Wir sind nicht per Du

von Jörg Friedrich2.12.2012Medien

Online-Aktivisten sehen sich im Sterben der Zeitungen wieder einmal bestätigt – und geben sich dabei alle Mühe, so zu tun, als würden sie ohne auskommen.

Google duzt mich. Das ist verständlich, denn in Zeiten höchster Gefahr, wenn alles auf dem Spiel steht und alles verteidigt werden muss, was wirklich zählt im Leben, bleibt für Förmlichkeiten und höfliche Umgangsformen keine Zeit. Und es steht nicht weniger auf dem Spiel als „mein Netz“ – wer könnte da distanziert bleiben.

Wenig Mitleid für sterbende Zeitungen

In „meinem Netz“, das bedeutet, in den Nachrichtenströmen der sozialen Medien, denen ich folge, ist die Aufregung tatsächlich groß. Es geht um zwei Themen: Einerseits wird in den letzten Tagen wieder einmal eifrig diskutiert, ob „Zeitungen sterben“ und was in einer Welt fehlen wird, in denen es dann keine Zeitungen mehr gibt. Andererseits geht es eben um die große Gefahr der „Freiheit des Netzes“, zu deren Schutz ich mich mit der großen Suchmaschine, die mich so vertraulich anspricht, zusammentun soll.

Zum „Zeitungssterben“ haben viele Online-Meinungsführer ein weit gelasseneres Verhältnis als etwa zum „Walsterben“ oder zum „Waldsterben“. Viele Internet-Aktivisten, deren Äußerungen ich verfolge, sind offenbar der Meinung, dass Zeitungen sterben, weil sie eine Leistung anbieten, die niemand mehr nachfragt. Berichte über Ereignisse auf der Welt einschließlich der notwendigen Analysen und der wissenswerten Hintergrundinformationen können durch die vernetzten Menschen, die die Infrastrukturen des Internets und der mobilen Kommunikationstechnologien nutzen und beherrschen, viel schneller und authentischer zur Verfügung gestellt werden als durch den schwerfälligen, altmodischen Journalismus – und mehr will man gar nicht. Wenn also journalistisch arbeitenden Unternehmen in Schwierigkeiten kommen, so die allgemeine Meinung, dann ist das schlicht der Tatsache geschuldet, dass sie nicht mehr gebraucht werden, und dass sie das irgendwie selbst verschuldet haben. Deshalb hat man mit Zeitungen auch weniger Mitleid als mit Walen oder Wäldern.

Den gleichen Leuten ist die „Freiheit des Netzes“ natürlich heilig. Deshalb haben sie auch kein Verständnis dafür, dass Suchmaschinen und News-Aggregatoren nach dem geplanten Leistungsschutzrecht für die Nutzung von Leistungen zahlen sollen, die sie nicht selbst produziert haben, deren Erstellung also von anderen finanziert wurde.

Schwer zu trennen vom Feindbild „Papier-Journalismus“

Um welche Leistungen geht es? Um die journalistischen Produkte von Zeitungen und Zeitschriften, um Nachrichten, Berichte, Analysen, Pressefotos. Aber Moment mal: Waren das nicht die Produkte, die in der schönen neuen Netzwelt niemand mehr braucht, weil die viel besser und schneller ganz ohne die Redaktionen der „Print-Medien“ bereitgestellt und verteilt werden können? Warum ist die „Freiheit des Netzes“ in Gefahr, wenn Zeitungsverlage von Google Geld für Nutzung einer Leistung verlangen, die vorgeblich niemand braucht? Muss man nicht annehmen, dass es gar keiner merken würde, wenn Google die Zeitungsnachrichten nicht mehr auf der eigenen News-Seite bereitstellen würde?

Die Aufregung der Netzgemeinde über den Versuch der Verlage, sich ein Leistungsschutzrecht gesetzlich zu sichern, zeigt, dass mit der Behauptung, die Leistung der Journalisten in den Redaktionen würde nicht mehr gebraucht, etwas nicht stimmen kann. Vielmehr wird man den Verdacht nicht los, dass die Online-Aktivisten sich von ihrem alten Feindbild „Papier-Journalismus“ nicht trennen wollen. Es sind nicht die faktischen Zusammenhänge, die die Meinungsbildung im Netz bestimmen, sondern dass man sich weitgehend darüber einig ist, dass der Gegner immer der organisierte, kommerzielle Journalismus ist. Was der tut, ist das falsche, das muss man bekämpfen – egal, worum es geht und mit wem man sich dabei verbündet.

Am Ende doch die alten Medien

Dabei sind die Online-Portale der großen Zeitungen noch immer die wichtigsten Referenzpunkte der Diskussion der Netzgemeinde. Kommentare und Analysen der Journalisten, die für diese Medien arbeiten sind es, an denen sich die Diskussionen in den sozialen Medien entzünden und entlang bewegen – und dass die Internet-Community nicht ohne den professionellen Journalismus auskommt, das zeigen die Ereignisse um das Flüchtlingscamp am Brandenburger Tor in Berlin ebenso wie der Piratenparteitag: Damit in der Öffentlichkeit überhaupt zur Kenntnis genommen wird, was die Netzaktivisten bewegt und was sie zu bewegen versuchen, müssen Journalisten her, die in Funk, Fernsehen und in den Zeitungen (oder auf deren Webseiten) darüber berichten – und am Ende interessiert auch die Internet-Gemeinde nicht, was in Blogs, bei Facebook oder Twitter steht, sondern ob die alten Medien auf ihren bunt bedruckten Papierbögen darüber berichtet haben.

Wer auf Basis der neuen Technologien wirklich etwas in der Gesellschaft verändern will, braucht nämlich Anschluss an diese Gesellschaft, und diesen Anschluss stellen Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunk und Fernsehen her. Das sind die natürlichen Verbündeten der Online-Aktivisten, nicht ein Großkonzern, der davon lebt, dass ich aus Versehen nicht auf ein Suchergebnis, sondern auf eine bezahlte Anzeige klicke, die mich auf Webseiten führt, die ich nie besuchen wollte, und der Angst hat, von seinen fantastischen Renditen einen Bruchteil an die abgeben zu müssen, die uns im Moment immer noch mit dem größten Teil der gewünschten Informationen versorgen.

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