Die Deutschen misstrauen leidenschaftlichen Charismatikern. Bodo Hombach

Keine Angst vor Second Life

Die große Zeit der Simulation Second Life ist schon lange vorbei. Es zeigt jedoch, warum im Internet immer noch der Nutzer bestimmt, wo es lang geht.

Vor rund zehn Jahren, im Herbst 2002, wurde die Beta-Version von „Second Life“ veröffentlicht, rund fünf Jahre später war das System, das seinen Benutzern ermöglicht, in einer virtuellen Welt per Avatar zu handeln und zu interagieren, auf einem Höhepunkt angekommen. Ausgelöst durch das schnelle Wachstum der Zahl der angemeldeten Benutzer, war „Second Life“ plötzlich zum Gegenstand der Medien geworden. Psychologen, Pädagogen, Soziologen, Ökonomen und Kriminologen analysierten, diskutierten und kritisierten das neue Phänomen und warnten – wenig überraschend – vor den Folgen seiner Ausbreitung. Neue Formen der Abhängigkeit und Sucht sah man entstehen, ungeahnte Realitätsflucht der „Bewohner“ wurde beschworen und natürlich auch vor der unkontrollierbaren Ausbreitung von Pornografie und Gewaltverherrlichung gewarnt. Man sah schon ganz deutlich, wie die ganze Jugend der westlichen Hemisphäre, verborgen in dunklen Kinderzimmern vor leuchtenden Monitoren, an die böse, gefährliche Scheinwelt von „Second Life“ verloren gehen würde – um natürlich dort am Schluss von einem übermächtigen Konzern manipuliert, in Abhängigkeit gehalten und schließlich ausgebeutet zu werden.

„Second Life“ ist in Vergessenheit geraten

Heute ist „Second Life“ fast vergessen, die Benutzerzahlen sind seit Jahren im steten Sinkflug, die investigativen Journalisten haben ihre Accounts gelöscht, die Nachrichtendienste ihre Agenten abberufen. Die Warner und Untergangs-Propheten, die zuerst die jungen Leute und dann uns alle im Sumpf der digitalen Medien und virtuellen Welten versinken sehen, sind nicht leiser geworden, sie füllen weiterhin die Regale der Bücherläden und die Seiten der Feuilletons.

Dabei ist „Second Life“ ein schöner Fall, an dem man gut beobachten kann, was wirklich dran ist an der These, dass das Internet und die mobile Kommunikation unser Denken und Handeln so gravierend und radikal verändern. Das Bild, was da gezeichnet wird, ist nicht neu: eine riesige Maschinerie, die sich als Netz über unser ganzes soziales Leben wirft, fängt uns ein und lässt uns nicht entkommen. Sie lockt uns mit irgendwelchen interessanten, hilfreichen oder den Spieltrieb befriedigenden Mittelchen: Vor ein paar Jahrzehnten waren es Radio und Fernseher oder Schnickschnack am Auto, heute sind es die Apps für alles Mögliche, Nachrichtenströme, Kommunikationsfetzen, die uns auf Mobiltelefonen und Flachbildschirmen angezeigt werden. Die machen uns süchtig, lassen uns die wirkliche Welt vergessen, wir liefern uns ihnen aus und schließlich werden wir zu Sklaven des technischen Netzes.

Angetrieben wird diese Maschinerie natürlich von kapitalistischen Großkonzernen, und hinter denen wiederum verbergen sich ein paar geldgierige und skrupellose Geschäftemacher, die uns in ewiger Dummheit und Abhängigkeit halten werden.

Der Fall von „Second Life“ zeigt, warum dieses Bild, dieses Schreckensszenario, falsch ist: An der Tastatur, vor den Bildschirmen sitzen Menschen, und die lassen sich nur von etwas gefangen nehmen, was sie schon vorher, bewusst oder unbewusst, gewollt haben. Das beste Mittel gegen die Allmacht der Konzerne ist die Langeweile der Benutzer. Sie lassen sich auf Neues ein, sie spielen eine Weile damit, und wenn es langweilig wird, lassen sie es wieder sein. Diese Benutzer sind weit kritischer als die Technikkritiker sich überhaupt vorstellen können: Sobald sie irgendetwas wirklich stört, etwa wenn sich die Werbung zu sehr in den Vordergrund schiebt oder die Gestaltungsmöglichkeiten zu begrenzt sind, ziehen sie weiter. Das Sterben der VZ-Netzwerke ist dafür auch ein gutes Beispiel.

Das Internet ist abhängig von seinen Benutzern

Schaut man genau hin, dann sind nicht die Nutzer von den Betreibern der sozialen Netzwerke abhängig, sondern das Gegenteil ist der Fall: Durch die Vernetzungsmöglichkeiten, die der Betreiber selbst bietet, schafft er die Plattform für Ablehnung und Verweigerung, die ihn in den Abgrund ziehen kann. „Second Life“ geht daran zugrunde, dass jeder sieht, dass die schöne virtuelle Welt eine Wüste der Einsamkeit wird. Auf Twitter findet man die Links zu alternativen Anbietern, die genutzt werden können, sobald die Plattform nicht mehr das macht, was die Benutzer wollen. Die Auswanderung in ein neues gelobtes Land ist immer nur einen Mausklick weit entfernt. Mit dem letzten Tweet wird die Einladung ins neue Netzwerk an alle Freunde verschickt.

Ist also alles ganz wunderbar und gibt es gar nichts auszusetzen an der schönen neuen Welt des Internets? Offensichtlich nicht. Es wäre nur weit gefehlt, die Ursachen dessen, was unsere Gesellschaft ganz allmählich in Richtung Atomisierung treibt, was das gesellschaftliche Band auflöst, im Internet, in den Medien oder den Informationstechnologien zu suchen. All diese Techniken sind nicht der Grund, sondern die Folge eines Prozesses der Veränderung der Kultur, die man durchaus kritisch analysieren kann. Das Internet, wie es uns heute mit sozialen Medien begegnet, auf denen Freundschaftsbeweise und Unterstützung in Icon-Form ausgetauscht und Informationsfetzen, wenn sie denn die eigene Meinung bestätigen, unreflektiert weiterverteilt werden, dieses Medium ist so geworden, wie es die vernetzte Vernunft schon lange zuvor gewollt und gefordert hat, und es wird sich auch nur in dem Maße und in die Richtungen weiterentwickeln, wie es die Menschen mit ihren Wünschen und Sehnsüchten fordern. Wer das kritisieren will, muss bei diesen Wünschen, diesen Sehnsüchten ansetzen, und nicht bei der Technik, die sie befriedigt.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Jörg Friedrich: Keine Angst

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