Der tägliche Weltuntergang

von Jörg Friedrich23.12.2012Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Auch heute dreht sich die Erde noch und die Menschheit lebt weiter. Hatten die Maya also unrecht? Das kommt ganz auf den Blickwinkel des Betrachters an.

Es wurde viel gelacht in den vergangenen Wochen, über Leute, die glaubten, mit dem Ende des Maya-Kalenders würde die Welt untergehen. Zwar ist mir niemand begegnet, der tatsächlich geglaubt hätte, dass am vergangenen Freitag irgendetwas passieren würde, was als Ende der Welt verstanden werden könnte, aber viele waren sicher, dass es solche „Esoteriker“ gäbe, und dass man sie verspotten sollte, darüber war man sich einig.

Wissenschaftler haben darüber aufgeklärt, dass auch die Maya keineswegs für den Tag, den wir inzwischen mit dem 21.12.2012 bezeichnen, eine Katastrophe erwartet hätten. Dabei wurde allerdings übersehen, dass die Welt der Maya längst untergegangen ist. Warum auch immer die hochzivilisierten Bewohner auf dem Gebiet des heutigen Mexiko einen Kalender entwarfen, der nach einer endlichen Zeit wieder bei seinem Ursprung ankommt – sie haben diesen Tag selbst nicht erlebt. Sie haben ihren endlichen oder zirkulären Kalender in jedem Fall viel zu großzügig bemessen.

Der tägliche Weltuntergang

Als vor gut 2.000 Jahren in Europa ein unendlich lange funktionierender Kalender entstand, da glaubten die meisten Menschen noch nicht an die Endlosigkeit ihrer Welt, im Gegenteil, es entstand gerade eine neue Religion, in deren Büchern von einer Apokalypse und einem Jüngsten Gericht die Rede war. Aber die Kalenderkonstruktion der Römer, schon basierend auf dem frühen wissenschaftlichen Denken der Griechen, ist bereits etwas wie ein Vorausscheinen unseres modernen Verständnisses von Welt, in der diese keine Grenzen hat und letztlich für die Vernunft zumeist mit dem Universum zusammenfällt. Uns heutigen, modernen Menschen ist der endlose Kalender eine Selbstverständlichkeit, wir glauben an das Immer-Weiter und legen unseren Weltuntergang mit dem Ende des Universums zusammen.

Aber was ist eine Welt, und was ist ein Weltuntergang? Man könnte fast sagen, wir sehen täglich Welten untergehen. In Kamp-Lintfort, wo just am 21.12.2012 das letzte Mal nach 100 Jahren Bergbau Kohle aus der Erde geholt wurde, wird man beim Stichwort Weltuntergang in den letzten Tagen wenig gelacht haben. Welt, das ist vor allem vertraute Umgebung, in der man sich selbstverständlich zurechtfindet, deren Regeln man beherrscht und in der man sich sicher fühlt – eben, bis sie untergeht. So gesehen ist unsere Zeit geprägt von Weltuntergängen, wir nennen diese ständige Zerstörung von Welten, die immer vorläufiger, immer fragiler und unsicherer werden, nur anders, wir reden nicht von Weltuntergang, sondern von Wandel oder von Fortschritt. Weil es danach ja irgendwie weitergeht.

Und die Maya hatten (vielleicht) doch recht

Der Maya-Kalender war auf gut fünf Jahrtausende angelegt. Vermutlich meinten seine Erfinder, damit sei ein ausreichender Zeitraum für die Welt der Maya abgedeckt, und damit lagen sie gar nicht schlecht. Es ist fast genau 500 Jahre her, als mit der Landung der ersten Spanier auf Yucatán (es waren interessanterweise Schiffbrüchige) der Untergang der Maya-Welt begann, da war der Kalender zu rund 90 Prozent abgelaufen. Jetzt, wo der Kalender an seinen Anfangspunkt zurückgekehrt ist, sind von der Welt, für die er gebaut wurde, nur noch Ruinen und Relikte übrig.

Man sagt manchmal, dass der Tag, den wir in unserem Kalender als den 21.12.2012 markieren, für den Maya-Kalender nichts anderes ist als etwa ein Jahrtausendwechsel für uns. Aber das ist wohl nicht ganz richtig. Im Maya-Kalender war die Endlichkeit einer Welt im Sinne eines kulturell stabilen Gebildes mit angelegt, und wenn man so will, hat sich diese Vorstellung bewahrheitet. Unser Kalender läuft zwar ewig, aber ob ihn noch jemand benutzt, wenn das sechste Jahrtausend seiner Zeitrechnung angebrochen ist, das ist sehr ungewiss.

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