Wir leben nicht mehr in der Wolfsgesellschaft. Christian Lindner

Das Ende des Klimaschutzes

Auch Doha zeigte, dass sich die Politik nicht nach der Klimaforschung richtet. Höchste Zeit also, dass sich die Klimaforschung nach der Politik richtet.

Die Klimaschutzkonferenz von Doha hat vor allem eines gezeigt: Eine Einigung zu einem globalen Problem ist auf der Basis der derzeitigen internationalen Strukturen nicht möglich, wie groß die Gefahr, die möglicherweise aus dem ungelösten Problem erwächst, auch sein mag.

Klimawissenschaftler werden kein Umdenken erreichen

Erstaunlicherweise muss man konstatieren, dass die sogenannte Weltgemeinschaft umso unfähiger ist, einen abgestimmten Weg zur Verringerung der Gefahr zu finden, desto sicherer die Ergebnisse der Forscher werden. Das ist nur scheinbar paradox, denn auch wenn die Prognosen der Klimaforscher immer klarer werden, bleibt die Katastrophe abstrakt, und niemand weiß genau, wann sie wo zuschlägt. Die Probleme, die die Herrschenden aller Nationen jedoch haben würden, wenn sie den Weg des Wachstums mit den damit verbundenen Wohlstandsgewinnen nicht weiter ohne Rücksicht auf die Verluste der Klimastabilität gehen würden, sind relativ konkret.

Hinzu kommt, dass die Schuldzuweisungen für den globalen Klimawandel ebenso immer präziser werden, desto klarer die Wissenschaftler die Zusammenhänge erkennen. Und mit den Anschuldigungen kommen die Forderungen, die zumeist wiederum von den Beschuldigten schon aus politischen Gründen nicht angenommen werden können.

Die Prinzipien der globalen Diplomatie und der von nationalen Interessen geleiteten Entscheidungsmacht der Verhandlungspartner verhindern eine Lösung, und eine Veränderung dieser Prinzipien ist wiederum nicht in Sicht. Somit bleibt nur, sich auf die kommenden Katastrophen einzustellen. Die Klimawissenschaftler können getrost aufhören, uns immer präziser auszurechnen, um wie viel Grad die globale Mitteltemperatur am Ende dieses Jahrhunderts gestiegen sein wird. Sie werden damit kein politisches Umdenken mehr erreichen können.

Ihre ganze Kraft sollten sie stattdessen darauf konzentrieren, lokale Klimaprognosen für die Veränderungen in den nächsten zehn oder zwanzig Jahren zu erstellen. Das interessiert die Menschen, und darauf können sie sich dann konkret einstellen. Das interessiert womöglich sogar die Politiker, sowohl die der Kommunistischen Partei in China, die in Fünf-Jahrplan-Zeiträumen plant, als auch die demokratisch gewählten, in Wahlperioden denkenden, der westlichen Demokratien. Sie alle wollen für die Zeit, die sie noch erleben werden, in den Köpfen ihrer Völker als vorausschauende, weise Herrscher in Erinnerung bleiben.

Aber auch die praktische Bedeutung solcher Prognosen ist enorm. In solchen Zeiträumen können große Infrastrukturprojekte geplant werden, über ein oder zwei Jahrzehnte können Schutz- und Umstrukturierungsmaßnahmen angelegt werden. Um ihre Existenzberechtigung müssen sich die Klimaforschungsinstitute bei einer solchen Neuausrichtung nicht sorgen.

Diskussion über die moralische Folgen notwendig

Weit wichtiger ist jedoch, dass innerhalb der verschiedenen Gesellschaften, also etwa im europäischen Maßstab, die Diskussion über die moralischen und schließlich interessenspolitischen Folgen des Klimawandels beginnen muss. Wenn man es ganz nüchtern betrachtet, ergibt sich für Europa und Nordamerika etwa folgende Situation: man muss sich zwar eingestehen, dass man mit der Industrialisierung und der darauf basierenden Wohlstandsmehrung der Auslöser und Hauptverursacher des Klimawandels ist. Zudem werden, nach allem, was man bisher weiß, die Auswirkungen des Klimawandels in Europa vergleichsweise gering sein – jedenfalls, wenn man von den küstennahen Regionen absieht. Außerdem werden die europäischen und nordamerikanischen Industrienationen noch am ehesten in der Lage sein, die Folgen des Klimawandels finanziell und technologisch zu beherrschen.

Dem gegenüber stehen die Regionen der Erde, die einerseits relativ wenig Schaden im Klimasystem angerichtet haben, die aber andererseits ganz besonders darunter zu leiden haben werden. Wir können in der westlichen Welt nicht früh genug damit beginnen, über die Konsequenzen dieser Situation nachzudenken. Dass die europäischen und nordamerikanischen Wähler in zehn oder zwanzig Jahren mehrheitlich Parteien in ihre Regierungen wählen, die sich der besonderen Verantwortung des Westens für die nahenden Katastrophen stellen und etwa solidarischen Wohlstandsverzicht in Europa im Interesse von Investitionen in Hochwasserschutz in Asien ins Zentrum ihrer Politik rücken, ist unwahrscheinlich. Viel wahrscheinlicher ist, dass europäische Regierungen von ihren Wählern beauftragt werden, Wohlstandswahrung im Angesicht der eigenen Herausforderungen und Probleme zu betreiben.

Keine Fortsetzung des westlichen Kultur-Imperialismus

Auf der anderen Seite kann es wohl auch tatsächlich nicht langfristiges Ziel sein, dass die Europäer und Amerikaner, aus ihrer eingestandenen Schuld am Klimawandel heraus, überall auf der Welt zu rettenden Engeln werden. Das wäre nichts anders als eine Fortsetzung des westlichen Kultur-Imperialismus.

Jede Region muss wahrscheinlich das eigene Schicksal selbst in die Hand nehmen, entsprechend der eigenen Verantwortung, die letztlich spätestens aus dem Scheitern der Klimakonferenz-Politik auch jeder einzelnen Regierung, die jetzt nur kurzfristig und nur national denkt, erwächst.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Jörg Friedrich: Keine Angst

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