Zwei Arten zu haben

Jörg Friedrich16.12.2012Gesellschaft & Kultur

Eigentum und Besitz sind keineswegs dasselbe. Im gesellschaftlichen Zusammenspiel wird ihr Unterschied nicht nur offensichtlich, sondern mitunter maßgeblich.

Wir haben eine reiche Sprache, und manchmal scheint es, als hätten wir viele Wörter, um immer das gleiche Ding zu bezeichnen. Die Bedeutungen der beiden Begriffe Eigentum und Besitz etwa sind in der Alltagsverwendung kaum zu unterscheiden. Wenn man vom metaphorischen Sprachgebrauch absieht, handelt es sich in beiden Fällen um eine Beziehung zwischen einem Menschen und einer Sache, in der die Person über den Gegenstand weitgehend nach Belieben verfügen kann, ohne dass ein anderer Einspruch dagegen einlegen darf. Das Ding ist „meins“, sowohl wenn es mein Eigentum ist als auch wenn ich es besitze. Ich kann damit fast alles machen, was ich will.

Vom Eigentum mag sich niemand trennen

Im Folgenden geht es nicht um die verschiedenen Arten dieser Verfügungsrechte und ihre Einschränkung durch Sitten oder gesetzliche Regelungen. All das betrifft das Eigentum ebenso wie den Besitz. Vielmehr soll der Differenz zwischen beiden nachgegangen werden. Diese Differenz ist für den tatsächlichen Umgang mit der Sache von enormer Bedeutung, und deshalb ist es für die Gemeinschaft wichtig, diese Differenz zu schärfen, als ihrer alltäglichen Abschleifung und Verschleierung nachzugeben.

Wenn jemand etwas „sein Eigen“ nennt, dann bringt das eine besonders enge, unauflösbare Beziehung zu diesem Ding zum Ausdruck. Das, was mein eigen ist, ist mir eigen. Das heißt, mein Eigentum sagt etwas über das Eigentümliche an mir. Eigentum ist ein eigentlicher Teil meiner eigentlichen Individualität. Das, was einer ist, und das, was sein Eigentum ist, ist unauflöslich miteinander verbunden: Ein Handwerker etwa nennt Handwerkszeug sein Eigen, ein Briefmarkensammler eben eine Briefmarkensammlung, ein Verleger seinen Verlag. Von seinem Eigentum mag sich niemand trennen, es ist, als wenn man sich dann von etwas trennen müsste, was die eigene Identität bestimmt.

Auch wenn wir im Alltag sagen, dass der Sammler die Briefmarken besitzt und der Handwerker das Werkzeug, meint „Besitz“ etwas anderes. Ich kann eine Sammlung auch besitzen, weil ich sie geerbt habe, ich sage in solchen Fällen eher, dass ich „die Sammlung des Großvaters in meinem Besitz“ habe, als dass ich sie als „mein Eigentum“ bezeichne.

Eigentum genügt sich selbst

Sich von einem Besitz zu trennen, ist einfacher, als Eigentum zu verkaufen. „Eigentum verpflichtet“, sagt man ganz selbstverständlich, dass „Besitz verpflichtet“, kommt hingegen nicht so leicht von den Lippen. An dieser Stelle wird die Differenz zwischen Eigentum und Besitz gesellschaftlich interessant. Der Besitz ist nicht mehr als ein Werkzeug, ein Mittel zum Erreichen von Interessen, die mit dem Besitz selbst nichts zu tun haben, Eigentum hingegen genügt sich selbst, seine Erhaltung und Gestaltung ist Selbstzweck, Selbstverwirklichung des Eigentümers.

Um Eigentum zu erhalten und zu entwickeln, bindet der Eigentümer sich selbst identifizierend in ein gesellschaftliches Beziehungsgeflecht ein, welches seinem Eigentum einen Sinn verleiht, eine Bedeutung, aus der heraus das Eigentum sich erhalten kann. Dem Besitzer ist solch eine innige Verbundenheit mit seinem Besitz fremd, wenn es ihm passt, zerstört er ihn, oder er veräußert ihn an andere, in deren Besitz das Ding dann übergeht. Am Erhalt des Sinns dieses Dinges, seiner gesellschaftlichen Bedeutung, ist der Besitzer nicht interessiert, Besitz hat keinen Sinn, sondern ist nur Zweck für anderes, nach denen dem Besitzer der Sinn steht.

Bedenklich ist es nicht nur, wenn in einer Gesellschaft das Eigentum in Verruf gerät, sondern vor allem, dass immer mehr Eigentum zu Besitz wird. Daran gehen Unternehmen zugrunde – und der Schaden für die Gesellschaft kann enorm sein. Kein Adam Opel baut mehr Autos in Bochum, kein Verleger leitet den Suhrkamp-Verlag. Es sind die Besitzer, die der Gemeinschaft schaden, nicht die Eigentümer.

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