Es gibt ja immer Krise und nie gute Zeiten – zumindest kriege ich die nicht mit. Dagobert Jäger

Proletarier, zeltet nicht

Okkupation ist ein wichtiger Teil des Protests, durch sie kann gesellschaftliche Veränderung bewirkt werden. Für die „Occupy“-Bewegung gilt das nicht – ihr Name ist nur Anmaßung.

Eine Okkupation ist eine große Sache. Man besetzt fremdes Territorium und übernimmt dort faktisch die Macht, entscheidet über die Bewegungsmöglichkeiten der Bewohner des okkupierten Landes.

Die Besetzung eines Landes, das von niemandem bewohnt oder sonst wie genutzt wird, ist von vornherein eine merkwürdige Sache. Natürlich kann man präventiv vorgehen, man kann in der Voraussicht, dass ein Gelände demnächst von jemandem genutzt werden soll, dass jemand die Besiedlung eines Fleckens beabsichtigt, diesen besetzen – der Platz ist dann besetzt, er kann nicht mehr durch andere besetzt werden.

Den Lauf der Dinge stören

Okkupation ist ein notwendiger Teil jeder revolutionären Veränderung einer Gesellschaft. Man muss die Leute daran hindern, so weiter zu machen wie bisher, man muss sie in ihrem Alltag und ihren Absichten stören, sich ihnen in den Weg stellen. Barrikaden werden nicht errichtet, um sich dahinter zu verschanzen und die, die daran vorbei wollen, abzuschießen; Barrikaden sind dazu da, den normalen Lauf der Dinge zu stören. Man besetzt den alltäglichen Weg der Leute, und zwar so, dass sie ihr Ziel nicht erreichen können.

Im Allgemeinen haben die, die ihrer alltäglichen Arbeit nachgehen wollen, das Recht und das Gesetz auf ihrer Seite, denn die sind dazu da, die alltäglichen Prozesse der Gesellschaft zu regeln und zu ermöglichen. Wer okkupiert und Barrikaden baut, der stellt sich damit fast notwendigerweise auch gegen das Gesetz, und das sollte einen Besetzer normalerweise auch nicht anfechten, denn seine Aktion ist ja darauf gerichtet, die Gesellschaft, wie sie ist, zu verändern.

Als vor rund einem Jahr die so genannte Occupy-Bewegung in Amerika ihren Anfang nahm, haftete ihr deshalb von Anfang an etwas Absurdes an. Die Lächerlichkeit, von der der heutige Bundespräsident sprach, begründete sich nicht in den Zielen der Bewegung, sondern in der Anmaßung, die in dem als Aufruf gedachten Namen „Occupy“ steckte. Man merkte vom ersten Tage an, dass die Bewegung aus dem Internet kam. Dem Platz, auf dem man seinen Gegnern am besten aus dem Wege gehen kann. Dem Ort, an dem es am besten gelingt, eigene Netze aufzubauen, die sich mit den Netzen der anderen, derer, die andere Meinungen und andere Ziele haben, fast gar nicht mehr berühren. Hier kann man parallele mediale Wirklichkeiten in Perfektion schaffen, man kann sich mit seinesgleichen stark fühlen und braucht die Begegnung mit denen, die man eigentlich bekämpfen will, nicht zu fürchten.

Keine Besetzer, sondern ein Ärgernis

Wenn sich so eine Gruppierung dann hinaus in die leibliche Wirklichkeit wagt, setzt sie ihr Parallelwelt-Wirken fort: Als erstes wurde ein Park in Manhattan besetzt, nicht weit entfernt zwar von der Börse, aber weit genug, damit die physische Begegnung mit dem Gegner und denen, die ihr alltägliches Arbeiten sichern, auf ein Minimum reduziert werden konnte. Das Ganze nannte sich großsprecherisch „Occupy Wall Street“. Doch die Wall Street wurde nicht besetzt, es wurden Zelte gebaut auf einem Gelände, das niemand – außer ein paar Sonntags-Spaziergängern – beanspruchte.

Diese Bewegung verbreitete sich dann bald in der ganzen westlichen Welt, und selbst im beschaulichen westfälischen Münster wurden im Schatten eines Bürohochhauses ein paar Zelte errichtet. Kein Finanzinvestor wurde in seinem Tun behindert, die Politik der Regierungen – so gut oder schlecht sie war – konnten die, die sich da „Aktivisten“ nannten, getrost übersehen, es waren und sind keine Besetzer, sie sind allenfalls ein Ärgernis, so wie Baustellen oder falsch geparkte Autos.

In diesen Tagen wird nun, ganz deutsch und bürokratisch, mit dem Ordnungsamt über die erlaubte Platzierung von Sitzbänken und Zelten verhandelt, und entrüstete Bürger beklagen in Leserbriefen der Regionalpresse den Zustand der Grünanlagen.

Okkupation als Farce

Man muss die Ziele von Atomkraftgegnern nicht teilen, und muss doch eingestehen, dass die Engagierten unter ihnen sich wenigstens tatsächlich dem, was sie bekämpfen wollen, ganz physisch in den Weg stellen – auch wenn die Lust zur Besetzung bei den meisten dann schnell zu Ende ist, wenn ein paar starke Uniformträger sie beiseite tragen.

Diejenigen aber, die sich auch noch den großen Begriff der Okkupation zum Namen gemacht haben, sind nur eine Farce, eine Karikatur des Barrikadenkampfes – sie machen das Heroische der Revolutionen, die mit Okkupationen begannen, lächerlich. In einer Gesellschaft, in der das Aufstellen eines Zeltes in einer städtischen Grünanlage schon eine Okkupation ist, da ist wirklicher, grundsätzlicher Wandel wohl nicht mehr möglich – nur noch ein schleichendes Absinken in die Agonie.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Jörg Friedrich: Keine Angst

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