bildlich gesprochen, ein Schattendasein.

Second Life ist vielleicht das prominenteste, aber längst nicht das einzige Beispiel für eine technische Vernetzungs-Idee, die zunächst das Interesse der Benutzer auf sich gezogen hat, dann jedoch wieder verlassen wurde, weil sie kein echtes, stabiles Bedürfnis befriedigte. Die Nutzer beginnen sich zuerst zu langweilen, dann ziehen sie weiter. Aber auch erfolgreiche Netze sind von der leicht flüchtigen Gunst ihrer Mitglieder abhängig – wenn denen eine neue Funktion nicht passt oder wenn sie an einem anderen Ort besser versorgt werden, ziehen sie schnell weiter. Dass große soziale Netzwerke trotzdem Eigenschaften haben, die in den Augen einer kritischen Öffentlichkeit den „Interessen der Nutzer“ widersprechen, steht dazu nicht im Widerspruch, es zeigt nur, dass das, was diese Öffentlichkeit für die „Interessen“ der Benutzer hält, nichts damit zu tun haben muss, was diese für wichtig und wirklich wünschenswert halten.

Das, was entsteht, ist nicht Ergebnis einer Eigendynamik eines technischen Systems, es ist das, was die Kultur schon lange fordert und immer stärker verlangt, je mehr es geboten wird. Einfache soziale Beziehungen, in denen der andere auf eine Rolle reduziert ist und die man genauso zügig beginnen wie beenden kann. Zustimmung per simpler Geste. Informationsschnipsel – Infos – bei Bedarf und sicher auf Abruf. Dies alles ist schon lang in unserer Kultur angelegt und ist seit Langem unter der Oberfläche gereift. Die sozialen Netze des Internets machen es allenfalls explizit, unübersehbar. Es ist nicht mehr, als wenn ein offenes Geheimnis ausgesprochen wird.

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