Das Geschwätz von gestern

von Jörg Friedrich6.01.2013Gesellschaft & Kultur

Für uns Zeitgenossen ist es alltägliches Geschwätz, für unsere Nachfahren ist es Geschichte. Können wir kommenden Generationen noch als Ideal dienen, wenn wir jede Verfehlung festgeschrieben halten?

Wenn unsere Gegenwart Vergangenheit geworden sein wird, dann wird unser heutiger Alltag, der dann weit zurückliegt, kein Geheimnis mehr sein. Das wird einen größeren Unterschied für das Selbstverständnis der Gesellschaft machen als die Geheimnislosigkeit der Gegenwart, die wir jetzt schon erleben. Die Tatsache, dass die Geheimnisse des Alltags heute medial aufgezeichnet werden, das heißt, dass sie in Schrift und Bild tatsächlich auf Dauer gestellt, also buchstäblich festgehalten werden, ist für die Gegenwart noch nahezu unerheblich. Jedes heute in der Zeitung, im Fernsehen oder im Internet verbreitete Wort über die alltäglichen Ereignisse bei diesem und jenem Menschen ist in der Gegenwart nicht mehr als Geschwätz, ein allgemeines Rauschen, wie das Gehörte und Weitererzählte im Dorf, in der Nachbarschaft, am Stammtisch. Auch in früheren Zeiten hatte das Gerede seine Dauer, und es wurde nicht vergessen, solange die Beteiligten noch im Alltag zusammentrafen.

Lügen und Seitensprünge für sich behalten

Das wirklich Neue entsteht erst dadurch, dass in Zukunft der Alltag der Vorfahren nicht mehr mit dem nachsichtigen Schleier des Vergessens überdeckt werden wird. Was das bedeuten kann, erleben wir bereits heute ansatzweise am Beispiel derer, die schon vor Jahrzehnten Gegenstand des Medieninteresses waren. Der ausschweifende Lebenswandel der Prominenten und die mangelnde Rationalität der Politiker sind uns spätestens seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts aus der Presse bekannt. Aber über den Alltag unserer durchschnittlichen Vorfahren wissen wir praktisch nichts. Zwar gibt es eine Reihe von wissenschaftlichen Untersuchungen zu solchen Fragen, aber die sind für die alltägliche Vorstellung, die wir uns wiederum vom Alltag der Menschen vor rund einhundert Jahren machen, praktisch nicht relevant.

Das führt dazu, dass wir uns unsere Vorfahren vor allem in moralischen Fragen als Vorbilder konstruieren können. So ist etwa die Vorstellung verbreitet, dass Ehrlichkeit oder lebenslange Treue in früheren Zeiten Selbstverständlichkeiten waren. Bei genauerem Hinsehen müssen wir eingestehen, dass wir über diese Fragen schlicht nicht viel wissen. Durchaus vorstellbar ist, dass unsere Urgroßeltern ihre Lügen und Seitensprünge schlicht für sich behalten haben, und selbst, wenn eine Liaison zum Stadtgespräch wurde, schaffte sie es nicht in die Zeitungen, von denen es nur wenige gab und die nicht um Skandale und Geschichten miteinander konkurrieren mussten. Spätestens mit dem Tod sind alle moralischen Verfehlungen der Menschen allmählich in Vergessenheit geraten.

Jedes Geschwätz für alle Zeiten verfügbar

Und das war gut so. Auf diese Weise bezog jede bisherige Gegenwart ihre moralischen Grundsätze aus der Vergangenheit – und vor allem die Überzeugung, dass eine Gesellschaft mit einer besseren Moral als der gegenwärtigen möglich ist, dass es sich also lohnen könnte, etwas für die Einhaltung moralischer Normen zu tun. Diese Illusion werden sich zukünftige Generationen nicht mehr machen können, denn sie werden nicht nur ihre eigenen kleinen und großen Verfehlungen im Alltag jederzeit medial präsent haben, sondern auch die vergangenen. Unsere heutige Neigung, nicht nur zu schwätzen, sondern jedes Geschwätz auch für alle Zeiten verfügbar zu machen, macht es unseren Nachfahren unmöglich, ein vergangenes moralisches Ideal als Vorbild für sich selbst zu konstruieren. Man mag das ehrlich nennen, eben die Wahrheit. Aber ob die Wahrheit für die Etablierung moralischer Normen immer der beste Maßstab ist, kann zumindest bezweifelt werden.

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