Ich bin kein Pazifist. Egon Bahr

Gefangen im Zustimmungsnetz

Zustimmung auszudrücken ist deutlich leichter als Widerspruch. Das gilt online noch mehr als offline. So lange wir aber außerhalb des Netzes nicht offene Kritik üben, brauchen wir auch keinen Gefällt-mir-nicht-Button.

Die Institutionen unserer Gemeinschaft sind so strukturiert, dass es uns leicht gemacht wird, jemandem zuzustimmen, zu applaudieren, Begeisterung zu zeigen. Zu widersprechen, Ablehnung oder ernste Zweifel kundzutun, ist hingegen oft nicht so einfach möglich. Offensichtlich wird das in den sozialen Netzwerken des Internets, Facebook und Twitter sind Zustimmungsnetzwerke. Mit ihren Buttons für „Gefällt mir“, „Favorisieren“ und „Teilen“ wird mehr oder weniger explizit Zustimmung signalisiert. Aber die Betreiber dieser Netze würden solche Funktionen nicht bereitstellen und gleichzeitig auf „Gefällt mir nicht“, „Ablehnen“ und Ähnliches verzichten, wenn die Benutzer, in einer Welt außerhalb des Internets sozialisiert, es anders haben wollen würden. Die Tatsache, dass die sozialen Netzwerke auf Zustimmung ausgelegt sind, zeigt besonders deutlich, dass nicht das Internet unser Denken und Handeln bestimmt, sondern dass umgekehrt die Internet-Systeme so konzipiert und realisiert werden, dass sie bestens zu unseren – bisher vielleicht nicht so deutlich sichtbaren – sozialen Wünschen passen.

Schwierig, Widerspruch oder Ablehnung deutlich zu machen

Wirft man einen Blick in die Netzwerke außerhalb der digitalen Welt, dann erkennt man schnell, dass auch dort das Äußern von Zustimmung der einfach umzusetzende Normalfall ist, während es schwierig ist, Widerspruch oder Ablehnung deutlich zu machen. Im Konzert, bei Podiumsdiskussionen, während eines Vortrags: wer zustimmt, klatscht in die Hände oder trommelt mit den Füßen auf den Boden, mit den Handknöcheln auf den Tisch. All das bedeutet begeisterte Zustimmung. Wer enttäuscht ist von dem, was ihm da geboten wird, schweigt hingegen oder hält sich beim Applaus zurück.

Natürlich gibt es Ausnahmen: Wenn die Fans beim Fußballspiel mit der Leistung ihrer Mannschaft unzufrieden sind, gibt es Pfiffe. Auch im Theater sind schon Pfiffe oder Buh-Rufe gehört worden, wenn die Begeisterung für die Aufführung sich in Grenzen hält. Aber umso gepflegter und kultivierter sich eine Gemeinschaft gibt, desto schwieriger ist es, dezidierte Ablehnung zu äußern. Man hält sich zurück, man äußert seinen Unmut im kleinen Kreis.

Zustimmung schafft Solidarität und Identifizierung mit einer Gemeinschaft. Durch den Beifall, der für jeden Außenstehenden deutlich wahrnehmbar ist, zeigt eine Gruppe ihre Einigkeit, ihre Geschlossenheit. Zustimmung ist somit eine Technik der Abgrenzung: Wer meint, die Beifalls-Rituale nicht mitmachen zu können, da sein Widerspruch zum Vorgetragenen zu groß ist, bleibt fern. Verirrt sich gar ein Außenstehender in eine solche Gemeinschaft, erscheint sie ihm als homogene Gruppe, die in allem, was geäußert wird, übereinstimmt. Differenzierungen gehen im Applaus der Masse unter. So entmischen sich soziale Gruppen, die am Schluss als solitäre Blöcke einander gegenüberstehen, im Inneren einig und nach außen durch unüberwindbare Gegensätze voneinander abgegrenzt.

Die sozialen Netze mit ihren Fan- und Favoriten-Funktionen treiben diese Homogenisierung bei gleichzeitiger Abgrenzung von „den Anderen“ zur Perfektion. Gleichzeitig bleiben die auf diese Weise konstruierten „radikal Anderen“ im Netz sichtbar. Man kann sich immer mal wieder ungesehen in ihren Netzen umschauen, und kann sich – die dortigen Beifallsstürme für fremde Weltbilder kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmend – seines eigenen grundsätzlichen Andersseins versichern.

Es ist nur auf den ersten Blick ein Widerspruch zum allgegenwärtigen Zustimmungsnetz, dass sich gerade in den Online-Netzen immer wieder heftige Auseinandersetzungen und sogenannte Shitstorms ereignen. Der Shitstorm trifft die Mitglieder der bisher homogen erscheinenden Gemeinschaft, wenn sie nicht verbergen, dass ihre persönliche Identität eben nicht immer und überall mit der Gemeinschaft identisch ist. Er ist ein Werkzeug der Homogenisierung, indem er Individualität entweder diszipliniert oder aussondert. Auch im Shitstorm zeigt sich zudem mehr Beifall als Widerspruch, besteht er doch zum großen Teil aus dem Favorisieren und Weiterverbreiten von Ablehnungsäußerungen.

Widerspruchsmöglichkeit müsste auch genutzt werden

Bräuchte das Netz also mehr Möglichkeiten, einen Widerspruch zu äußern? Damit wäre es nicht getan, denn er müsste auch genutzt und akzeptiert werden. Solange wir im Leben außerhalb des Netzes offenen Widerspruch nicht als selbstverständlich akzeptieren, solange wir freundlich lächelnd „Toll“ und „Prima“ rufen und hinter vorgehaltener Hand flüstern, wie schlecht wir das Gesehene und Gehörte fanden, brauchen die Programmierer der sozialen Netze auch keinen „Gefällt mir nicht“-Button zu implementieren.

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